Ernst Carl Julius Albrecht (* 29. Juni 1930 in Heidelberg; † 13. Dezember 2014 in Burgdorf) war ein deutscher Politiker (CDU). Ab 1970 war er Mitglied des Landtags von Niedersachsen und von Februar 1976 bis Juni 1990 Ministerpräsident Niedersachsens; außerdem vom 1. November 1985 bis zum 31. Oktober 1986 Bundesratspräsident.
Ernst Albrecht wurde als Sohn des Internisten Carl Albrecht (1902–1965) und dessen promovierter Ehefrau Adda Albrecht, geborene Berg (1896–1982), in Heidelberg geboren. Er war ein Ururenkel des Bremer Großkaufmanns Baron Ludwig Knoop. Sein Vater ließ sich wenig später in Bremen nieder, wo Ernst die Schule besuchte. Weitere Schulen besuchte er in Verden und Brake. Im Februar 1948 legte Ernst Albrecht in Brake die Abiturprüfung ab.
Von 1946 bis 1948 führte Albrecht eine Gruppe der Deutschen Jungenschaft. Von 1948 bis 1951 studierte er Philosophie und Theologie in Tübingen, an der Cornell-Universität (USA) und in Basel (bei Karl Jaspers). 1953 schloss er sein anschließend sein 1951 begonnenes Studium der Rechts- und Wirtschaftswissenschaft in Tübingen und Bonn als Diplom-Volkswirt ab. Im Jahr 1959 wurde er mit der Dissertation Haftungsverhältnisse der Montangemeinschaft promoviert.
Im Jahr 1954 wurde er Attaché beim Ministerrat der Montanunion, 1958 Kabinettschef des Mitglieds der EWG-Kommission Hans von der Groeben. 1967 bis 1970 war er Generaldirektor für Wettbewerb der EG, 1971 bis 1976 – neben seinem Landtagsmandat – einer von fünf stellvertretenden Geschäftsführern des Gebäckherstellers Bahlsen (Keksfabrik in Hannover). Diese Tätigkeit brachte ihm unter politischen Gegnern die Spottnamen „Keksonkel“ und „Krümelmonster“ ein.
Albrecht war evangelisch und lebte auf dem Am Brink gelegenen Familiengut in Burgdorf-Beinhorn, wo er auf eigenem Hof auch Landwirtschaft betrieb. 1953 heirateten Ernst Albrecht und die promovierte Germanistin Heidi Adele Stromeyer (1928–2002). Das Ehepaar hatte sieben Kinder (Harald, Lorenz, Ursula, Eva Benita, Hans-Holger, Barthold und Donatus), darunter die CDU-Politikerin Ursula von der Leyen und der Präsident und CEO von Millicom International Cellular (MIC) Hans-Holger Albrecht. Die Tochter Benita-Eva starb 1971 mit elf Jahren und der Sohn Lorenz 2005 mit 49 Jahren an den Folgen eines Krebsleidens.
Ernst Albrechts US-amerikanische Großmutter Mary Ladson Robertson (1883–1960) aus Charleston war eine Nachfahrin des Politikers James Ladson und des Plantagenbesitzers und Geschäftsmanns James H. Ladson. Ernst Albrechts Bruder war der Dirigent George Alexander Albrecht.
Im Mai 2008 gab Ursula von der Leyen öffentlich bekannt, dass ihr Vater an Alzheimer erkrankt sei; die Krankheit sei 2003 diagnostiziert worden. Von 2007 an lebte die neunköpfige Familie von der Leyen auf dem Anwesen von Albrecht und wirkte an seiner Pflege mit. Am 13. Dezember 2014 starb Albrecht in Burgdorf-Beinhorn. Die Urne mit seiner Asche wurde auf dem Gut der Familie in Beinhorn beigesetzt.
Albrecht war von 1970 bis 1990 Mitglied des niedersächsischen Landtages. Von 1971 bis 1974 bekleidete er das Amt des stellvertretenden Vorsitzenden der CDU-Landtagsfraktion. Bis 1975 war er Vorsitzender des Ausschusses für Wirtschaft und Verkehr.
Im 8. Niedersächsischen Landtag regierte nach der Landtagswahl 1974 eine sozialliberale Koalition mit einer Stimme Mehrheit (78 Sitze für SPD und FDP, 77 für die oppositionelle CDU). Nachdem Ministerpräsident Alfred Kubel (SPD) aus Altersgründen zurückgetreten war, sollte der bisherige Finanzminister Helmut Kasimier (SPD) zum neuen Ministerpräsidenten gewählt werden. Albrecht stellte sich ebenfalls zur Wahl. Helmut Kasimier erhielt am 14. Januar 1976 aus den Reihen des sozialliberalen Regierungsbündnisses nur 75 Stimmen, während Ernst Albrecht 77 Abgeordnete auf seine Seite zog. Da die Abstimmung für keinen Kandidaten die erforderliche absolute Mehrheit ergab, wurde die Wahl einen Tag später wiederholt. Diesmal erhielt Albrecht sogar noch eine Stimme mehr, während für Kasimier nur noch 74 Parlamentarier votierten. Bei den Abweichlern handelte es sich mutmaßlich um Gegner der von der sozialliberalen Regierung geplanten Kreisreform. Der Politikwissenschaftler Ernst-August Roloff vermutete, dass die entscheidende Stimme für Albrechts Mehrheit von dem FDP-Abgeordneten Gustav Ernst kam, der sich gegen diesen Vorwurf gerichtlich zur Wehr setzte.
