Ernst Wilhelm Nay (* 11. Juni 1902 in Berlin; † 8. April 1968 in Köln) war ein deutscher Maler und Grafiker der klassischen Moderne. Er gilt als einer der bedeutendsten Maler der deutschen Nachkriegskunst.
Ernst Wilhelm Nay stammte aus einer Berliner Beamtenfamilie. Er wurde als zweiter Sohn von sechs Kindern geboren. Sein Vater Johannes Nay fiel 1914 als Hauptmann in Belgien. Seine humanistische Schulausbildung schloss Nay 1921 mit dem Abitur an der Landesschule Pforta in Thüringen ab. Aus dieser Zeit stammen die ersten Malversuche und es wuchs sein Interesse an Kunst. Im selben Jahr begann Nay eine Buchhandelslehre in der Berliner Buchhandlung Gsellius, die er nach einem Jahr wieder abbrach. Danach schlug er sich mit Gelegenheitsjobs durch und begann Selbstbildnisse und Landschaften zu malen. Im Sommerquartal 1923 besuchte Nay als Hospitant Aktzeichenkurse bei Carl Mikelait und Otto Marcus sowie einen Tierzeichenkurs bei Heinrich Homolka an der Unterrichtsanstalt des Kunstgewerbemuseums Berlin.
Mit drei seiner autodidaktisch gemalten Bilder (Bildnis meiner Mutter, 1924, WV 3, Bildnis Ruth, 1924, WV 4, und Bildnis Franz Reuter, 1925, WV 6) stellte er sich 1924 bei Karl Hofer (1878–1955) an der Hochschule für die Bildenden Künste in Berlin vor. In seinen Regesten zu Leben und Werk, aufgezeichnet 1958, erinnert sich Nay: „Mit diesen drei Bildern fuhr ich eines Sonntags zu Hofer und zeigte sie ihm. Er war von dem Bildnis des jungen Mannes sehr begeistert und bestimmte, ich solle es auf die Akademie-Ausstellung am Pariserplatz geben, die Frühjahrausstellung. Die war damals die beste moderne Ausstellung in Berlin.“ Hofer erkannte Nays Begabung, vermittelte ihm ein Stipendium und nahm ihn ab dem Sommersemester 1925 in seine Malklasse an den Vereinigten Staatsschulen für freie und angewandte Kunst in Berlin auf. An der Hochschule lernte Nay seine spätere Frau Helene (Elly) Kirchner (1901–1986) kennen, die dort als Modell tätig war. 1928 macht Nay eine erste Studienreise nach Paris. Er beendete sein Studium im Sommersemester 1929 als Meisterschüler Hofers.
1930 vermittelte der Kunsthistoriker Carl Georg Heise (1890–1979) Nay ein Stipendium für einen Aufenthalt auf der dänischen Insel Bornholm, wo er die sogenannten „Strandbilder“ schuf. Ein Jahr später erhielt er durch die Preußische Akademie der Künste ein Stipendium für einen zehnmonatigen Aufenthalt an der Deutschen Akademie (Villa Massimo) in Rom, wo kleinformatige, surrealistisch-abstrakte Bilder entstanden. 1932 heirateten Nay und Elly Kirchner. Im folgenden Jahr beteiligte er sich an der Ausstellung „Lebendige deutsche Kunst“ in den Galerien Alfred Flechtheim und Paul Cassirer. In einem Hetzartikel der Nationalsozialisten im Völkischen Beobachter vom 25. Februar 1933 wurde sein Bild Liebespaar (1930, WV 86) als „Meisterwerk der Gemeinheit“ verhöhnt. Bei Sommeraufenthalten 1935 und 1936 an der Ostsee in Vietzkerstrand (Pommern) entstanden großformatige Rohrfederzeichnungen, die sogenannten „Fischerzeichnungen“ und später im Atelier die sogenannten „Dünen- und Fischerbilder“. Im Jahr 1937 wurden zwei seiner Ölgemälde (Fischerboote an der Hafenmole, 1930, WV 81 und Fischerdorf Tejn auf Bornholm, 1930, WV 83) in der Ausstellung „Entartete Kunst“ gezeigt. Durch die Vermittlung von C. G. Heise erhielt Nay eine finanzielle Unterstützung von dem Maler Edvard Munch (1863–1944), was ihm eine Reise auf die norwegischen Lofoten ermöglichte, wo er großformatige Aquarelle malte. Nach den Motiven dieser Aquarelle entstanden später, im Berliner Atelier, die sogenannten „Lofoten-Bilder“ (1937–1938).
