Als Pariser Kommune wird eine während der Belagerung von Paris unter den Augen der Regierung der nationalen Verteidigung (Regierung Trochu – Favre – Gambetta) vorbereitete und am 18. März 1871 offen ausgebrochene Revolte von Kleinbürgern und Arbeitern verschiedener ideologisch-politischer Richtungen bezeichnet. Das Führungspersonal der Pariser Kommune setzte sich aus den Mitgliedern des Zentralkomitees der 20 Stadtbezirke (comité central de vingt arrondissements bzw. comité central republicain de vingt arrondissements), den Mitgliedern des Zentralkomitees des Republikanischen Bundes der Nationalgarde (comité central de la fédération républicaine de la Garde nationale) sowie den Mitgliedern des Gemeinderates von Paris, der eigentlichen commune zusammen, wobei es eine Vielzahl von Personalüberschneidungen gab. Entsprechend den damaligen gesellschaftlichen Verhältnissen war die Mitgliedschaft in der Nationalgarde Männern vorbehalten, ebenso das aktive wie das passive Wahlrecht, weswegen Frauen in dieser Auflistung fehlen.
Mitglieder des Zentralkomitees der 20 Stadtbezirke
Das Zentralkomitee der 20 Stadtbezirke war kein aus allgemeinen Wahlen hervorgegangenes Gremium, sondern ein nach vorbereiteten Namenslisten am 6. September 1870 beschlossener und am 11. September konstituierter Zusammenschluss von je vier revolutionären Aktivisten der 20 Pariser Arrondissements verschiedener Richtungen. Zu den am 14. September veröffentlichten Zielen gehörten:
Auflösung der zentralstaatlichen Polizei (police d'État), dafür Schaffung einer den jeweiligen städtischen Behörden unterstellten Polizei aus Mitgliedern der Nationalgarde
sofortige Absetzung aller Gerichtsbeamten und Aufhebung aller Urteile aus politischen Strafsachen
Wahl und Verantwortlichkeit (Möglichkeit der Abwahl) aller staatlichen und kommunalen Funktionsträger
Presse- und Vereinigungsfreiheit
Requirierung und Rationierung aller vorhandenen Waren in Vorbereitung auf die damals bevorstehende Belagerung, welche am 19. September begann.
Zu diesem Zentralkomitee gehörten (in alphabetischer Reihenfolge) u. a.:
Augustin Germain d'Avrial (auch nur Avrial)
Geboren am 20. November 1840 in Revel (Haute-Garonne), seit 1847 in Paris, gestorben Ende 1904 in Fécamp (Normandie), (Beerdigung am 13. Dezember in Paris). 1859 bis 1865 Militärdienst, zuletzt als Infanterieunteroffizier. Arbeitete als Mechaniker, wurde 1869 als Syndikalist Mitglied der I. Internationale. Am 26. März in den Rat der Kommune gewählt, arbeitete er dort in mehreren Kommissionen mit (ursprünglich Arbeitskommission, ab 9. April Exekutiv-, vom 21. April bis 15. Mai Kriegskommission) und war außerdem ab dem 2. Mai Generaldirektor des Artilleriewesens. Er stimmte gegen die Gültigkeit der Nachwahlen vom 16. April und gegen die Errichtung des Wohlfahrtsausschusses. Nach dem Ende der Kommune konnte er nach London fliehen, während er in Paris in Abwesenheit zum Tode verurteilt wurde. Von 1874 bis 1876 ließ er sich im Elsass nieder und gründete eine mechanische Werkstatt, wurde aber von den deutschen Behörden ausgewiesen. A. ging über La Chaux-de-Fonds nach Genf, wo er bis zur Amnestie 1880 lebte. In dieser ganzen Zeit war er weiterhin politisch aktiv, u. a. 1877/78 für die sozialistische Zeitschrift Le Travailleur. Nach seiner Rückkehr nach Frankreich war er von 1881 bis 1883 dann als Materialprüfer bei den Französischen Staatsbahnen in Montluçon beschäftigt.
Geboren am 5. Juli 1795 in Dinan als Sohn eines Juristen und Abgeordneten, seit 1837 wohnhaft in Paris, gestorben 1878 in Neuenburg in der Schweiz. Wurde Ingenieur und war in den 1820er Jahren aktiver Carbonari. 1831 und 1834 wurde er in das Parlament der Julimonarchie gewählt. In Paris gründete er eine Dampfmaschinenfabrik und übernahm die Ideen seines Freundes Proudhon. Nach der Revolution 1848 wurde er Regierungskommissar im Département Morbihan und in die Konstituierende Versammlung gewählt, aber 1849 nicht mehr in das nachfolgende reguläre Parlament. Eine von ihm während der Zeit Napoleon III. auf der Grundlage Proudhonscher Ideen gegründete Sparkasse ging bankrott. Seit 1866 war er Mitglied der I. Internationalen.