Da Albrecht innerhalb der folgenden 21 Tage kein Regierungskabinett präsentierte, das der Bestätigung durch den Landtag in offener Abstimmung bedurft hätte, kam es am 6. Februar 1976 zu einem weiteren Wahlgang. Bei diesem trat vonseiten der SPD – nach dem Rückzug Kasimiers – Bundesbauminister Karl Ravens gegen Albrecht an. Dieser konnte jedoch offenbar einen weiteren Überläufer auf seine Seite ziehen und baute mit insgesamt 79 erhaltenen Stimmen seine Mehrheit weiter aus. Da er weder SPD noch FDP als Koalitionspartner gewinnen konnte, ernannte er als Ministerpräsident eine Minderheitsregierung nur aus CDU-Mitgliedern (Kabinett Albrecht I), die keiner Bestätigung durch den Landtag mehr bedurfte. Albrecht war Niedersachsens erster CDU-Ministerpräsident.
Der Regierungswechsel hatte auch Auswirkungen auf die Bundesebene: Die sozialliberale Koalition von Bundeskanzler Helmut Schmidt verlor dadurch ihre Mehrheit im Bundesrat, was vor allem im Hinblick auf die Ratifizierung der sogenannten Polenverträge, die die Unionsparteien ablehnten, Brisanz hatte. Albrecht setzte sich dann mit dem saarländischen Ministerpräsidenten Franz-Josef Röder (der in seinem Land ebenfalls keine eigene Mehrheit hatte, sondern auf Tolerierung durch die FDP angewiesen war) für einen Kompromiss ein: Die Übersiedelung Deutschstämmiger von Polen in die Bundesrepublik wurde erleichtert, dafür stimmten auch die unionsgeführten Länder im Bundesrat für die Verträge.
Im Januar 1977 ging die FDP eine Koalition mit der CDU ein, wodurch die neue Regierung eine Landtagsmehrheit bekam. Im Kabinett Albrecht II gab es zwei FDP- und sechs CDU-Minister. Als Ministerpräsident traf Albrecht 1977 die Entscheidung, im dünn besiedelten Landkreis Lüchow-Dannenberg in unmittelbarer Nähe zur innerdeutschen Grenze ein „Nukleares Entsorgungszentrum“ zu errichten. Dieses sollte ursprünglich neben dem Brennelemente-Zwischenlager Gorleben auch das zentrale deutsche Atommüllendlager, ein neues Kernkraftwerk an der Elbe bei Langendorf und eine Wiederaufarbeitungsanlage für Uranbrennstäbe in Dragahn umfassen. Kritiker mutmaßten, dass die Entscheidung für den Salzstock Gorleben-Rambow politischem Kalkül geschuldet war. Sie gingen zudem davon aus, dass sich Albrecht mit der Auswahl des dünn besiedelten Wendlandes geringere Proteste seitens der Bevölkerung erhoffte. Der Untersuchungsausschuss des Deutschen Bundestages kam 2013 zu dem Ergebnis, dass der Standort von Albrecht wegen seiner Grenznähe und als Reaktion auf das benachbarte Endlager Morsleben in der DDR gewählt worden war.
Albrecht führte die CDU viermal als Spitzenkandidat in die Landtagswahlen: 1978 sowie 1982 setzte sich Albrecht dabei gegen Karl Ravens durch und erzielte zweimal die absolute Mehrheit.
Albrechts Regierung verantwortete 1978 den unter der Bezeichnung Celler Loch bekannt gewordenen fingierten Sprengstoffanschlag auf das Hochsicherheitsgefängnis Celle zur Einschleusung von V-Personen in die linksterroristische Szene um die Rote Armee Fraktion. In seiner Amtszeit setzte er sich dafür ein, dass Niedersachsen 1979 als erstes Bundesland 1000 vietnamesische Flüchtlinge (Boatpeople) aufnahm. Ab 1979 war er zudem stellvertretender CDU-Vorsitzender.
Bei der Landtagswahl 1986 wurde Albrecht erstmals von Gerhard Schröder herausgefordert. Die CDU verlor zwar ihre absolute Mehrheit, konnte jedoch zusammen mit der FDP eine knappe Mehrheit bilden. Im niedersächsischen Landtag scheiterte im Dezember 1988 ein von der SPD-Fraktion wegen der Spielbankaffäre eingebrachtes konstruktives Misstrauensvotum gegen Albrecht mit 76 gegen 79 Stimmen. Mindestens ein Mitglied der Oppositionsparteien SPD und Grüne muss dabei für Albrecht gestimmt haben.