Erwin Strittmatter (* 14. August 1912 in Spremberg; † 31. Januar 1994 in Schulzenhof) war ein deutscher Schriftsteller in der DDR. Er hat durch seine führenden Positionen im Schriftstellerverband und seine Tätigkeit als Inoffizieller Mitarbeiter (IM) aktiv an der Umsetzung der Zensur in der DDR mitgewirkt. Andererseits wurde er mit einigen seiner Bücher auch selbst Opfer der Zensur.
Jugend und erste Tätigkeiten 1912–1941
Erwin Strittmatter war eines von fünf Kindern des Bäckers Heinrich Strittmatter (1889–1981), seine Mutter Pauline Helene, geborene Kulka (1889–1968) war sorbischer Herkunft. Die Kindheit verbrachte Erwin Strittmatter ab 1914 in Graustein und ab 1919 in Bohsdorf nahe Spremberg in der Niederlausitz, wohin seine Eltern gezogen waren, um dort eine Kolonialwarenhandlung und Bäckerei zu betreiben. Von 1924 bis 1930 besuchte er das Reform-Realgymnasium in Spremberg, verließ es aber ohne Abschluss.
1930 begann Erwin Strittmatter eine Bäckerlehre im elterlichen Betrieb, sowie danach in Pretzsch. Ab 1932 war er als Bäckergeselle tätig. Ab 1934 war er Tierpfleger im Tierpark Dinslaken, danach Tierwärter, Kellner und Hilfsarbeiter. Von September 1936 bis Mai 1937 arbeitete er auf dem Edelhof der (unverheirateten) Schwestern Hedwig und Elsa Ruetz in Beulwitz bei Saalfeld in Thüringen, wo er in ihrem Auftrag eine Kaninchenzucht einrichtete und auch als ihr Chauffeur arbeitete.
In Herbst 1937 zog Erwin Strittmatter nach Reschwitz südlich von Saalfeld, wo er auf dem Mühlgut Pferde auf ihren Einsatz beim Militär vorbereitete. Hier heiratete er im Dezember 1937 seine erste Frau Waltraud Kaiser. Am 27. März 1938 wurde dort ihr Sohn Ulf geboren.
Am 4. Juni 1938 zog Erwin Strittmatter mit seiner Familie nach Saalfeld. Er war seitdem als Hilfsarbeiter, später als Chemiefacharbeiter in der Thüringischen Zellwolle-AG in Rudolstadt-Schwarza tätig.
Wie alle Männer der Jahrgänge 1911/12 wurde Erwin Strittmatter kurz nach Beginn des Zweiten Weltkriegs im September/Oktober 1939 als Wehrpflichtiger erfasst und von der Wehrmacht gemustert. Zu diesem Zeitpunkt (3. Oktoberwoche 1939) startete die Ordnungspolizei (= Überbegriff für alle uniformierten Polizeisparten) eine Werbeaktion für noch ungediente Jahrgänge („Willst du zur Schutzpolizei?“). Da der Dienst in der Schutzpolizei als Wehrdienst anerkannt wurde, war die Nachfrage sehr groß. Auch der bereits 27 Jahre alte Strittmatter meldete sich, wurde aber aufgrund des Einspruchs seines Arbeitgebers (noch) nicht freigegeben und arbeitete weiter in der Thüringischen Zellwolle AG in Schwarza. Direkte Aufnahmen in SS-Truppen und Neuaufnahmen in die Polizei waren kriegsbedingt nicht mehr möglich, sie mussten von der Wehrmacht genehmigt werden. Zur administrativen Abwicklung der Freigaben für SS und Polizei wurde mit Wirkungsbeginn 1. Dezember 1939 ein von der Wehrmacht autorisiertes „Ergänzungsamt der Waffen-SS“ eingerichtet. Dessen Ergänzungsstellen in den Wehrkreisen waren ab 1940 für Bewerbung zuständig. Ob sich Strittmatter erneut beworben hatte, oder aufgrund seiner Meldung vom Oktober vorgeladen wurde, ist noch nicht recherchiert. Im April 1940 wurde er einer „Rassenüberprüfung“ unterzogen, in der Karteikarte sind die Geburtsorte seiner polnisch/sorbischen Großeltern mütterlicherseits eingetragen. Bisher wurde nur diese Karteikarte in Archiven gefunden und verleitete zur Annahme, er hätte sich zur Waffen-SS gemeldet. Auch Strittmatter bezieht sich in Briefen vom Frühjahr 1940 nicht nur auf Schutzpolizei/Polizei, sondern auch auf "die Waffen-SS" – verständlich, denn es war Bezeichnung des Ergänzungsamtes, das ab 1940 für Schutzpolizei-Bewerber zuständig war. (Die Sammelbezeichnung "Waffen-SS" war lange nur im Ergänzungsbereich in Verwendung und setzte sich erst "schleichend" im Sprachgebrauch durch.) Parallel zur Überprüfung durch die SS-Ergänzungsstelle erhielt er (Frühjahr 1940) eine Einberufung in eine Kfz-Ersatzeinheit der Wehrmacht – da er bereits für die Schutzpolizei vorgemerkt war, wurde der Einberufungbescheid wieder zurückgezogen. Auch sein Arbeitgeber Dr. Schieber wollte ihn als Werkdichter ködern/fördern und behalten. Über diese Pattstellung berichtet Strittmatter im Mai 1940 seinem Vater:
