Ernst Ferdinand Sauerbruch (* 3. Juli 1875 in Barmen, heute Stadtteil von Wuppertal; † 2. Juli 1951 in Berlin) war ein deutscher Chirurg und Sanitätsoffizier. Er war Generalarzt, Staatsrat, Geheimrat, Hochschullehrer und einer der bedeutendsten und einflussreichsten Chirurgen des 20. Jahrhunderts. Bekannt wurde er unter anderem als Pionier der neuzeitlichen Thoraxchirurgie und der 1904 in Breslau entwickelten Unterdruckkammer sowie für die Entwicklung einer künstlichen Hand.
Ferdinand Sauerbruchs Vater, technischer Leiter einer Tuchweberei, starb etwa zwei Jahre nach Ferdinands Geburt an „galoppierender Schwindsucht“. Er hatte sein Vermögen in die Konstruktion eines neuen Webstuhls investiert und verloren. Ferdinand und seine finanziell mittellose Mutter (* 1840) zogen ins Haus seines Großvaters nach Elberfeld. Dort wuchs Ferdinand Sauerbruch auf. Seine Mutter starb 1920 nach einem Schlaganfall im Münchner Anwesen von Ferdinand Sauerbruch und wurde wie ihr Ehemann in Barmen bestattet. Der Großvater, Vater seiner Mutter, Friedrich Hammerschmidt, war Schiedsmann am Elberfelder Rathaus und erfolgreicher Schuhmachermeister. Er übernahm anstelle von Ferdinands Vater die väterliche Rolle. Der Haushalt des Großvaters wurde von dessen Tochter Mathilde († 1922) geführt. Dort lebte noch eine weitere seiner Töchter sowie deren Sohn Fritz. Beide wanderten später, dem Ehemann und Vater folgend, nach Australien aus.
Ferdinand Sauerbruch besuchte die Volksschule in Elberfeld und bestand 1895 das Abitur am Realgymnasium, das er ab Ostern 1885 besucht hatte. (Der Großvater starb während der Schulzeit Sauerbruchs.) Anschließend begann er ein Studium der Naturwissenschaften an der Universität Marburg. Dort wohnte er zunächst bei einer Lokomotivführerwitwe in der Rosenstraße und wurde Mitglied des pharmazeutisch-naturwissenschaftlichen Vereins „Pharmacia“, einer naturwissenschaftlichen Studentenverbindung und Vorläuferin der heutigen Landsmannschaft Hasso-Borussia Marburg. Wenig später trat er dort wieder aus und wurde Mitglied beim Naturwissenschaftlich-Medizinischen Verein Studierender zu Marburg, der heutigen Landsmannschaft Nibelungia. Noch während seiner Fuxenzeit musste er diese wegen „ungebührlichen Verhaltens auf dem Haus“ wieder verlassen. Um ein humanistisches Studium absolvieren zu können, unterzog er sich zunächst einem Griechisch-Examen am Marzellen-Gymnasium in Köln, das er jedoch nicht bestand, sodass ihm nur die Notlösung, Oberlehrer zu werden, erreichbar schien. Im Jahr 1896 absolvierte er erfolgreich die erforderliche Graecumprüfung am altsprachlichen Gymnasium in Mülheim an der Ruhr. Sauerbruch wechselte dann an die Medizinische Fakultät der Universität Leipzig.
Zu seinen Lehrern dort zählten der Schweizer Anatom und Geheimrat Wilhelm His, der seinem Studenten ein Zimmer und „freie Verpflegung“ in seinem Institut verschaffte, und der Chirurg Paul Leopold Friedrich, der später sein Chef in Greifswald wurde.
Er hatte, angeraten von Wilhelm His, auch einen kurzen Studienaufenthalt in Jena, wo er der Turnerschaft Borussia beitrat, deren Conkneipant er wurde und für die er später als Paukarzt auf Mensurtagen tätig war.
Sauerbruch bestand am 26. Februar 1901 in Leipzig das Staatsexamen und erhielt die „für das Gebiet des Deutschen Reiches“ gültige Approbation als Arzt.
Erste Jahre als Arzt, 1902 bis 1908 (Thüringen, Kassel, Berlin, Breslau, Greifswald)
Im Jahr 1902 wurde er mit einer Dissertation über einen Fall kindlicher Knochenerweichung (Ein Beitrag zum Stoffwechsel des Kalks und der Phosphorsäure bei infantiler Osteomalacie) bei Heinrich Curschmann zum Dr. med. promoviert, an deren Schluss er eingestehen musste: „Wir fanden bei unserer Arbeit nichts Neues“.
Er arbeitete in Neudietendorf bei Erfurt kurz als praktischer Arzt in einer Landarztpraxis und war von Anfang April bis Anfang August 1901 Assistent in der chirurgischen Abteilung am von ihrem ärztlichen Direktor Rockwitz geleiteten Hessischen Diakonissenkrankenhaus in Kassel. Dort führte er seine ersten chirurgischen Eingriffe durch.
