Farinelli (oder Farinello), eigentlich Carlo Maria Michelangelo Nicola Broschi, (* 24. Januar 1705 in Andria/Königreich Neapel; † 16. September 1782 in Bologna) war ein italienischer Sänger und der bis heute berühmteste aller Kastraten.
Carlos Eltern, Salvatore Broschi (1680 oder 1681–1717) und Caterina Barrese, gehörten beide zum niederen Adel Süditaliens; Farinelli hatte zwei ältere Geschwister, Riccardo (* 1698) und Dorotea (* 1701). Sein Vater war begeisterter Musikliebhaber, wurde 1706 Gouverneur von Maratea und 1709 für kurze Zeit von Cisternino.
Um Carlos schöne Gesangsstimme zu erhalten, wurde er mit Einverständnis (oder auf Wunsch?) seines Vaters vermutlich um 1714 kastriert und anschließend nach Neapel geschickt. Dort wurde er zunächst der Magistratsfamilie Farina anvertraut und studierte am Conservatorio Sant’Onofrio Gesang. Bald wurde er Privatschüler des Komponisten Nicola Porpora, wobei er sich eine ungewöhnlich virtuose Atem- und Gesangstechnik erwarb.
Seinen Künstlernamen Farinelli wählte Carlo wahrscheinlich zu Ehren der Familie Farina, insbesondere der Brüder Farina, die als große Kenner und Liebhaber der Musik galten und bei denen er während seiner Ausbildungszeit bei Porpora öfter gesungen hatte. Eine andere Theorie lautet, dass Carlo möglicherweise ein Neffe des mit Arcangelo Corelli befreundeten Komponisten und Violinisten Farinelli war.
Karriere in Italien und Wien, 1720–1734
1720 trat der 15-jährige Farinelli als Sopranist in die bedeutende Cappella del Tesoro di San Gennaro (im Dom von Neapel) ein und hatte einen ersten Auftritt während einer Privataufführung im Palast des Fürsten von Torella in Neapel in einer Nebenrolle als Schäfer Tirsi in der Pastorale Angelica e Medoro. Die Musik zur letzteren stammte von seinem Lehrer Porpora und das Libretto von Pietro Metastasio, mit dem sich für Farinelli eine lebenslange Freundschaft entwickeln sollte.
Seine Anfangsjahre auf der Opernbühne erlebte er vor allem in Rom und Neapel. Weil auf den Bühnen der päpstlichen Staaten keine Frauen auftreten durften und sich daraus eine entsprechende Tradition entwickelte, sang der jugendliche Farinelli zu Beginn seiner Karriere zunächst vor allem Frauenrollen, und zwar im römischen Teatro Alibert als Placidia in Porporas Flavio Anicio Olibrio (Rom, Karneval 1722), als Palmira in Cosroe von Carlo Francesco Pollarolo (Karneval 1722), als Sofonisba in Luca Antonio Predieris gleichnamiger Oper (Karneval 1722), als Adelaide in Porporas Adelaide (Karneval 1723) und als Salonice in Predieris Scipione (Karneval 1724).
1722 soll Farinelli auch in Porporas Oper Eumene aufgetreten sein, Farinellis Biograf Barbier bestreitet jedoch seine Teilnahme in dieser Oper. Laut einer bekannten Anekdote, die Charles Burney berichtet und anscheinend von Farinelli selber hatte, kam es in Rom während einer Arie zu einem Wettstreit mit einem Solo-Trompeter, den Farinelli im Halten und An- und Abschwellen (messa di voce) eines Tones in erstaunlicher Länge und in währendem Trillern, und mit anschließend improvisierten „schnellesten und schwersten Läufen“ übertraf. Das Publikum war außer sich vor Begeisterung, und bald war Carlo Broschi überall in Süditalien als il ragazzo (der Junge) bekannt.
Burney behauptete später, Farinelli sei 1724 erstmals in Wien aufgetreten (und ein zweites Mal 1728), aber dafür gibt es bisher keine Belege. Stattdessen ist er zwischen 1724 und 1726 in Neapel und singt am Teatro San Bartolomeo neben Vittoria Tesi und Anna Maria Strada del Po in verschiedenen Opern der jungen neapolitanischen Komponisten Leonardo Vinci, Domenico Natale Sarro, und Leonardo Leo. Gemeinsam mit der Tesi sang er auch in einer oft erwähnten Konzertaufführung von Johann Adolph Hasses Serenata Marc’Antonio e Cleopatra (Neapel 1725), wo die beiden mit vertauschten Rollen auftraten, Farinelli als Cleopatra und die Sängerin als Marc’Antonio, was im nicht auf Realismus, sondern auf Schönheit angelegten Barocktheater nichts Ungewöhnliches war.