Ende 1939 erreichte Nay der Einberufungsbefehl. Zunächst gelangte er als Infanterist nach Südfrankreich, dann in die Bretagne. 1942 wurde er als Kartenzeichner nach Le Mans versetzt. Dort erfuhr Nay eine weitere Ambivalenz seiner Lebenssituation. Er, der im eigenen Lande als „entarteter“ Maler verfemt war, erlebte hier im besetzten Frankreich wohltuende Hilfsbereitschaft, Freundschaft und unerwartete Wertschätzung seiner Malerei durch französische Intellektuelle. Hier lernte er auch den Amateurbildhauer Pierre de Thérouanne kennen, der ihm sein Atelier zur Verfügung stellte und Malmaterial besorgte. In jenen Jahren entstanden einige kleinere Ölbilder und vor allem Arbeiten auf Papier: „Der Krieg kam, schließlich zog ich ein erträgliches Los, wurde Kartenzeichner in einem Stab. Obergefreiter. Ich habs nie weiter gebracht, ich war allzu unmilitärisch. Ich konnte sogar zuweilen malen in Frankreich. Es entstanden Aquarelle, Gouachen und später auch Bilder. Es kamen glückhafte Malereien zutage, fern aller Tages- und Kriegsfragen und doch nicht idyllisch.“ Im Mai 1945 wurde Nay nach kurzer Gefangenschaft von den US-Amerikanern entlassen. Weil seine Berliner Wohnung, die ihm zugleich als Atelier gedient hatte, bei einem Bombenangriff 1943 zerstört worden war, zog er nach Hofheim am Taunus und konnte dort, durch Vermittlung der Sammlerin und Kunsthändlerin Hanna Bekker vom Rath (1893–1983), ein kleines Atelierhaus beziehen. Doch unabhängig davon, dass Werke von ihm aus deutschem Museumsbesitz beschlagnahmt und zwei auf der Ausstellung "Entartete Kunst" diffamiert wurden, bekannte Nay in einer Erklärung an die Reichskulturkammer 1934, dass „abstrakte Kunst ein Unsinn“ sei, weshalb er nach einer „dem deutschen Wesen angemessenen Formung“ suche, und forderte 1938 in Abgrenzung zum Expressionismus, dass „wir Deutschen […] unsere eigene Kunst“ entwickeln sollten. Während seiner Zeit als Soldat in Frankreich pflegte er regelmäßig Kontakt zu Ernst Jünger, Carl Schmitt und Hans Lühdorf, die in verschiedenen Funktionen eng mit dem nationalsozialistischen Regime beziehungsweise dessen Ideologie verbunden waren.
Dort schuf Nay von 1945 bis 1949 die sogenannten „Hekatebilder“, denen ab 1949– 1951 die „Fugalen Bilder“ folgten. Bereits 1946 war er Elisabeth Kerschbaumer, der Assistentin seines Galeristen Günther Franke in München begegnet, die er 1949 nach einvernehmlicher Scheidung von seiner ersten Frau Elly heiratete. 1950 fand eine erste Retrospektive des Künstlers in der Kestner-Gesellschaft in Hannover statt. Ein Jahr später übersiedelte er nach Köln, das bis zu seinem Tod 1968 sein Lebensmittelpunkt blieb. Im Jahr 1953 zeichnete er einen abstrakten Film („Eine Melodie, Vier Maler“, Regie: Herbert Seggelke) zusammen mit Jean Cocteau, Gino Severini und Hans Erni. In dieser Zeit entstanden auch die „Rhythmischen Bilder“ (1952–1953).
In den wohl bekanntesten Bildern des Künstlers, den sogenannten „Scheibenbildern“ (1954–1962), wurde die Kreisform der Scheibe in allen Abwandlungen zum dominierenden Motiv. Das prominenteste Beispiel dafür ist das 1956 entstandene Freiburger Bild (2,55 × 6,55 m), das Nay als Wandbild für das Chemische Institut der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg malte. In einem Brief an Werner Haftmann vom 13. August 1960 schrieb Nay: „Das ‚Freiburger Bild‘ ist das Bild nach der Zeit der Struktur als Zeichnung, nach der Zeit der Struktur als Materie, nach der Zeit der Struktur der Monochromie, dieser Urstufe der Struktur als Farbe. Das ist eben meine Kunst, meine Malerei, meine Sache […]“
1955 veröffentlichte Nay seine manifestartige Schrift Vom Gestaltwert der Farbe. In jener Zeit fand sein Schaffen bald auch internationale Resonanz: 1955 wurde die erste Einzelausstellung in den USA gezeigt, ein Jahr später präsentierte Nay seine „Scheibenbilder“ als Einzelausstellung im deutschen Pavillon auf der Biennale in Venedig. Er nahm an den drei ersten documenta-Ausstellungen documenta I (1955), II (1959) und III (1964) in Kassel teil. Im Jahr 1960 publizierte der deutsche Kunsthistoriker Werner Haftmann (1912–1999) die erste umfassende Nay-Monographie, die in engem Kontakt zum Künstler entstanden war.
Zwischen 1963 und 1964 entwickelte Nay die sogenannten „Augenbilder“. Aus dieser Werkphase stammen auch die auf Anregung des damaligen documenta-Direktors Arnold Bode (1900–1977) gemalten, 4 × 4 m messenden sogenannten „documenta-Bilder“, die während der documenta III unter der Decke hängend präsentiert wurden (diese drei Bilder befinden sich heute als Dauerleihgabe im Bundeskanzleramt in Berlin).