Ernst Jandl (* 1. August 1925 in Wien; † 9. Juni 2000 ebenda) war ein österreichischer Dichter und Schriftsteller. Jandl wurde vor allem durch seine experimentelle Lyrik in der Tradition der Konkreten Poesie bekannt, durch visuelle Poesie und Lautgedichte wie schtzngrmm oder falamaleikum, die durch den Vortrag besondere Wirksamkeit entfalten. Jandls Werk war stets vom Spiel mit der Sprache bestimmt und spannte einen Bogen von politischer Lyrik wie wien: heldenplatz und zertretener mann blues bis zu komischen Sprachspielen wie ottos mops und fünfter sein. Das Spätwerk wurde in der Form konventioneller und im Inhalt schwermütiger, enthielt aber weiterhin den für Jandl typischen Sprachwitz von Gedichten wie bibliothek oder glückwunsch. Neben Lyrik schrieb Jandl Prosatexte, mehrere Hörspiele sowie zwei Theaterstücke und übersetzte Autoren aus dem Englischen. Zu Jandls Popularität trugen seine Lesungen bei, die auf zahlreichen Schallplatten veröffentlicht wurden, sowie die künstlerische Zusammenarbeit mit Jazz-Musikern.
Jandls erste Veröffentlichungen wurden zu ihrer Zeit als kulturelle Provokation empfunden und führten mehrfach zu Eklats. Lange Zeit fand sich kein Verlag, der seine experimentelle Lyrik herausgeben wollte. Ab Mitte der 1960er Jahre stellten sich erste schriftstellerische Erfolge ein, die Anerkennung als einer der bedeutendsten Lyriker seiner Zeit und zahlreiche Ehrungen in seiner Heimat Österreich und dem gesamten deutschen Sprachraum folgten aber erst spät in Jandls Karriere. Bis zu seiner vorzeitigen Pensionierung aus gesundheitlichen Gründen arbeitete er im Hauptberuf als Lehrer. Jandl lebte mit der Lyrikerin Friederike Mayröcker zusammen. Er stand der Wiener Gruppe nahe und gehörte zu den Initiatoren der Grazer Autorenversammlung, deren Präsidentschaft er 1983 übernahm.
Ernst Jandl war der älteste Sohn des Bankangestellten Viktor Jandl (1894–1973) und der ausgebildeten Lehrerin Luise Jandl, geborene Rappel (1902–1940). Er hatte zwei jüngere Brüder: Robert (1929–1993) wurde später Architekt, Hermann Jandl (1932–2017) arbeitete als Lehrer und machte sich ebenfalls als Schriftsteller einen Namen. Aus der zweiten Ehe des Vaters stammen zwei Stiefgeschwister.
Beide Eltern waren künstlerisch interessiert. Während der Vater als Bankbeamter wenig beruflichen Ehrgeiz zeigte und bis zur Pensionierung nicht aufstieg, galt seine Leidenschaft der Malerei, die er in seiner Freizeit als Autodidakt und weitgehend unbeeinflusst durch moderne Kunstströmungen betrieb. Erst 1971 gelangten seine Aquarelle und Zeichnungen durch den Einfluss des Sohnes zu einer Ausstellung. Die Mutter, die nach der Geburt Ernsts nie als Lehrerin gearbeitet hatte, erkrankte 1934 schwer an Myasthenia gravis. Von diesem Zeitpunkt an begann sie zu schreiben, verfasste Gedichte und Prosatexte, die zum Teil veröffentlicht wurden. Unter ihrem Einfluss entdeckte auch der Sohn Ernst mit rund neun Jahren die Schriftstellerei. Besonders beeindruckten ihn die Reaktionen, die man mit Geschriebenem auslösen kann. Schon bald war ihm klar, dass er Schriftsteller werden wollte, eine Tätigkeit, die ihm allerdings zum Lebensunterhalt nicht geeignet schien, weswegen er wie die Mutter den Beruf des Lehrers anstrebte. Bereits mit zwölf Jahren veröffentlichte Jandl sein erstes Gedicht unter dem Titel Hochwasser im Neuigkeits-Welt-Blatt vom 19. September 1937.
Zu Konflikten des ältesten Sohnes mit der Mutter kam es wegen deren wachsender Zuwendung zur Religion. Während der Vater den Heranwachsenden weitgehend gewähren ließ, nahm durch die Krankheit der Mutter die moralische Rigorosität der strenggläubigen Katholikin zu. Für den Sohn traten die Widersprüche in ihrem Glauben scharf zutage, und er lehnte sich gegen ihre Erziehung auf. Am 6. April 1940 starb die Mutter, ein Ereignis, das laut Klaus Siblewski einen großen Einfluss auf Jandls Werk ausübte und von ihm immer wieder aufgegriffen wurde, etwa im Gedicht mutters früher tod von 1984, das Jandls erste Werkausgabe von 1985 beschließt:
Der Tod der Mutter verschaffte dem Heranwachsenden allerdings auch neue Freiheiten. Er konnte nun jene Literatur lesen, die seine Mutter zuvor als nicht „moralisch einwandfrei“ aussortiert hatte. Sein „lyrischer Proviant“ wurden Gedichte von August Stramm, Wilhelm Klemm und Johannes R. Becher. Nachdem das katholische Schottengymnasium nach dem Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich geschlossen worden war, besuchte Jandl bis zur Matura 1943 das Gymnasium Kundmanngasse in Wien. In dessen gemischter Sozialstruktur fand er Gleichgesinnte, die wie er gegen den Nationalsozialismus opponierten. Jandl entzog sich der Hitlerjugend mit der Begründung, sie „interessiere“ ihn nicht. Er lernte den Jazz kennen und die von den neuen Machthabern als „Entartete Kunst“ diffamierte moderne Kunst.