Die Tesi wurde auch längerfristig eine Freundin, mit der er gern zusammenwirkte und die er zuweilen in seinen Briefen erwähnt.
Mit stetig steigendem Erfolg trat Farinelli in fast allen großen Städten Italiens auf. In Parma und Mailand sang er zum ersten Mal 1726 und in Bologna 1727. Dort kam es in einer Aufführung von Orlandinis Fedeltá coronata ossia l’Antigona zu einem spontanen musikalischen Wettstreit mit dem berühmten Antonio Bernacchi (geboren 1685) und Farinelli musste sich zum ersten Mal geschlagen geben; zwischen den beiden Sängern entstand jedoch keine Feindschaft, sondern ein freundschaftlicher Respekt. In Bologna lernte Farinelli außerdem den Impresario Graf Sicinio Pepoli kennen, mit dem sich eine längere (Brief-)Freundschaft entwickelte.
Zurück in Rom trat er 1728 zum ersten Mal in einer Oper seines Bruders Riccardo auf: in dessen L’Isola d’Alcina. Zweimal (Herbst 1728 und 1729) wurde er nach München eingeladen, um in Werken von Pietro Torri zu singen.
Im Karneval 1728–1729 war Farinelli dann in Venedig im Teatro San Giovanni Grisostomo, wo er in Leonardo Leos Catone in Utica, Porporas Semiramide riconosciuta und Ezio, und in Antonio Pollarolos L’Abbandono di Armida sang. Mittlerweile war er so berühmt, dass er mit seinen sensationellen Auftritten ein Vermögen verdiente. Im folgenden Jahr kehrte er zurück und trat u. a. in der Uraufführung der Oper Idaspe seines Bruders Riccardo auf, der in der Bravourarie Son qual guerriero in campo armato die Sensationsgier des Publikums bediente und Carlos virtuose Qualitäten und riesigen Stimmumfang (g bis c’’’) rückhaltlos zur Schau stellte. Die Arie wurde eines von Farinellis Paradestücken.
Nach Auftritten in Turin, Mailand und Ferrara folgte 1732 ein Abstecher nach Wien. Die kaiserliche Familie, die er in zahlreichen privaten Konzerten mit seinem Gesang entzückte, nahm ihn besonders freundlich und wohlwollend auf. Er wurde zum kaiserlichen „Hof- und Kammer Musicus“ ernannt und außer zahllosen kostbaren Geschenken erhielt er dank Kaiserin Elisabeth Christine eine jährliche Rente von 1000 Gulden. Bei einer Gelegenheit meinte Kaiser Karl VI., der ein großer Musikkenner und -liebhaber war, dass „bey seinem Singen … Alles übernatürlich sei“, aber er übte auch eine gutgemeinte Kritik:
Diesen Rat nahm sich Farinelli zu Herzen und in der Folge änderte er seinen Gesangsstil und „vermischte das Lebhafte mit dem Pathetischen, das Simple mit dem Erhabenen, und auf diese Weise rührete er jeden Zuhörer sowohl, als er ihn Erstaunen setzte“. Darin wurde er unter anderem auch von seinem Freund Metastasio bestärkt, der mittlerweile kaiserlicher Hofdichter war.
Am 29. Oktober 1732 wurde er offiziell Bürger von Bologna, wo er beabsichtigte, sich später niederzulassen. Als ein Opern-Glanzpunkt gilt eine Aufführung von Hasses Siroe re di Persia im Teatro Malvezzi in Bologna im Mai 1733, wo Farinelli neben seinem jüngeren Kollegen (und Rivalen) Caffarelli, Vittoria Tesi und Anna Maria Peruzzi sang.
Gegen Ende seiner italienischen Karriere verbrachte Farinelli die Karnevals-Saisons von 1733 und 1734 wieder in Venedig und trat unter anderem in Giacomellis Adriano in Siria (1733) und Merope (1734) auf. Aus der letzteren Oper stammt eines seiner berühmtesten und sublimsten Schaustücke, die Arie Quell’usignolo ch’é innamorato, mit der er später auch in London und Spanien glänzte.
Seinen letzten Auftritt in Italien hatte Farinelli Anfang September 1734 im Teatro della Pergola in Florenz (neben Vittoria Tesi und Caterina Fumagalli), in Orlandinis L’innocenza giustificata.