Er überwarf sich dort mit der Oberschwester und wechselte, nachdem er eine Weile in der Privatpraxis von Rockwitz gearbeitet hatte, am 1. Oktober desselben Jahres als Assistent an die chirurgische Abteilung des Städtischen Krankenhauses in Erfurt, wo er unter Leitung des Sanitätsrats Bock 1902 Erster Assistenzarzt wurde. Er begann dort, sich mit Ursachen und Behandlungsmöglichkeiten des Pneumothorax (der „Luftbrust“) zu beschäftigen, und schrieb seine ersten publizierten wissenschaftlichen Arbeiten. Es wurde ihm daraufhin empfohlen, in einer Universitätsstadt auch wissenschaftlich zu arbeiten. Sauerbruch kündigte zum 1. Januar 1903 seine Stelle in Erfurt.
Ab 1903 arbeitete Sauerbruch für ein Dreivierteljahr bei Robert Langerhans als Volontärassistent an der pathologisch-anatomischen Abteilung des Krankenhauses Berlin-Moabit und ging noch am 1. Oktober desselben Jahres an die Königliche Chirurgische Klinik zu Breslau, wo er als Volontärarzt, ab Ende Januar 1904 als wissenschaftlicher Assistent des Geheimrats und Klinikchefs Johannes von Mikulicz-Radecki und bereits ab 1. Oktober 1904 als (klinischer) Assistenzarzt arbeitete (Mikulicz hatte ihm aufgrund seiner publizierten wissenschaftlichen Arbeit die Stelle von Amerika aus in einem Brief angeboten).
In Breslau, wo ihn anfänglich vor allem sein Kollege Hubert Bardenheuer, der Sohn des bedeutenden Kölner Chirurgen Bernhard Bardenheuer, unterstützte und der leitende Oberarzt Walther Kausch ihm eine Station zuteilte, wurde Sauerbruch, der neben seiner chirurgischen Tätigkeit auch Narkosen (so auch Anfang Januar 1905 bei einer Operation an Mikulicz, bei der dessen unheilbares Krebsleiden festgestellt wurde) durchzuführen hatte, bald Oberarzt.
Angespornt durch seinen Chef Mikulicz, der eine Möglichkeit suchte, Operationen an der Speiseröhre bei offenem Brustkorb (intrathorakal) durchzuführen, begründete er nach mehreren Misserfolgen mit der von ihm in Breslau entwickelten Unterdruckkammer (Druckdifferenzverfahren) die Thoraxchirurgie, d. h. die Operation am offenen Brustkorb. Für viele Tuberkulosekranke, vor allem für solche mit einseitiger schwerer Tuberkulose, war damit durch zuvor nicht mögliche Eingriffe eine chirurgische Therapie denkbar. Sauerbruch lebte zunächst in einem gemieteten Zimmer in Breslau und später in der Klinik. Am 8. Juni 1905 habilitierte er sich als Privatdozent für Chirurgie an der Breslauer Universität. (Er wurde von der Medizinischen Fakultät dazu weitaus früher als üblich zugelassen.)
Mikulicz-Radecki starb im Juni. Es war sicher, dass Mikulicz’ Nachfolger Garré seinen eigenen Oberarzt nach Breslau mitbringen würde. Sauerbruch bewarb sich deshalb als Oberarzt bei seinem ehemaligen Leipziger Chirurgieprofessor Paul Leopold Friedrich am Universitätsklinikum Greifswald, erhielt die Stelle, löste seinen Arbeitsvertrag in Breslau auf und erhielt am 25. Juli 1905 sein Zeugnis von dem mit der Leitung der Breslauer Klinik beauftragten Professor Walther Kausch.
Während eines Urlaubs auf Rügen verlobte sich Sauerbruch mit einer Fabrikantentochter, nahm aber, zurückgekehrt nach Breslau, bald Abstand von der geplanten Heirat.
Im Herbst 1905 verließ Sauerbruch die Großstadt Breslau und fuhr mit dem D-Zug nach Greifswald, eine „kleine norddeutsche Universitätsstadt“ mit etwa 24.000 Einwohnern, seiner neuen Wirkungsstätte, wo er in der dortigen chirurgischen Klinik am Stadtrand ein Zimmer bezog und als Oberarzt tätig wurde. Zur Weiterführung seiner Forschung mit der Unterdruckkammer und angeraten von seinem Breslauer Kollegen und Freund Willy Anschütz ließ er sich die erste Version der Kammer von Breslau nach Greifswald schicken. Zu Operationen am Menschen mit dem Unterdruckkammer-Verfahren kam es dort allerdings nicht. In Greifswald lernte er den Pharmakologie-Professor und Geheimrat Hugo Schulz als Kollegen und Freund sowie dessen Tochter, Adeline (Ada) (* ca. 1885), kennen. Diese arbeitete wissenschaftlich mit ihrem Vater. Sauerbruch und Adeline Schulz verlobten sich.