Feliks Edmundowitsch Dzierżyński (zeitgenössische deutsche Schreibweise oft Dzerschinski;russisch Феликс Эдмундович Дзержинский Feliks Edmundowitsch Dserschinski; * 30. Augustjul. / 11. September 1877greg. auf dem Gut Oziembłowo, Gouvernement Wilna, Russisches Kaiserreich; † 20. Juli 1926 in Moskau, Russische SFSR, Sowjetunion) war ein polnisch-russischer bolschewistischer Berufsrevolutionär und Politiker. Er war Gründer und von 1917 bis 1926 Leiter der bolschewistischen Geheimpolizei Tscheka und deren Nachfolgeorganisationen GPU und OGPU. Zeitweilig war er auch Volkskommissar für Inneres und für Verkehr der neu gegründeten Sowjetunion.
Feliks Dzierżyński wurde auf dem Landgut Oziembłowo seines Vaters Edmund Dzierżyński im Ujesd Oschmjany im Gouvernement Wilna im Westen des Russischen Kaiserreiches geboren. Das Gut, das wahrscheinlich kurz darauf nach seiner Familie in Dserschinowo (Дзержиново) umbenannt wurde, ist seit 1963 ein Museum und gehört seit 1991 zum belarussischen Rajon Stoubzy. Der Vater, von Beruf Lehrer, entstammte einer verarmten polnisch-litauischen Kleinadelsfamilie. Als Kind wollte Felix Dzierżyński Priester werden. Nur er und sein Bruder Zygmunt (1881–1932), später ein bekannter Professor für Polonistik am Adam-Asnyk-Lyzeum in Kalisz und Antikommunist, konnten eine höhere Schule besuchen. Dzierżyński wurde im August 1887 in die erste Klasse des Gymnasiums in Wilna aufgenommen, derselben Schule, die auch der zehn Jahre ältere Józef Piłsudski besucht hatte. Doch bevor er seinen Abschluss machen konnte, wurde Dzierżyński wegen „revolutionärer Aktivitäten“ exmatrikuliert.
1900 wurde Dzierżyński zu einem der Gründer der sozialdemokratischen Partei Sozialdemokratie des Königreichs Polen und Litauen (SDKPiL), in der er 1902 die Leitung der Auslandsabteilung übernahm und 1903 zum Vorstandsmitglied gewählt wurde. 1905/06 zählte er zu den führenden Aktivisten im russisch verwalteten Polen, besonders in Warschau und Łódź, und vertrat gleichzeitig seine zunehmend internationalistisch-klassenkämpferisch ausgerichtete Partei im Zentralkomitee der russischen Sozialdemokratie.
Im August 1910 heiratete er Zofia Dzierżyńska (1882–1968), eine Jugendfreundin Rosa Luxemburgs, die er seit 1902 kannte. Sie brachte 1911 den gemeinsamen Sohn Jan zur Welt, als sie wegen illegaler politischer Betätigung in Warschau im Gefängnis saß. Dzierżyński selbst wurde bis 1915 sechsmal inhaftiert, zweimal deportierte man ihn nach Sibirien. 1908 schrieb er in der sibirischen Verbannung sein später vielgelesenes Tagebuch eines Gefangenen. Insgesamt verbrachte er elf Jahre im Gefängnis, davon einige Jahre im Zuchthaus, in dem er an Tuberkulose erkrankte.
Bei der Februarrevolution 1917 befand sich Dzierżyński noch in Haft; nach dem Sturz des Zaren kam er frei und kehrte in den europäischen Teil Russlands zurück. Seit April 1917 war Dzierżyński Mitglied der Exekutive der russischen Gruppen innerhalb der SDKPiL. Im Sommer 1917 trat er den Bolschewiki bei und wurde Mitglied ihres Zentralkomitees. Während der Oktoberrevolution war er einer der Führer des bewaffneten Aufstands der Bolschewiki gegen die provisorische Regierung Alexander Kerenskis in Petrograd.
Nach dem Sieg der Bolschewiki Ende 1917 schuf Dzierżyński auf Veranlassung Lenins die als Geheimpolizei agierende Allrussische außerordentliche Kommission zur Bekämpfung von Konterrevolution und Sabotage (Tscheka) und leitete ab 1922 ihre Nachfolgeorganisationen GPU und OGPU.
Am 27. Mai 1918 schrieb er an seine Frau:
Nach dem Aufstand der Linken Sozialrevolutionäre vom Juli 1918 war er zeitweilig auf eigenen Antrag vom Amt suspendiert. Am 5. September 1918 erhielt er nach dem fehlgeschlagenen Attentat Fanny Kaplans auf Lenin von diesem die Order, mit dem Roten Terror zu beginnen. In diesem Zusammenhang wurde die Anzahl der Arbeitslager bis Ende 1920 auf 107 erhöht. Die Tscheka tötete nach dem Vorbild der Terrorherrschaft während der Französischen Revolution angebliche oder tatsächliche Konterrevolutionäre und legte dabei laut diversen Quellen oft den Schwerpunkt ihrer Außenwirkung auf Abschreckung statt auf Wahrheitsfindung. In westlichen Nachrufen wurde Dzierżyński zugleich als unscheinbar wirkender, eng mit Lenin verbundener Funktionär und als rücksichtsloser Organisator der Tscheka beschrieben.
