Felix Ritter von Luschan, nach dem Adelsaufhebungsgesetz 1919 Felix Luschan (* 11. August 1854 in Hollabrunn, Kaisertum Österreich; † 7. Februar 1924 in Berlin, Deutsches Reich) war österreichischer Arzt, Anthropologe, Forschungsreisender, Archäologe und Ethnograph.
Felix von Luschan wurde am 11. August 1854 in Oberhollabrunn (seit 1928 Hollabrunn) als erstes Kind seiner Eltern geboren. Sein Vater, Maximilian Ritter von Luschan (1821–1883), war Hof- und Gerichtsadvokat und Sohn des in Graz tätigen Oberlandesgerichtsrats Lucas von Luschan, der am 21. November 1855 als Ritter des Ordens der Eisernen Krone in den Adelsstand erhoben wurde. Dessen Familienname verweist auf den Ort Lužan in Bosnien, wo das Geschlecht bis zu der Schlacht auf dem Amselfeld (1389) ansässig gewesen war, bevor es nach Laibach übersiedelte.
Am 18. September 1853 hatte der Vater Maximilian die in Brasilien geborene Mutter, Christine von Luschan, geborene Hocheder (1833–1879), geheiratet, deren Familie aus dem Zillertal in Tirol stammte. Ihr Vater, der Geologe Johann Carl Hocheder, hatte von seinem Vater nach anfänglicher Betätigung als Goldwäscher die Entwicklung neuer Methoden zur Aufbereitung und Förderung goldhaltiger Gesteine erlernt, Leokardia Alberti geheiratet, die Tochter des Referenten der k.k. Haller Berg- und Salinenwerke, zu deren Direktor er inzwischen aufgestiegen war, und war mit der Familie zwischen Brasilien, wo er für eine dort Goldminen betreibende englische Bergwerksgesellschaft arbeitete, und Wien hin- und hergependelt, bis die Familie 1841 in Wien sesshaft wurde, wo er als Ministerialsekretär tätig geworden war.
Die Eltern Felix von Luschans waren 1854 von Wien in das 1850 zum Bezirkszentrum des westlichen Weinviertels erhobene Hollabrunn umgezogen. 1855 wurde dort auch sein Bruder Max geboren, 1858 – inzwischen lebte die Familie wieder in Wien – sein Bruder Oscar.
Die Familie pflegte in Wien engen Kontakt zu jener seiner zehn Jahre jüngeren, späteren Frau. Ihr Vater, der Geologe Ferdinand von Hochstetter, war ein Gründungsmitglied der Anthropologischen Gesellschaft in Wien und Pionier der Neuseeland-Forschung. In diesem Umfeld kam es auch für den jungen Felix von Luschan früh zum Kontakt mit europäischen Gelehrten.
Der frühe Tod seiner Mutter im Juli 1879 machte ihn nach eigenem Bekunden „heimat- und obdachlos“. Im elterlichen Haus in Wien wollte er nun nicht mehr dauerhaft bleiben.
Studium, beruflicher Werdegang und Familiengründung
Nach der Reifeprüfung am Akademischen Gymnasium in Wien 1871 studierte Felix von Luschan ab 1871 Medizin an der Universität Wien. 1873 bekleidete er erstmals das Amt des Rechnungsführers für die Anthropologische Gesellschaft Wien und bereitete Sammlungsbestände für die Weltausstellung in Wien auf. 1874 fungierte er als Demonstrator an der Wiener Lehrkanzel für Physiologie und wurde Kustos der Sammlungen der Wiener Anthropologischen Gesellschaft. 1876 nahm er am VIII. Internationalen Kongress für Anthropologie und Urgeschichte in Budapest teil, auf dem er Kapazitäten des Faches wie Rudolf Virchow oder Paul Broca begegnen konnte. 1878 wurde er in Wien zum Doktor der Medizin promoviert und studierte im Sommersemester 1878 bei Paul Broca in Paris an der Ècole d’Anthropologie. Er arbeitete an dem Aufbau der Anthropologischen Ausstellung Österreich-Ungarns für die Weltausstellung in Paris mit und war offizieller Repräsentant Österreichs bei dem in dieselbe Zeit fallenden Anthropologenkongress.
Noch im selben Jahr und bis 1879 rückte er als Militäroberarzt bei der Besetzung Bosniens durch Österreich ein, wo er in beiden Jahren auch archäologische und ethnographische Studien wie Grabungen und Körpermessungen durchführte.
Nach seiner Entlassung aus dem Militärdienst widmete er sich archäologischen und ethnologischen Studien auf dem Balkan, wurde anschließend 1880–1882 als Sekundararzt an das Allgemeine Krankenhaus in Wien berufen, wo er zuerst in der Chirurgie und später in der Psychiatrie zum Einsatz kam, begab sich aber auch bereits 1880 auf Reisen und Grabungen in Dalmatien und Montenegro und nahm 1881 an der ersten und 1882 an der zweiten österreichischen Expedition nach Lykien und Karien unter der Leitung des Archäologen Otto Benndorf teil.
