Erwin Panofsky (geboren am 30. März 1892 in Hannover; gestorben am 14. März 1968 in Princeton, New Jersey, USA) gilt als einer der bedeutendsten Kunsthistoriker des 20. Jahrhunderts und als Mitbegründer der Ikonologie.
Erwin „Pan“ Panofsky stammte mütterlicherseits aus einer über 100 Jahre in Hannover ansässigen jüdisch-deutschen Kaufmanns- und Bankiersfamilie, väterlicherseits aus einer in Schlesien ansässigen jüdisch-deutschen Unternehmer- und Kaufmannsfamilie. Er war der älteste Sohn des Kaufmanns Arnold Panofsky aus Tarnowitz (Oberschlesien) und der hannoverschen Bürgerstochter Cäcilie Solling. 1891–1894 wohnte die Familie in der Herrenstraße 11 in Hannover (Erwin Panofskys Geburtshaus), 1895/96 in der Langen Laube 46, 1897–1902 in der Heinrichstraße 32. Sein Onkel besaß das Bankhaus Carl Solling & Co. in Hannover. Panofsky besuchte zunächst für kurze Zeit das Kaiser-Wilhelm-Gymnasium in Hannover, ab 1902 dann das renommierte Joachimsthalsche Gymnasium in Berlin, wohin die Familie nach dem Rückzug des Vaters aus dem Erwerbsleben gezogen war.
Ab Sommersemester 1910 studierte Panofsky zunächst Rechtswissenschaft, dann Kunstgeschichte, Geschichte und Philosophie an den Universitäten Freiburg, München und Berlin bei Heinrich Wölfflin, Edmund Hildebrandt, Werner Weisbach und Adolph Goldschmidt. Am 18. Juli 1914 wurde er bei Wilhelm Vöge, der ihn einst durch seine Dürervorlesung zur Aufgabe seines ersten Studienfachs, der Rechtswissenschaft, motiviert hatte, in Freiburg mit einer Dissertationsschrift über Die theoretische Kunstlehre Albrecht Dürers (Dürers Ästhetik), unter diesem Titel als Teildruck erschienen bei Georg Reimer Berlin, promoviert, nachdem er mit einer umfangreicheren Arbeit zum selben Thema den ersten Preis der Grimm-Stiftung gewonnen hatte. Im August desselben Jahres meldete er sich freiwillig zum Militärdienst, wurde aber wegen eines Leistenbruchs vorübergehend vom Dienst befreit. Er studierte in Berlin weiter und veröffentlichte seine Dissertation mit dem Titel Dürers Kunsttheorie, vornehmlich in ihrem Verhältnis zur Kunsttheorie der Italiener. Im Jahr 1920 reichte er an der Universität Hamburg, wo Gustav Pauli zu seinen Förderern zählte, seine Habilitationsschrift ein und begann als Privatdozent zu lehren.
Im Juni 1921 wurde ihm die Leitung des Seminars mit Prüfungserlaubnis übertragen, erst 1926 wurde er dort ordentlicher Professor. Er lehrte und forschte in Hamburg, unterstützt durch das einzigartige Forschungsinstrument der kulturwissenschaftlichen Bibliothek Warburg in enger Verbindung mit deren Leiter Fritz Saxl, bis er nach der nationalsozialistischen Machtübernahme 1933 auf der Grundlage des Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums entlassen wurde. Anschließend emigrierte er in die USA, wo er bereits 1931/1932 an der New York University eine Gastprofessur wahrgenommen hatte.
Bereits damals hatte sich ein erster Kontakt zu Princeton (New Jersey), seinem späteren Wohnort und Forschungsstandort ergeben, da er zu einem Vortrag und einem Doktorandenkolloquium an die Princeton University eingeladen worden war. Während eines zweiten New-York-Besuches erreichte ihn dann die Nachricht seiner bevorstehenden Entlassung in Deutschland. Um seine Emigration vorzubereiten und drei seiner dortigen Schüler noch zu promovieren, kehrte er jedoch zunächst noch einmal für kurze Zeit nach Hamburg zurück. Als er 1934 eine weitere Gastprofessur für drei Semester an der New York University erhielt, die durch eine Lehrtätigkeit an der Princeton University ergänzt wurde, war seine Existenz im Exil fürs erste gesichert. Doch schon bald erhielt er den Ruf an das neugegründete Institute for Advanced Study in Princeton (New Jersey), den er 1935 annahm. Damit war seine berufliche Position in den USA nunmehr endgültig gefestigt, was ihm erlaubte, einen Ruf an die University of Chicago nun ebenso abzulehnen wie den konkurrierenden der New York University.
