Faustina Bordoni (oft nur la Faustina oder Signora Faustina; * 30. März 1697 in Venedig; † 4. November 1781 in Venedig) war eine italienische Opernsängerin (Mezzosopran) und Musikkritikerin in Dresden.
Sie arbeitete unter anderem mit Georg Friedrich Händel in London und war seit 1730 mit dem schon designierten sächsischen Kapellmeister und Komponisten Johann Adolph Hasse verheiratet. Von da an firmierte sie in den Dresdner Libretti als Faustina Hasse sowie in italienischen Produktionen als Faustina Bordoni-Hasse und wurde auch Faustina Hasse-Bordoni genannt.
Faustina Bordoni kam in Venedig zur Welt. Ihre Eltern waren der Kammerdiener Pietro Bordon und dessen Frau Santina. Ihre Schwester Laura begleitete sie später häufig auf ihren Reisen zu den Opernhäusern Italiens.
Über Faustinas musikalische Ausbildung gibt es keine gesicherten Kenntnisse. Der teilweise in älteren Quellen als ihr Lehrer angegebene Michelangelo Gasparini ist erst für den relativ späten Zeitpunkt von 1724 als ihr Gesangslehrer oder Berater nachgewiesen. Verschiedene Quellen geben auch den bekannten Kastraten Antonio Bernacchi als ihren Lehrer an, das ist jedoch nicht sicher dokumentiert. Wohl durch eine adelige Mäzenin namens Isabella Renier Lombria wurde Faustina früh mit dem Komponisten Benedetto Marcello bekannt, der eventuell einer ihrer Lehrer war und sie in seinen privaten Konzerten auftreten ließ. In der älteren Literatur wurde gemutmaßt, dass Faustina die Geliebte von Benedettos älterem Bruder Alessandro war, aber mittlerweile ist klar, dass es sich bei der Faustina, die dieser in einigen Epigrammen erwähnt, wahrscheinlich um die Schwester des Malers Carlo Maratta handelte.
Woyke berichtet für den März 1714 von einem kurzzeitigen Gefängnisaufenthalt (!) der Bordoni aus nicht bekannten Gründen.
Ihr Operndebüt hatte sie vermutlich im November 1716 im bedeutenden Teatro San Giovanni Grisostomo als Dalinda in Carlo Francesco Pollarolos Ariodante, neben der berühmten Marianna Benti Bulgarelli, die auch in Antonio Lottis Alessandro Severo (UA: 17. Januar 1717) ihre Partnerin war.
Am San Giovanni Grisostomo trat Faustina Bordoni von 1718 bis 1720 auch häufig neben der Sopranistin Francesca Cuzzoni auf, die Jahre später in London ihre „Rivalin“ werden würde. Die beiden sangen u. a. gemeinsam in Pollarolos Ariodante (November 1718), in Orlandinis Ifigenia in Tauride (UA: 21. Januar 1719), in Antonio Pollarolos Lucio Papirio dittatore (UA: 26. Dezember 1720) und in Orlandinis Nerone (UA: 11. Februar 1721). Benedetto Marcello hat die beiden jungen Sängerinnen dabei offenbar gehört, denn er erwähnt sie in seiner Kantate „Carissima Figlia“ namentlich und charakterisierte sie dabei durch für ihren jeweiligen Stimmumfang und Gesangsstil typische musikalische Phrasen: Die Cuzzoni mit einer ziselierten Melodie in c-moll mit dem hohen Umfang von g bis as’’, und die Bordoni in B-Dur in einem mittleren Umfang von f bis es’’.
Daneben trat Faustina an diversen anderen italienischen Bühnen auf, in Modena, Bologna, Reggio, Neapel und Florenz, unter anderem in Werken von Antonio Bononcini, Antonio Lotti, Francesco und Marc’Antonio Gasparini, Giovanni Maria Orlandini und Leonardo Vinci.
Im März 1722 gab sie private Konzerte in Rom, und 1723–1724 folgte sie einer Einladung nach München, wo sie in Opern des Hofkomponisten Pietro Torri auftrat, unter anderem in dessen Griselda, neben Bernacchi und Filippo Balatri.