Dazwischen habilitierte er 1882 an der Universität Wien für Anthropologie bzw. für physische Ethnographie. 1882 nahm er zudem an der „pamphylischen Expedition“ unter Karl Graf Lanckoroński teil. 1883 folgte die Teilnahme an einer wissenschaftlichen Reise in die Kommagene zum Nemrud Dağ unter Carl Humann und im Auftrag der Königlich Preußischen Akademie der Wissenschaften mit einer ersten Erkundung von Zincirli und eine weitere Reise nach Karien, Lykien, Pamphylien und Syrien.
1885 wurde er als Direktorialassistent an das „Königliche Museum für Völkerkunde“ (heute Ethnologisches Museum) in Berlin berufen, wo er zum 1. Januar 1886 in den preußischen Staatsdienst eintrat und von 1904 bis 1910 als Direktor der Afrika- und Ozeanien-Abteilungen wirkte.
Am 22. Juli 1885 fand die Hochzeit mit Emma von Hochstetter, in Millstatt (Kärnten) statt, wohin die Familie von Luschan 1883 mit Rücksicht auf die Gesundheit des Bruders Oscar umgezogen war und seit 1884 zwei Villen für sich errichten ließ. Emma (1864–1941) war die Tochter von Ferdinand von Hochstetter und der Georgiana Bengough. Nach der Hochzeit erfolgte 1885 der Umzug der Familie nach Berlin.
1888 promovierte von Luschan in München zum Doktor der Philosophie und habilitierte sich im gleichen Jahr im Fach Anthropologie an der Philosophischen Fakultät der Friedrich-Wilhelms-Universität Berlin. In diesem Jahr nahm er an der ersten Grabungsexpedition in Zincirli teil, unter der Leitung von Carl Humann und im Auftrag des Orientkomitees, an der zweiten 1890 dann wie an den folgenden (dritte: 1890/1891, vierte: 1894, fünfte: 1902) in eigener Leitung. 1897 wurde von Luschan das Prädikat „Professor“ verliehen, und er unternahm Reisen nach England und Russland.
1900 wurde er außerordentlicher Professor und 1909 bis zu seiner Pensionierung 1922 ordentlicher Professor für physische Anthropologie, mit dem ersten Lehrstuhl für Anthropologie an der Berliner Charité (Teil der Friedrich-Wilhelms-Universität). 1909 übernahm er die Schriftführung im Vorstand der Berliner Gesellschaft für Anthropologie, Ethnologie und Urgeschichte, vertrat diese 1911 auf dem Internationalen Rassenkongress in London und führte 1920 die Redaktion der „Zeitschrift für Ethnologie“ durch. 1915 wurde von Luschan Teil der „Königlich Preußischen Phonographischen Kommission“, deren Ziel es war, die etwa 250 Sprachen, die unter den Internierten der deutschen Kriegsgefangenenlager gesprochen wurden, zu erfassen. Im Rahmen dieses Unterfangens vollzog er anthropologische Studien und Messungen an den Gefangenen. Im Jahr 1917 wurde er zum Mitglied der Leopoldina gewählt.
Ende 1923 besuchte Felix von Luschan zum letzten Mal eine Sitzung der Berliner Gesellschaft für Anthropologie, Ethnologie und Urgeschichte. Bereits schwerkrank, aber geistig ungetrübt, reiste er im Winter 1923 zur Erholung nach Ägypten. Zurück in Berlin verstarb er jedoch am 7. Februar 1924. Seine sterblichen Überreste wurden nach Millstatt überführt und in der Familiengruft bestattet. Die unter der Aufsicht seines Bruders Oscar erbaute „Villa Felicitas“, die Felix von Luschan mit seiner Frau nach der Hochzeit bezogen hatte, wich später dem Bau einer neuen Bundesstraße.
Seine ersten anthropologischen und archäologischen Studien publizierte von Luschan bereits kurz nach der Reifeprüfung ab 1871, häufig bereits mit kraniologischem Inhalt, also den Schädelbau betreffend. Ab 1872 erschienen seine ersten wissenschaftlichen Aufsätze in den Mitteilungen der Anthropologischen Gesellschaft Wien. Ebenfalls schon in den 1870er Jahren entwickelte er als Student eine rege Sammeltätigkeit antiker Funde. Auch seine Stationierung nach Bosnien nutzte er zum Sammeln ethnographischer Objekte, zur Organisation von Ausgrabungen, zur Vermessung von Körpern und zur Aneignung von Sprachkenntnissen wie etwa in Englisch, Französisch und Arabisch. Zu Beginn seiner Forschungstätigkeit begleitete Felix von Luschan Otto Benndorf 1881 in Lykien (Südwesttürkei) und 1882 erneut nach Kleinasien, von wo der monumentale Grabbau, das Heroon von Gjölbaschi-Trysa, für Wien erworben werden sollte.