Am 26. März 1871 in den Rat der Kommune gewählt, war er dessen Alterspräsident und arbeitete dort in der Finanzkommission mit. Am 29. März wurde er Delegierter der Kommune bei der Bank von Frankreich. Ende Mai 1871 ließ ihn die Thiers-Regierung bewusst ins Exil entkommen, im Dezember 1872 wurde das Kriegsgerichtsverfahren gegen ihn niedergeschlagen. Im Nachhinein bescheinigte die Bank seiner Amtsführung zwar mangelnde äußere Ordnung, aber inhaltliche Korrektheit.
Geboren 7. Februar 1805 in Puget-Théniers, Département Alpes-Maritimes; gestorben am 1. Januar 1881 in Paris. Rechtsanwalt und Revolutionär. Wirkte bereits an der Julirevolution von 1830 und beim Pariser Juniaufstand von 1848 mit. Kommandant des 169. Bataillons der NAtionalgarde. An der Pariser Kommune nicht direkt beteiligt, wurde aber am 26. März zum Mitglied der Pariser Kommune gewählt. War bereits am 9. März 1871 verhaftet und an einem geheimen Ort gefangen gehalten worden. 1879 begnadigt.
Geboren am 1. März 1825 in Paris, gestorben am 18. Juli 1873 in der Pariser Vorstadt Levallois-Perret. Als Hersteller künstlicher Blumen tätig. Während der Belagerung von Paris Kommandeur des 128. Bataillons der Nationalgarde, bezeichnete er sich selbst als antiproudhonistischer Kommunist und war in der Vorbereitung der Kommune sehr aktiv (Mitunterzeichner der Aufrufe und Proklamationen), scheiterte aber trotz Kandidatur in drei Arrondissements bei den Wahlen zum Rat der Kommune am 26. März 1871. Wurde bei der mit verändertem Wahlrecht durchgeführten Nachwahl vom 16. April in den Rat gewählt, erklärte aber am 20. April, dass er die Wahl wegen des veränderten Wahlrechts nicht annehme und wird danach im Journal officiel nicht mehr erwähnt. Welche Rolle er zum Ende der Kommune spielte, ist daher unklar, er wurde jedenfalls bis zu seinem Tode nicht gerichtlich verfolgt.
Geboren am 14. September 1840 in Mailly-la-Ville (Département Yonne) als Sohn eines Steinmetzen, seit 1857 in Paris, dort gestorben am 5. März 1932. Kupferschmied, Bronze-Arbeiter und Ziseleur, einer der Anführer des Syndikats der Bronze-Arbeiter von Paris, Freund Proudhons. 1870 kurzzeitig Soldat, während der Belagerung von Paris Fahnenträger des 200. Bataillons der Nationalgarde. Während der Kommune zum Direktor der Pariser Münze ernannt. Konnte nach London fliehen und wurde deshalb in Abwesenheit zur Deportation verurteilt. 1880 Rückkehr nach Frankreich. 1885 bis 1889 sozialistischer Stadtverordneter in Paris, wirkte er aktiv für den Zusammenschluss der verschiedenen sozialistischen Gruppen zur Section française de l’Internationale ouvrière, zeitweilig war er Schatzmeister dieser Partei. 1920 wechselte er zur Kommunistischen Partei, deren erster Präsidentschaftskandidat er 1924 wurde.
Geboren am 19. Juli 1839 in Souvigny als Sohn eines Schmiedes, gestorben am 24. November 1898 in Vierzon. Seit 1862 im Eisenbahnbau beschäftigt, 1870 wegen seiner revolutionären Ideen entlassen und wegen „Äußerung von Hass auf die Regierung“ verhaftet. Während der Belagerung von Paris Hauptmann des 133. Bataillons der Nationalgarde, mit dem er an der regierungsfeindlichen Demonstration vom 31. Oktober 1870 teilnahm. Im November wurde er als Blanquist Mitglied der I. Internationalen. Am 26. März 1871 in den Rat der Kommune gewählt, wurde er Mitglied der Kriegskommission, am 5. April auf eigenen Wunsch stattdessen der Kommission für allgemeine Sicherheit. Am 16. April wird er mit dem Dienstgrad Oberst als Militärkommandant der Polizeipräfektur sowie als Mitglied des Kriegsgerichtes der Kommune erwähnt. Er stimmte am 1. April für die Errichtung des Wohlfahrtsausschusses. Nach dem Ende der Kommune wurde Chardon in Abwesenheit zum Tode verurteilt, denn er war in die Schweiz geflüchtet. Als Angestellter eines Unternehmens für mechanische Konstruktionen reiste er u. a. nach Ägypten, Kuba und Haiti, wo er sich zeitweise als Gastronom niederließ, bevor er nach Frankreich zurückkehrte.