Eugenie Goldstern (russisch Женни Гольдштерн) (geboren 1. Märzjul. / 13. März 1884greg. in Odessa, Russisches Kaiserreich; gestorben am 17. Juni 1942 im Vernichtungslager Sobibor) war eine österreichische Volkskundlerin, Kulturgeographin und eine Pionierin der europäischen Ethnographie.
Eugenie wurde als 15. Kind in die reiche jüdische Kaufmannsfamilie Goldstern-Kittower hinein geboren. Ihr Vater Abraham stammte aus Lemberg (heute Lwiw), die Umgangssprache in der Familie war Deutsch. Eugenie wuchs mit der Lektüre von Lessing, Schiller und Humboldt auf und begeisterte sich zusammen mit ihren älteren Schwestern für die erste emanzipierte Jüdin und berühmte Berliner Salonnière Rahel Varnhagen. Ihre Brüder schlossen sich revolutionären Zirkeln an und mussten emigrieren. Zwei von ihnen studierten Chemie in der Schweiz.
Als es 1905 in Odessa immer wieder zu Pogromen gegen Juden kam, floh Eugenie Goldsterns Familie nach Wien.
Studium und wissenschaftliche Karriere
Die junge Eugenie interessierte sich für Volkskunde und Ethnografie und besuchte dort Vorlesungen bei Michael Haberlandt, wenngleich aufgrund ihrer russischen Herkunft nur als Gasthörerin, da ihre Matura nicht anerkannt wurde.
Da eine Promotion in Wien nicht möglich war, reiste Eugenie Goldstern 1912 in die Schweiz und setzte ihre Studien beim volkskundlichen Avantgardisten Arnold van Gennep an der Universität Neuenburg fort. 1913 betrieb sie Feldforschung, indem sie den Winter im Dorf Bessans in Hochsavoyen verbrachte, wo sie mit den Menschen in deren urtümlichen Stallwohnungen lebte und die Einrichtung, die Tracht der Frauen sowie die Traditionen von der Geburt bis zum Tod als teilnehmende Beobachterin betrieb – eine Methode, die Jahrzehnte später wissenschaftlicher Standard werden sollte.
Kurz vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs entging die mit Fotoapparat und Notizbuch ausgerüstete allein reisende Goldstern nur knapp der Verhaftung als Spionin und musste Bessans im Juli 1914 überstürzt verlassen und nach Wien zurückkehren. Dort wurde ihre wissenschaftliche Karriere aktiv verhindert. Obwohl begabter als viele ihrer männlichen Kollegen, blieb ihr auch auf Grund der rassistischen Ideologie eine Anstellung am Wiener Museum für Volkskunde verwehrt. So mutet es eigenartig an, dass sie dem Museum nicht nur ihre umfangreichen Sammlungen überließ, sondern es auch mehrmals finanziell unterstützte.
Da sie kein Visum für die Schweiz bekam, konnte sie ihre Forschungsarbeit in den Kantonen Wallis und Graubünden erst ab 1918 wieder aufnehmen. 1918 schrieb sich Goldstern an der Philosophischen Fakultät der Universität Bern ein, wo sie vorhatte, ihre Doktorarbeit zu schreiben. Doch im August 1918 erkrankte sie ernsthaft an Grippe, während sie sich im Oberwallis aufhielt, um dort ethnografische Untersuchungen durchzuführen. Als dann auch noch ihr Geographielehrer Hermann Walser starb, brach sie ihre Studien vorerst ab und immatrikulierte sich nach ihrer Genesung am 24. Mai 1919 an der Universität Fribourg. Für ihre Dissertation Volkskundliche monographische Studie über eine savoyische Hochgebirgsgemeinde im Fach Geographie bei Paul Girardin wurde sie mit summa cum laude ausgezeichnet.
1919 und 1920 bereiste sie das Val Müstair. 1922 erschien ihre mit Karten, Zeichnungen und über hundert Fotografien illustrierte Doktorarbeit über das Münstertal mit dem Titel "Hochgebirgsvolk in Savoyen und Graubünden" in einem Ergänzungsband der Wiener Zeitschrift für Volkskunde. Goldstern dokumentierte darin die romanischen Hausinschriften ebenso wie Rituale und Bräuche, etwa die Alpabfahrt oder Chalandamarz. 1924 publizierte sie ihre letzt wissenschaftliche Arbeit "Alpine Spielzeugtiere. Ein Beitrag zur Erforschung des primitiven Spielzeugs". Trotz ihrer Verbindungen in die Schweiz und nach Frankreich blieb sie in Wien isoliert und sie zog sich zurück. In den folgenden Jahren half sie ihrem Bruder Samuel in dessen Sanatorium. Als ledige Frau fand sie trotz ihrer ausgewiesenen Fähigkeiten als Wissenschaftlerin und Pionierin der europäischen Ethnografie auch in der Familie keine Anerkennung.
Am 10. November 1938 wurde die Familie Goldstern aus ihrem Sanatorium gejagt und ihr Vermögen wurde eingezogen. Eugenie blieb bei ihrem betagten Bruder Sima zurück. Am 14. Juni 1942 wurde sie vom Wiener Aspangbahnhof aus in das Vernichtungslager Sobibor deportiert und wahrscheinlich am Tag der Ankunft (17. Juni 1942) ermordet.
2004 gedachte das Österreichische Museum für Volkskunde Eugenie Goldsterns mit einer großen Ausstellung.
Im Jahr 2011 wurde in Wien-Penzing (14. Bezirk) die ursprünglich nach der gleichnamigen Blume benannte Goldsterngasse zusätzlich nach ihr benannt.
Jenny Goldstern: Twardowski, der polnische Faust. In: Zeitschrift für österreichische Volkskunde. Jg. 18 (1912), S. 36–46 (Digitalisat).
Beiträge zur Volkskunde des Lammertales mit besonderer Berücksichtigung von Abtenau (Tännengau). In: Zeitschrift für österreichische Volkskunde. Jg. 24 (1918), S. 1–29 (Digitalisat).
Das Haus von Bessans (Savoyen). Jg. 27 (1921), S. 33–56 (Digitalisat).
Hochgebirgsvolk in Savoyen und Graubünden. Ein Beitrag zur romanischen Volkskunde (= Wiener Zeitschrift für Volkskunde. Supplementband Bd. 14). Verein für Volkskunde, Wien 1922. Enthält: Bessans: Volkskundliche monographische Studie über eine savoyische Hochgebirgsgemeinde (Frankreich) und Beiträge zur Volkskunde des bündnerischen Münstertales (Schweiz).
Eine volkskundliche Erkundungsreise im Aostatale (Piemont). In: Wiener Zeitschrift für Volkskunde. Jg. 28 (1923), S. 55–57 (Digitalisat).
Alpine Spielzeugtiere: Ein Beitrag zur Erforschung des primitiven Spielzeuges. In: Wiener Zeitschrift für Volkskunde. Jg. 29 (1924), Heft 3–4, S. 45–71 (Digitalisat).