An diesem Tag

Etty Hillesum

Niederländisch-jüdische Juristin, Tagebuchautorin und Intellektuelle

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Etty Hillesum (geboren am 15. Januar 1914 als Esther Hillesum in Middelburg; ermordet am 30. November 1943 im KZ Auschwitz-Birkenau) war eine niederländische jüdische Intellektuelle. Während der deutschen Besetzung der Niederlande führte sie in den Jahren 1941 bis 1943 ein Tagebuch und hinterließ Briefe, in denen sich ihre menschliche und spirituelle Entwicklung unter den Bedingungen von Krieg und Verfolgung widerspiegelt. Eine erste Auswahl aus dem Tagebuch wurde 1981 veröffentlicht und fand großes, auch internationales Interesse. Eine Gesamtausgabe ihrer Schriften erschien 1983, die deutschsprachige Übersetzung davon 2023.

Etty Hillesum entstammte einer assimilierten jüdischen Familie. Ihr Vater, Louis Hillesum, war Gymnasiallehrer für alte Sprachen, später Direktor eines Gymnasiums in Deventer. Ihre Mutter, Riva Hillesum, geborene Rebecca Bernstein, stammte aus Russland und war als Erste ihrer Familie vor Pogromen in die Niederlande geflüchtet. Hillesum hatte zwei jüngere Brüder: Jaap (Jacob; 1916–1945), der Arzt wurde, und Mischa (Michael; 1920–1944), der Pianist wurde.

Von 1932 an studierte sie an der Universität Amsterdam Jura und schloss das Studium 1939 mit dem Master-Examen ab. Anschließend studierte sie Slawistik, solange es unter der deutschen Besatzung möglich war. 1937 war sie in das Haus des pensionierten Buchhalters Hendrik (Han) Wegerif eingezogen, mit dem sie eine Liebesbeziehung einging. In dem Haus lebten auch einige andere, meist junge Menschen, die eine Hausgemeinschaft und für Hillesum eine Art zweite Familie bildeten.

Im Mai 1940 wurden die Niederlande und Belgien von der deutschen Wehrmacht überfallen und besetzt. Im Oktober 1940 begannen die Besatzer mit der Entrechtung und Verfolgung der niederländischen Juden; der Holocaust in den Niederlanden begann. Unter diesen Bedingungen lernte Hillesum im Februar 1941 den deutschen Emigranten Julius Spier (1887–1942) kennen, einen jungianischen Psychoanalytiker, der in seine Arbeit auch andere Methoden einbezog, wie die Handlesekunst und die damals im Entstehen begriffene Körperpsychotherapie. Im März 1941 begann sie eine Psychotherapie bei ihm. Wahrscheinlich war es Spier, der ihr empfahl, ein Tagebuch zu führen. Die Beziehung zu Spier wurde in den nächsten eineinhalb Jahren über die Therapie hinaus eine Freundschaft, eine spirituelle Lehrer-Schülerin-Beziehung und schließlich auch eine Liebesbeziehung.

Im Juli 1942, als Etty Hillesum den Aufruf für das Durchgangslager Westerbork erwartete, von wo aus die Transporte der niederländischen Juden nach Auschwitz gingen, bewarb sie sich um eine Bürostelle beim Judenrat Amsterdam, die sie auch erhielt. Die Arbeit dort empfand sie aber als „Hölle“, woraufhin sie sich schon nach 14 Tagen freiwillig für die Arbeit in der „Sozialen Versorgung der Aussiedler“ im Lager Westerbork meldete. Dort widmete sie sich besonders den Schwächsten im Lager, den Alten, den Kranken, den Müttern mit kleinen Kindern, den jungen Mädchen. Wegen ihrer Stellung als Angestellte des jüdischen Rats konnte sie in den folgenden Monaten noch verschiedentlich zwischen Westerbork und Amsterdam pendeln. So konnte sie an der Beisetzung von Julius Spier teilnehmen, der am 15. September 1942 gestorben war. Vom 5. Dezember 1942 bis zum 5. Juni 1943 war sie wegen einer Krankheit in Amsterdam. Ein Untertauchen, das ihr aus dem Freundeskreis angeboten wurde, lehnte sie nachdrücklich ab und sagte, sie wolle „das Schicksal ihres Volkes teilen“. Vom 6. Juni 1943 an war sie endgültig in Westerbork. Überlebende des Lagers bezeichneten sie später als eine „leuchtende Persönlichkeit“ bis zuletzt. Im Juni 1943 trafen auch ihre Eltern und ihr Bruder Mischa in Westerbork ein. Am 7. September 1943 wurde sie gemeinsam mit ihren Eltern und ihrem Bruder Mischa von Westerbork mit dem 75. Massentransport in das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau deportiert. Kurz nach der Abfahrt warf sie eine Postkarte aus dem Zug, die von Bauern gefunden und abgeschickt wurde.

Auf der Postkarte schrieb sie: … ich schlage die Bibel an einer willkürlichen Stelle auf und finde: Der Herr ist meine starke Burg. Ich sitze mitten in einem überfüllten Güterwagen auf meinem Rucksack. Vater, Mutter und Mischa sitzen einige Waggons entfernt. Die Abfahrt kam doch noch recht unerwartet. Ein plötzlicher Befehl für uns aus Den Haag. Singend haben wir dieses Lager verlassen, Vater und Mutter sind tapfer und ruhig. Mischa ebenfalls. Wir werden drei Tage auf der Reise sein … Auf Wiedersehen von uns vieren. Etty.

