An diesem Tag

Explosionskatastrophe in Beirut 2020

Explosion von Ammoniumnitrat in der libanesischen Hauptstadt Beirut am 4. August 2020

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Die Explosion in Beirut ereignete sich am 4. August 2020 um 18:08 Uhr Ortszeit (17:08 MESZ) im Hafen der libanesischen Hauptstadt Beirut am Golfe de Saint-Georges und traf die ganze Stadt katastrophal. Ursache war ein durch Schweißarbeiten entstandenes Feuer in einem Lagerraum, in dem Feuerwerkskörper lagerten, deren Explosion wiederum daneben gelagerte 2750 Tonnen Ammoniumnitrat zur Explosion brachte. Die deutsche Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe schätzte die Sprengkraft auf 1100 Tonnen TNT-Äquivalent. Die Explosion zerstörte weite Teile des Hafens und richtete Schäden in großen Teilen der Stadt an. Dabei wurden mindestens 207 Menschen getötet, mehr als 6.500 verletzt. Mehr als 300.000 Menschen mussten ihre Häuser verlassen.

Infolge der Explosionskatastrophe kam es zu erneuten Massenprotesten gegen die libanesische Regierung (siehe Proteste im Libanon 2019–20), die von den Demonstranten für die wirtschaftliche und politische Krise im Land verantwortlich gemacht wird. Sechs Tage nach der Explosion trat die Regierung unter Premierminister Hassan Diab zurück.

Im November 2013 war das moldauische Küstenmotorschiff Rhosus – mit vom georgischen Chemieunternehmen Rustavi Azot in Rustawi hergestelltem Ammoniumnitrat beladen – auf dem Weg von Batumi (Georgien) nach Beira (Mosambik). Auftraggeber war die mosambikanische Bank Millennium bim, die die Ware für die Sprengstofffabrik Fábrica de Explosivos de Moçambique bestellt hatte.

Da der in Zypern ansässige russische Schiffseigner Igor Gretschuschkin nicht genug Geld besaß, um die Durchfahrt durch den Sueskanal zu bezahlen, erhielt der Kapitän die Anweisung, zusätzlich den Hafen der libanesischen Hauptstadt Beirut anzulaufen, um dort weitere Fracht zu laden. Außerdem bestanden technische Probleme an Bord, unter anderem soll ein kleines Leck dazu geführt haben, dass regelmäßig Wasser abgepumpt werden musste. Die libanesischen Behörden sahen das Schiff als nicht seetauglich an und setzten es fest. Sowohl der Eigentümer Igor Gretschuschkin als auch die auftraggebende Bank verloren daraufhin das Interesse an der Rhosus und gaben das Schiff 2014 auf. Wegen offener Forderungen wurde die Rhosus am 4. Februar 2014 von den libanesischen Behörden beschlagnahmt. Die letzten Besatzungsmitglieder der Rhosus – der russische Kapitän und drei ukrainische Besatzungsmitglieder – durften das Schiff und das Land erst im September 2014 nach einer Gerichtsentscheidung verlassen. Nach Aussage des Kapitäns befand sich das Ammoniumnitrat zu diesem Zeitpunkt noch an Bord.

Aufgrund der hohen Explosionsgefahr ordneten die libanesischen Behörden eine Entladung des Frachters an, woraufhin das Ammoniumnitrat zwischen September 2014 und Oktober 2015 ins Lagerhaus Nummer 12 im Hafen verbracht wurde. Das beschlagnahmte Schiff sank am 16. Februar 2018 an der Mole des Hafens Beirut, an der es seit 2015 vertäut gewesen war. Die libanesische Zollbehörde bat die libanesische Justiz von Juni 2014 bis Oktober 2017 insgesamt mindestens sechsmal um eine Entscheidung, wie mit dem gelagerten Ammoniumnitrat zu verfahren sei. Aufgrund der klimatischen Bedingungen im Hafen warnte die Zollbehörde in einem Schreiben vor einer weiteren Lagerung der Chemikalien dort und schlug mehrere Vorgehensweisen vor, darunter einen Export ins Ausland, einen Verkauf an libanesische Sprengstoffhersteller sowie die Übergabe an das libanesische Militär.

Im Juli 2020 informierten Sicherheitsexperten den libanesischen Präsidenten Michel Aoun und Ministerpräsident Hassan Diab über das im Hafen lagernde Ammoniumnitrat sowie über die möglichen verheerenden Folgen einer Explosion der hochbrisanten Chemikalie.

Am 4. August 2020, kurz vor 18 Uhr Ortszeit, breitete sich ein Feuer mit darauffolgenden kleineren Explosionen in einem Lagerhaus im Hafen aus. Die genaue Ursache ist bisher nicht vollständig geklärt. Nach einem Bericht des libanesischen Fernsehsenders LBCI brach das Feuer wahrscheinlich durch Funkenflug bei Schweißarbeiten aus. Dieses entzündete zunächst in der Nähe gelagerte Feuerwerkskörper. Wie von offizieller Seite bestätigt wurde, sprang dieses Feuer dann wohl auf die in derselben Halle gelagerten 2750 Tonnen Ammoniumnitrat über.