Zum Vorgehen des Geheimdienstes äußerte sich Dzierżyński kurz nach der Ermordung der ehemaligen Zarenfamilie in der Presse folgendermaßen:
Während des Polnisch-Sowjetischen Krieges von 1919 bis 1921 war Dzierżyński Mitglied des Kriegsrates beim sowjetischen Befehlshaber Michail Tuchatschewski. Am 5. April 1920 entsandte das ZK der KPR (B) Dzierżyński in die Ukraine, um gegen die Truppen von Symon Petljura vorzugehen. Am 29. Mai wurde er Chef der Rückwärtigen Dienste in Charkow. 1920 wurde er an die Spitze des von den Sowjets geschaffenen Polnischen Revolutionskomitees im von den Sowjets eroberten Białystok gestellt, das die Aufgabe erhielt, in Polen (das nach den Wünschen der polnischen Kommunisten die Provinz Posen und Oberschlesien an das Deutsche Reich abgeben und Sowjetrussland beitreten sollte) die kommunistische Machtübernahme vorzubereiten. Der polnische Sieg in der Schlacht bei Warschau 1920 machte diese Pläne jedoch zunichte. 1921 schlossen Sowjetrussland und Polen den Frieden von Riga.
Nach diesem Krieg bis zu seinem Tod hatte Dzierżyński verschiedene hohe Funktionen. Er blieb Leiter der Tscheka, die nunmehr GPU beziehungsweise OGPU genannt wurde, war bis 1921 Volkskommissar (Minister) für Innere Angelegenheiten, dann bis 1923 Verkehrsminister. Als Vorsitzender des Obersten Wirtschaftssowjets leitete er seit 1924 den Aufbau vieler Wirtschaftsregionen der Sowjetunion. In dieser letzten Funktion war er in der Phase der Neuen Ökonomischen Politik mit zentralen Aufgaben der sowjetischen Wirtschaftsverwaltung betraut. Seine Ämterhäufung verband Partei-, Staats-, Sicherheits- und Wirtschaftsfunktionen in einer Weise, die von zeitgenössischen Beobachtern als kennzeichnend für die frühe sowjetische Herrschaftsstruktur beschrieben wurde. Im April 1923 gründete er in Moskau die Sportgesellschaft „Dynamo“. Von 1924 bis zu seinem Tod war er Kandidat des Politbüros des Zentralkomitees der KPR(B).
Dzierżyński starb 1926 unmittelbar nach einer von ihm gehaltenen Rede vor dem Zentralkomitee an einem Herzinfarkt. Verschiedene zeitgenössische Berichte meldeten seinen Tod am Abend des 20. Juli 1926 in seiner Moskauer Wohnung: „Wie ein offizielles Kommunique mitteilt, ist Volkskommissär Dzerschinski gestern um 4 Uhr 40 Minuten nachmittags in seiner Wohnung verschieden. Drei Stunden vor seinem Tode war Dzerschinski noch im Plenum des in Moskau tagenden Zentralausschusses der Kommunistischen Partei aufgetreten.“
Dzierżyński erhielt ein Staatsbegräbnis und wurde in einem Einzelgrab an der Kremlmauer beerdigt: „Aus Moskau wird uns unter[m] 22. d. M. telegraphiert: Heute fand die feierliche Beisetzung der Leiche Dzerschinskis hinter dem Lenin-Mausoleum statt. Dem Sarge folgte eine hunderttausendköpfige Menge. Als um 7 Uhr abends der Sarg in die Gruft versenkt wurde, wurden in allen Städten der Sowjetrepubliken Salutschüsse abgegeben.“ Außer ihm wurden im Laufe des Bestehens der Sowjetunion lediglich elf weitere Personen auf diese Weise geehrt, wobei Dzierżyński zusammen mit Suslow, Budjonny, Schdanow und Frunse zur kleinen Gruppe jener in Einzelgräbern bestatteten Personen gehört, die weder Staatsoberhäupter der Sowjetunion noch Generalsekretäre der KPdSU waren.
Dzierżyńskis Nachfolger auf dem Posten des Geheimdienstchefs wurde sein Stellvertreter Wjatscheslaw Menschinski, der ebenfalls polnischer Abstammung war.
Nach seinem Tod und besonders nach 1945 wurden Dzierżyński zu Ehren viele Statuen errichtet. In Warschau wurde ein riesiges Denkmal 1951 vor dem Amtssitz des Stadtrats aufgestellt. Aus diesem Anlass wurde eine Ausstellung eröffnet, in der besonders auf Dzierżyńskis angebliche „Liebe zu den Kindern“ hingewiesen wurde. Dieses Denkmal hatten nicht wenige polnische Landsleute als eine grobe Verletzung ihres Nationalstolzes verurteilt, das bürgerliche Polen sah in ihm einen Volksverräter und feindlichen Agenten. Das Denkmal wurde nach der Absetzung des kommunistischen Regimes im November 1989 unter dem Beifall Tausender Zuschauer demontiert, wobei es zerbrach.