Dass sie zu dieser Zeit bereits einen ersten Gipfel des Ruhmes erreicht hatte, zeigt die Tatsache, dass man ihr 1724 in Florenz drei Medaillen widmete, was etwa zwanzig Jahre zuvor auch schon Vittoria Tarquini erlebt hatte. In Anspielung an den antiken Mythos vom bestrickenden Gesang der Sirenen wurde die Bordoni auf einer dieser Medaillen als „la nuova sirena“ bezeichnet.
Von Sommer 1725 bis Frühling 1726 war sie in Wien und sang zum Geburtstag der Kaiserin die Titelrolle in Antonio Caldaras Semiramide in Ascalona, und in Opern von Johann Joseph Fux. Ihr eilte bereits ein sagenhafter Ruf voraus und Kaiser Karl VI. soll sie laut Mattheson als „dieses große Weltwunder“ bezeichnet und ihr angeblich die horrende Summe von 15 000 Gulden gezahlt haben.
1726 ging sie für ein Honorar von 3000 Pfund im Jahr nach London. Ihr Debüt am King’s Theatre hatte sie am 5. Mai als Rossane in Georg Friedrich Händels Oper „Alessandro“, neben dem berühmten Altkastraten Senesino und Francesca Cuzzoni, die beide bereits Lieblinge des englischen Publikums waren. Da Faustina Bordoni als Sängerin zu bedeutend und bereits ein zu großer Star war, um sie nur als seconda donna einzusetzen, schrieb Händel in seinen neuen Opern bis 1728 jeweils zwei gleichwertige Primadonnen-Rollen für die Cuzzoni und für die Bordoni – die im Übrigen sowohl stimmlich als auch vom Gesangsstil sehr verschieden waren. Faustina Bordoni sang 1727 die Partien der Alcestis in Admeto und der Pulcheria in Riccardo Primo, und 1728 die Emira in Siroe und die Elisa in Tolomeo (1728). Sie trat außerdem in einer Wiederaufnahme seines Radamisto auf. Händel soll nach eigenen Aussagen gerne mit ihr zusammengearbeitet haben.
Außerdem sang sie in den Opern Lucio Vero und Teuzzone von Attilio Ariosti, sowie in Giovanni Bononcinis Astianatte.
Die Tatsache, dass es zwei Primadonnen im Opernensemble gab, spaltete das Londoner Publikum in zwei Parteien, und die Rivalisierung der beiden Sängerinnen führte dazu, dass man sie häufig in Anspielung an ein populäres englisches Theaterstück von Nathalie Lee als the Rival Queens bezeichnete. In Bononcinis Astianatte kam es deswegen am 6. Juni 1727 zu so heftigen Ausschreitungen „mit Zischen und Buh-Rufen“, dass die Vorstellung vorzeitig abgebrochen werden musste (Lord Harvey, Brief vom 13. Juni 1727). Im Gegensatz zu einem Teil der Literatur, wo behauptet wird, es sei dabei auch zwischen den beiden Sängerinnen zu Handgreiflichkeiten gekommen, gibt es laut Woyke „keinen Hinweis“ darauf, „dass Faustina Bordoni und Francesca Cuzzoni sich auf offener Bühne angegriffen hätten“. Die Rivalität der beiden Primadonnen wurde auch in der berüchtigten Beggar’s Opera von John Gay und Johann Christoph Pepusch von 1728 thematisiert.
Nach dem finanziellen Zusammenbruch der Royal Academy of Music kehrte Faustina nach Italien zurück und sang in Venedig, Parma, Turin, Mailand und in München.
Dabei war Senesino noch einige Male ihr Bühnenpartner, so in Venedig im Teatro San Cassiano in Geminiano Giacomellis Oper Gianguir (UA: 27. Dezember 1728) und in Orlandinis Adelaide (UA: 8. Februar 1729); und auch in Turin in Siroe von Andrea Stefano Fiorè (UA: 26. Dezember 1729) und in Nicola Porporas Tamerlano (UA: Karneval 1730).
Einer dieser Auftritte wurde von dem Künstler Anton Maria Zanetti in einer Karikatur festgehalten (siehe Abb. oben).
Besonders erwähnenswert sind auch Bordonis Auftritte als Primadonna neben dem berühmten Sopranisten Carlo Broschi genannt „Farinelli“, im Frühling 1729 in Parma in Giacomellis Lucio Papirio dittatore und in Turin im Karneval 1731, in Porporas Poro und in der Oper Ezio von Riccardo Broschi (Farinellis Bruder).