Die Eltern starben entweder auf dem Transport oder wurden unmittelbar nach der Ankunft in Auschwitz ermordet. Als Todesdatum von Etty Hillesum wurde vom Roten Kreuz der 30. November 1943 angegeben, als das ihres Bruders Mischa der 31. März 1944. Der Bruder Jaap kam erst Ende September 1943 nach Westerbork und wurde im Februar 1944 von dort nach Bergen-Belsen deportiert. Die Auflösung des Lagers und einen weiteren Transport überlebte er nicht. Er starb im April 1945.

Ihre Tagebücher hatte Hillesum vor ihrer endgültigen Abreise nach Westerbork ihrer Freundin Maria Tuinzing übergeben mit der Bitte, sie an den Schriftsteller Klaas Smelik weiterzugeben, falls sie nicht zurückkäme. Sie wünschte sich, dass die Tagebücher veröffentlicht würden.

Etty Hillesums Werk besteht aus den Tagebüchern und Briefen, die sie von 1941 bis 1943 zur Zeit der deutschen Besatzung der Niederlande schrieb. Während sie sich in ihren Tagebüchern vorwiegend mit ihrer seelischen und spirituellen Entwicklung beschäftigte, widmete sie sich in ihren Briefen zunehmend auch der Beobachtung der konkreten Lage und besonders der Judenverfolgung in den besetzten Niederlanden. So berichtete sie zum Beispiel in zwei langen Briefen vom Dezember 1942 und vom August 1943 von den Zuständen im Lager Westerbork, im zweiten davon besonders von den Umständen während des Abends und der Nacht vor der üblicherweise wöchentlichen Abfahrt eines Zugs nach Auschwitz mit jeweils ca. 1000 Lagerinsassen. Die beiden Briefe wurden noch während der Zeit der deutschen Besatzung im Herbst 1943 illegal und anonym veröffentlicht.

Als sie Anfang März 1941 mit der Therapie bei Julius Spier begann und die ersten Einträge in ihr Tagebuch vornahm, empfand sie sich trotz all ihrer Begabungen und ihrem Einbezogensein in einen großen Freundeskreis als eine unsichere, emotional gestörte und häufig depressive junge Frau. Unter Spiers Anleitung begann sie, daran zu arbeiten, innere Ordnung und Klarheit in ihr Leben zu bringen. Er schlug ihr zusätzlich zur Therapie Körperübungen vor, das Führen eines Tagebuchs und etwas, was sie später mit den deutschen Begriffen „sich versenken“ oder „in sich hineinhorchen“ bezeichnete. Mit scharfer Beobachtungsgabe und großer Ehrlichkeit berichtete sie im Tagebuch von den Therapiesitzungen und analysierte ihr Denken, Fühlen und Handeln. Sie entdeckte ihre Begabung für das Schreiben und hoffte, später Schriftstellerin zu werden. Spier ermutigte sie zu mehr Selbstdisziplin und lehrte sie, wie sie mit ihren Depressionen umgehen konnte. Er machte ihr auch Lektürevorschläge. Hillesum war von Jugend an literarisch und philosophisch belesen. Sie war einerseits besonders vertraut mit der russischen Literatur, vor allem mit Dostojewski, andererseits auch mit Rilke, den sie als einen Seelenverwandten empfand. Spier schlug ihr vor, die Bibel, Augustinus, Thomas a Kempis, Meister Eckart, aber auch C.G. Jung zu lesen.

Schon wenige Monate nach dem Beginn der Therapie empfand sie, dass ihr Ringen um Klarheit und Gleichgewicht Erfolge zeigte, dass sie sich kraftvoller fühlte und dass ein innerer Wachstumsprozess begonnen hatte. Nun eröffnete sich ihr nach und nach eine „tiefere Dimension“ des Lebens. Die neue Richtung, die sie einschlug, war für sie, die assimilierte Jüdin, durch ein nicht konfessionell gebundenes, eher philosophisches Interesse an religiösen Themen begründet. Ihre Weltanschauung bis dahin kann man als humanistisch im allgemeinen Sinn bezeichnen. Jetzt begann sie, Anstoß an dem zu nehmen, was sie als die Grenzen des Rationalismus empfand. Der Verstand genügte ihr nicht mehr, um die Fragen an Welt und Leben, die sich ihr stellten, zu beantworten. Es ergab sich, dass sie – fast unbewusst – Zugang zu ihren kontemplativen Fähigkeiten bekam. Sie ließ sich von dem, was sie zuvor lediglich rational zu analysieren versucht hatte, emotional und spirituell berühren. In den von ihr scherzhaft „buddhistische Viertelstunde“ genannten Phasen des in sich Hineinhorchens versuchte sie jeden Morgen, ihren Kopf von allem Überflüssigen und Zerstreuenden zu befreien und in ihrem Inneren „weite leere Flächen“ entstehen zu lassen, so dass sie zum Transzendenten Kontakt aufnehmen konnte.

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