Während seiner langjährigen Lehr- und Forschungstätigkeit in den USA leistete Panofsky einen wesentlichen Beitrag zum Aufbau der damals dort noch in den Kinderschuhen steckenden Disziplin. Allerdings geriet er gegenüber der neuen Modeströmung Abstrakter Expressionismus in der Vir-Heroicus-Kontroverse in die Defensive. Panofsky schrieb an Art News, nachdem das Februarheft 1951 der Zeitschrift ein großformatiges rotes, abstraktes Gemälde von Barnett Newman mit dem etwas pompösen Titel „Vir Heroicus Sublimus“ vorgestellt hatte, einen kritischen Leserbrief, der die seiner Meinung nach fehlerhafte lateinische Endung sublimus (statt sublimis) kritisierte. Daraufhin kam es zu einer Leserbriefkontroverse mit Newman, der mit der Hilfe seines Freundes Meyer Schapiro zwar nachweisen konnte, dass sublimus tatsächlich als Nebenform von sublimis belegbar ist, was jedoch natürlich an dem Sachverhalt, dass es sich angesichts der extremen Seltenheit dieses Phänomens um einen Fehler handelte, nichts änderte und insofern keinen ernst zu nehmenden Einwand gegen Panofskys Kritik darstellte. Allerdings hätte Panofsky an dem Umstand, dass der in der Bildlegende unterlaufene Fehler im Text des Artikels nicht wiederholt worden war, erkennen müssen, dass es sich hier um einen simplen Druckfehler und nicht, wie von ihm unterstellt, um einen durch mangelnde Sprachkenntnisse verursachten Lateinfehler handelte. In Wahrheit ging es aber nicht um richtiges oder falsches Latein oder um Druckfehler, sondern um die Bedeutung historischer, literarischer und sprachlicher Bildung für die Kunst und Kunstwissenschaft auf der einen und die Diskreditierung Panofskys als Wissenschaftler und vor allem als Kunstsachverständiger auf der anderen Seite, der in seinem Leserbrief auch freimütig seine Schwierigkeiten mit der Würdigung der modernen Kunst zugegeben hatte („I find it increasingly hard to keep up with contemporary art“). Das „gemeinsame Kunstwollen äußert sich in kontroversen Gestalten: bei Panofsky im beschreibenden Festhalten am neuzeitlichen Decorum, dem ‚Schönen‘; bei Newman in der künstlerischen Erneuerung des ‚Sublimen‘.“
Seit seiner Emigration publizierte Panofsky in englischer Sprache und passte sich durch einen eingängigeren Sprachstil und die Veröffentlichung von Überblicksdarstellungen den geringeren Bildungsvoraussetzungen seines neuen Publikums an. Die Beschäftigung mit methodologischen Fragestellungen trat dementsprechend in den Hintergrund. Nach seiner Emeritierung im Jahr 1962 wurde Panofsky zum Samuel Morse Professor of Fine Arts an der NYU ernannt. Nach dem Tode seiner ersten Frau Dora heiratete Panofsky 1966 die Kunsthistorikerin Gerda Soergel.
Bei der Emigration Panofskys konnten zwar wichtige Teile der persönlichen Habe „an Möbeln und anderen Erbstücken“, das Inventar „der Hamburger Privatwohnung in der Alten Rabenstraße Nr. 34“, in die USA verschifft werden. Doch Panofskys Habilitationsschrift Die Gestaltungsprincipien Michelangelos, besonders in ihrem Verhältnis zu denen Raffaels und die gesamten diesbezüglichen Materialien waren im Dienstzimmer zurückgeblieben, „das er als Geächteter nicht mehr betrat“, und waren – auch nach dem Kriegsende – nicht mehr aufzufinden. Das hand- und maschinenschriftlich ergänzte und korrigierte Typoskript der Arbeit wurde erst im August 2012 von Stephan Klingen in einem Tresor im Zentralinstitut für Kunstgeschichte in München entdeckt. Der Tresor hatte seinem 1933 in Deutschland verbliebenen und 1978 verstorbenen Schüler Ludwig Heinrich Heydenreich gehört, der 1946 Gründungsrektor des Zentralinstituts für Kunstgeschichte war. Heydenreich hatte 1934 Panofskys Nachfolge in Hamburg angetreten und nach dem Krieg wieder freundschaftliche Beziehungen zu Panofsky geknüpft. Obwohl er mit ihm über die Notwendigkeit, das Michelangelobuch doch noch zu schreiben, korrespondierte, hatte er ihn nie darüber informiert, dass er im Besitz der verschollen geglaubten Habilitationsschrift war.
Panofsky war Mitglied zahlreicher gelehrter Gesellschaften und Akademien, so etwa der American Philosophical Society und der American Academy of Arts and Sciences (1948), der Königlich Niederländischen Akademie der Wissenschaften (1954), der British Academy (1955), der Accademia Nazionale dei Lincei (1967) und der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung (1957). 1967 wurde er Mitglied des Ordens Pour le Mérite.