Erst im März 1941 kam Erwin Strittmatter mit Einberufungsbefehl seines Wehrkreises in eines der letzten drei Ausbildungsbataillone dieser nach Kriegsbeginn aufgenommenen Wehrpflichtigen (Pol.-A.-Batl. Eilenburg II). Wie bei der Werbung versprochen, wurden die etwas älteren Männer bereits als Wachtmeister aufgenommen, nach einem Jahr Dienst konnten sie zum Oberwachtmeister befördert werden. Strittmatter erhielt eine knapp halbjährige polizeiliche und vor allem militärische Ausbildung, er war „Schütze 8 der ersten Gruppe des ersten Zuges, der ersten Kompanie“ (Brief-Zitat). Im Herbst 1941 wurde das Ausbildungsbataillon Eilenburg II zum Polizeibataillon 325 umgewandelt und in die besetzte Oberkrain (gebirgiger Teil Sloweniens) geschickt, um die dort stationierten Besatzungskräfte (Polizei, Gendarmerie, Landeschützen) im Kampf gegen Partisanen zu unterstützen. Für knapp zwei Monate (31. Oktober bis 20. Dezember 1941) kam das Bataillon als Streifen- und Wachdienst nach Krakau, wurde dann aber erneut nach Slowenien zu „Befriedungsaktionen“ gegen Partisanengruppen in die Oberkrain zurückgeholt. Ab Frühjahr 1942 war Strittmatter aufgrund seiner Schreibfähigkeiten auch als einer der Schreiber im Bataillons-Stab in Verwendung.
Im Juni 1942 wurde das Pol.Batl. 325 zu einer Gebirgsjäger-Ausbildung nach Reutte/Außerfern geholt und mit zwei weiteren Wachtmeisterbataillonen (Nr. 302, 312) zu einem Polizei-Gebirgsjäger-Regiment zusammengefasst. Dieses Spezialregiment sollte für einen Einsatz im Kaukasus vorbereitet sein, dieser kam jedoch (Niederlagen im Osten) nicht mehr zustande. Im Frühjahr 1943 erhielten die Polizeiregimenter einen SS-Zusatz, das Pol.Gebirgsjäger-Regiment 18 wurde zum SS-Polizei-Gebirgsjäger-Regiment 18 umbenannt. Es handelte sich nur um einen nominellen Zusatz, alle 28 Polizeiregimenter blieben weiter Teil der Ordnungspolizei.
Ab Ende 1942 unterstand das Regiment der Wehrmacht, kam zuerst für ein halbes Jahr an der Front in Karelien/Finnland und dann ab August 1943 in Griechenland zum Einsatz: Strittmatters Bataillon (nunmehr das III. Bataillon des Regiments) war zuerst in Mittelgriechenland/Livadia, von Ende Oktober bis Mitte Dezember 1943 auf den griechischen Kykladen-Inseln und ab Januar erneut im Bereich Livadia/Festland stationiert. Einige seiner Kriegserfahrungen verarbeitete Strittmatter im ersten Band Der Wundertäter (1957) – zudem mit Anspielung auf das Regiment/„Stube 18“; es meldeten sich in der Folge Ex-Kollegen aus der DDR bei dem damals bereits bekannten Schriftsteller. Strittmatter karikierte in Teil II seines Schelmenromans die vorgesetzten "Führer", schrieb über Bereicherungen und Korruption, über passive Sabotage und erfolgreiche Desertationen.
Im Juli 1944 wurde er zur Film- und Bildstelle des Hauptamtes der Ordnungspolizei nach Berlin-Spandau versetzt und entkam damit dem verlustreichen Rückzug über den Balkan.
Als seine Dienststelle im März 1945 von Berlin nach Süden ausgelagert wurde, fanden er und ein weiterer Kriegsberichterstatter bei der Bauersfamilie Sauheitel in Wallern in Böhmen Unterschlupf, sie blieben dort bis Kriegsende. Im Mai wurde er von der US Army verhört und als Zivilist entlassen.
Im Juni kehrte Erwin Strittmatter nach Saalfeld zurück und arbeitete auf dem Obstgut Gehlen als Hilfsarbeiter. Ab Dezember 1945 arbeitete er wieder in der Bäckerei des Vaters in Bohsdorf in der Niederlausitz. 1946 trat er dem Schutzverband deutscher Schriftsteller (dem späteren Schriftstellerverband der DDR) bei. Im Juni 1947 wurde Erwin Strittmatter Neusiedler, erhielt also im Zuge der Bodenreform einige landwirtschaftliche Flächen. Zugleich wurden ihm die Funktionen als Amtsvorsteher und Standesbeamter in Bohsdorf und einigen Nachbardörfern übertragen, allerdings nur bis Dezember 1947. Auch im Jahr 1947 trat er der SED bei, besuchte die Kreisparteischule in Hoyerswerda und wurde Lokalredakteur der Märkischen Volksstimme für die Kreise Calau und Senftenberg. 1950 besuchte er einen Sonderlehrgang für Kulturredakteure an der Parteihochschule.