Anfang 1942 hatte der sechzehnjährige Jandl eine intime Beziehung mit einer Wirtschafterin, deren Verlobter beim Militär war. Die Neunzehnjährige wurde schwanger, Jandl fürchtete die Konsequenzen, doch Abtreibungsversuche schlugen fehl. Schließlich bekannte er sich zur Vaterschaft des Kindes, das im September 1942 geboren wurde, und wiederholte das Bekenntnis auch nach dem Krieg. Das Ereignis, in Jandls Augen eine „Katastrophe“, belastete die späteren Beziehungen zu Frauen. 1944, während seiner Militärzeit, begann Jandl eine Erzählung namens Gertrude. Ein Bekenntnis, und noch Jahrzehnte später kam er im Gedicht skizze 1942 auf die Begebenheit zurück.
Nach dem Schulabschluss wurde Jandl drei Monate zum Arbeitsdienst in St. Pölten bei der Flussregulierung abkommandiert, wobei der jedweder körperlicher Arbeit abgeneigte Jandl später kommentierte: „Ein nützlicher Arbeiter werde ich wohl nicht gewesen sein.“ Im August 1943 wurde er zum Militär eingezogen, wo es sein vorrangiges Ziel war, den Einsatz an der Front hinauszuzögern. Nach dem Attentat vom 20. Juli 1944 auf Adolf Hitler erhielt er den Marschbefehl an die Westfront. Gemeinsam mit Kameraden nutzte er die Gelegenheit, zu den amerikanischen Truppen überzulaufen. Jandl wurde im englischen Kriegsgefangenenlager in Stockbridge interniert. Dort arbeitete er als Dolmetscher, erweiterte seine Englischkenntnisse und kam zum ersten Mal mit englischsprachigen Autoren in Kontakt, die ihn auf unterschiedliche Art stark beeinflussten: Ernest Hemingway und Gertrude Stein. Am 29. April 1946 wurde Jandl aus der Kriegsgefangenschaft entlassen und kehrte nach Wien zu seiner Familie zurück. Die Auseinandersetzung mit dem Krieg hinterließ in Jandls Werk starke Spuren und brachte Gedichte wie schtzngrmm, vater komm erzähl vom krieg und wien: heldenplatz hervor.
Heirat, Beruf und erste Gedichte
Noch im April 1946 nahm Jandl ein Studium der Germanistik und Anglistik an der Universität Wien auf. Hier lernte er 1947 Roswitha Birthi kennen, eine Mitstudentin, mit der er sich verlobte. Er löste die Verlobung wieder, entschied sich aber schließlich doch für die Ehe. Im Juni 1949 schloss Jandl sein Studium mit der Lehramtsprüfung ab, am 1. August desselben Jahres heirateten beide. Jandl zog in die Favoritenstraße, in die Wohnung seiner Frau, die diese mit ihrer Mutter bewohnte. 1949 begann er seine Tätigkeit im Wiener Schuldienst. Am Gymnasium Stubenbastei leistete er sein Probejahr ab. Bis zum Sommer 1950 verfasste er daneben seine Dissertation über Die Novellen Arthur Schnitzlers. Im September 1950 fand Jandl seine erste Anstellung als Mittelschullehrer am Wiener Bundesrealgymnasium 2 Zirkusgasse. Am 21. Dezember 1950 wurde er zum Dr. phil. promoviert. 1951 wurde der Gymnasialprofessor Mitglied der Sozialistischen Partei Österreichs (SPÖ).
Privat und beruflich in „geordneten Verhältnissen“, wandte sich Jandl ab 1951 verstärkt dem Schreiben zu. Außer vom Werk Gertrude Steins war Jandl beeindruckt von den Gedichten E. E. Cummings’ und Gerard Manley Hopkins’, er erreichte jedoch in seinen eigenen Werken noch nicht deren Radikalität. Während Klaus Siblewski die frühen Gedichte Jandls „in einer metaphernhaltigen Gedankenlyrik befangen“ sah, gelang Jandl 1952 unter dem Eindruck der Gedichte Jacques Préverts der Durchbruch zu realistischen Gedichten und ein erster Schaffenshöhepunkt in seinem Leben. Jandl lernte Andreas Okopenko kennen, den Lektor von neue wege, einer an Schulen verteilten Zeitschrift des Wiener Theaters der Jugend. In Okopenkos eigener Literaturzeitschrift publikationen erschien im September 1952 Jandls erste Nachkriegsveröffentlichung Da kommen sie gelaufen. Weitere Gedichte wurden in neue wege und H. C. Artmanns Broschüre alpha gedruckt. Auch konservativere Literaturschaffende wie Rudolf Felmayer und Hans Weigel nahmen Jandls Gedichte in Anthologien auf.