Bereits kurz nach dem Ausbruch des Feuers trafen erste Einsatzkräfte der Feuerwehr ein, doch der Brand breitete sich weiter aus. Nach etwa 15 Minuten kam es dann zu einer ersten Explosion. Nach etwa einer halben Minute folgte eine weitere, sehr viel heftigere Detonation, die eine Stoßwelle mit einer sich halbkugelförmig ausbreitenden Wilson-Wolke verursachte und schließlich einen Rauchpilz entwickelte. Die Detonation ereignete sich zur Hauptverkehrszeit und zerstörte weite Teile des Hafens sowie viele umliegende Gebäude. Experten bestätigten, dass durch das Ammoniumnitrat die Größe der Explosion sowie die rötliche Farbe des Rauchs erklärt werden können.

Die Detonation wurde um 15:08 Uhr UTC von der amerikanischen Erdbebenwarte des USGS mit einer Magnitude von 3,3 ML registriert. Das Deutsche Geoforschungszentrum verglich die Erschütterungen mit einem Erdbeben der Stärke 3,5. Allerdings ist die Wirkung nicht direkt mit der eines Erdbebens vergleichbar, da sich die Detonation an der Oberfläche ereignete, wo seismische Wellen nicht in der Stärke wie bei Erdbeben entstehen. Der jordanischen Erdbebenwarte zufolge entsprachen die Erschütterungen einer Erdbebenstärke von 4,5 ML. Die Erschütterung durch die Explosion wurde auch im rund 50 Kilometer entfernten Nordbezirk Israels und im 240 Kilometer entfernten Zypern wahrgenommen. In einer im Februar 2021 veröffentlichten Studie wiesen indische Wissenschaftler anhand unterschiedlicher Laufzeiten der Mikrowellensignale von GPS-Satelliten nach, dass die Schockwellen der Explosion auch die ab 80 Kilometer Höhe beginnende Ionosphäre erreichten.

In ausreichender Distanz zum Explosionsort aufgenommene Videoaufnahmen belegen, wie die Stoßwelle zuerst als sich ausbreitende Wolke und Bodenerschütterungen wahrgenommen werden, ehe sich die Stoßwelle auch über Luft akustisch übertragen hatte.

Das Feuer am Explosionsort war am Tag nach der Explosion gelöscht. Mehr als einen Monat nach der Explosionskatastrophe brach ein Großbrand im Hafen von Beirut aus.

Bei der Katastrophe starben laut libanesischen Regierungsangaben mindestens 190 Menschen, mehr als 6500 wurden verletzt. Sieben Tage nach der Explosion waren in diesem Zusammenhang noch etwa 110 Personen als vermisst gemeldet. Die Vermisstenanzahl reduzierte sich auf sieben innerhalb der darauf folgenden vier Wochen.

Die Krankenhäuser in Beirut waren durch den Ansturm von Verletzten überlastet. Unter den Verletzten befanden sich Angehörige der Friedenstruppen der Vereinten Nationen, die als Mitglieder der Beobachtermission UNIFIL in Schiffen am Hafen stationiert waren. Unter den Toten befinden sich der Generalsekretär der Kata’ib-Partei, Nazar Najarian, und der gambisch-libanesische Geschäftsmann George S. Madi. Auch eine Mitarbeiterin der deutschen Botschaft kam in ihrer Wohnung ums Leben.

Die Druckwelle der Explosion hatte auch einen immensen materiellen Schaden zur Folge: Neben fortgeschleuderten Autos und zerstörten Gebäuden in der näheren Umgebung wurden selbst Häuser in mehreren Kilometern Entfernung schwer beschädigt. Videoaufnahmen belegen verwüstete Stadtteile. Besonders stark betroffen waren die Stadtviertel Mar Mikhael und Gemmayze, wo 40 Gebäude vom Einsturz bedroht und 300 weitere beschädigt sind. Noch in 20 Kilometern Entfernung barsten Fenster durch die Druckwelle. So wurden alle mühsam angefertigten Buntglasfenster der Evangelischen Nationalkirche zerstört. Am Explosionsort hinterließ die Detonation einen 140 Meter breiten und 40 Meter tiefen Krater. Drei Krankenhäuser wurden evakuiert, da sie schwer beschädigt beziehungsweise zerstört worden waren. Laut einer Untersuchung der WHO war mehr als die Hälfte der 55 Krankenhäuser und Gesundheitszentren in der Stadt nicht funktionsfähig. Die UNESCO teilte mit, dass etwa 8000 Gebäude durch die Explosion beschädigt wurden, darunter 640 historische Gebäude, von denen 60 einsturzgefährdet waren. Dem Beiruter Büro der Konrad-Adenauer-Stiftung zufolge wurde auch das Elektrizitätswerk in Beirut zerstört. Nach Berichten der libanesischen Nachrichtenagentur National News Agency wurden zudem etwa 90 % der Hotels in Beirut beschädigt. Auch das Sursock-Museum mitsamt dessen Ausstellungsstücken und das Gebäude des armenisch-apostolischen Katholikats von Kilikien wurden zum Teil schwer beschädigt. Zwischen 200.000 und 300.000 Menschen sollen obdachlos geworden sein. Die Höhe der durch die Katastrophe entstandenen Sachschäden liegt laut ersten Schätzungen bei bis zu fünf Milliarden US-Dollar (knapp 4,25 Mrd. Euro).

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