Erika Mitterer (* 30. März 1906 in Wien; † 14. Oktober 2001 in Wien) war eine österreichische Schriftstellerin. Sie hat sich als Epikerin, Lyrikerin, Dramatikerin und engagierte Leserbriefschreiberin mit den sozialen, gesellschaftlichen und politischen Entwicklungen ihrer Zeit auseinandergesetzt. Als wichtige Vertreterin der Literatur der inneren Emigration leistete sie in ihren Werken als eine der ersten Schriftstellerinnen Österreichs „Vergangenheitsbewältigung“.
Kindheit und Jugend (1906–1926)
Erika Mitterer wurde am 30. März 1906 im 13. Wiener Gemeindebezirk in seinem damaligen Umfang geboren. Ihre Eltern waren Antonie (geb. Loeb, aus Westfalen, Deutschland) und Rudolf Mitterer (Architekt und Bahnbeamter, aus Niederösterreich); das Wohnhaus der Familie in der Einwanggasse 19 zählt seit 1938 zum 14. Bezirk, da es nördlich des Wienflusses liegt. Sie besuchte die Volks- und Bürgerschule der Lehrerinnenbildungsanstalt und das private Mädchenlyzeum Luithlen. Zu dieser Zeit schon beschäftigte sie sich intensiv mit der Weltliteratur. Besonders Goethe und „die Russen“ (Tolstoi und Dostojewski) beeindruckten das junge Mädchen.
Sie fasste schließlich den Entschluss, einen Sozialberuf (Fürsorgerin) zu ergreifen, und absolvierte ab 1924 Fachkurse für „Volkspflege“ bei Ilse Arlt. Im Mai 1924 begann der Briefwechsel in Gedichten mit Rainer Maria Rilke, eine ihrer später populärsten Publikationen. Im folgenden Jahr reiste Erika Mitterer nach Italien und im November besuchte sie Rilke in Muzot.
Tätigkeit als Fürsorgerin (1926–1930)
Ab 1926 arbeitete Erika Mitterer als Fürsorgerin in verschiedenen Bundesländern Österreichs. 1927 reiste sie nach Deutschland (Frankfurt, Heidelberg), wo sie zahlreiche Künstler und Schriftsteller kennenlernte und Freundschaften schloss: Hans Carossa, Friedrich Gundolf, Theodor Däubler. Sie besuchte Stefan Zweig in Salzburg, und wurde durch ihn mit Felix Braun bekannt. Sie übersetzte Gedichte der Comtesse de Noailles ins Deutsche; 1928 war sie als Ersatz-Übersetzerin beim internationalen Sozialarbeiterkongress in Paris tätig. In diesem Jahr wurde sie als Fürsorgerin im Burgenland angestellt. Sie unterhielt intensive Kontakte mit dem Ehepaar Käthe Braun-Prager und Hans Prager sowie mit Ernst Lissauer.
Ihr erstes Werk, der Gedichtband Dank des Lebens, wurde 1929 veröffentlicht. 1930 begegnete die junge Schriftstellerin Ricarda Huch und Lou Andreas-Salomé in Berlin. Sie befreundete sich mit Theodor Kramer und Ernst Scheibelreiter. In diesem Jahr starb ihre Mutter und Erika Mitterer gab ihre Berufspläne auf, um den Haushalt des Vaters zu führen und sich mehr auf das Schreiben zu konzentrieren.
Intensive schriftstellerische Arbeit (1931–1939)
1931 reiste Erika Mitterer erneut viel, unter anderem in die Schweiz und nach Süditalien. Sie traf Paula von Preradović und Hans Leifhelm und besuchte Hans Carossa in Seestetten. 1933 erschien ihre Erzählung Höhensonne, ein Werk, das von ihren Erfahrungen aus ihrer beruflichen Tätigkeit als Fürsorgerin beeinflusst wurde.
1934 arbeitete sie als Aushilfs-Fürsorgerin im Mühlviertel in Oberösterreich. Sie vollendete ihren ersten großen Roman Wir sind allein, der aus ideologischen Gründen erst nach dem Zweiten Weltkrieg (1945) erscheinen konnte, und begann den Roman Der Fürst der Welt. 1934 und 1935 reiste sie nach Griechenland; aus den dort gesammelten Erfahrungen ging Kehr nie zurück – Griechische Gedichte hervor. 1937 heiratete sie Dr. Fritz Petrowsky. Ein Jahr später wurde Tochter Christiane als erstes von drei Kindern geboren.
Zur Zeit des Zweiten Weltkriegs (1939–1945)
Während 1938 viele Freunde der Schriftstellerin Österreich verließen, überlegte auch sie, mit der Familie nach Brasilien zu emigrieren. Da Erika Mitterers Mann dort aber nicht arbeiten hätte können (er war Jurist), verwarfen sie diesen Gedanken und blieben in Wien. Im gleichen Jahr vollendete Erika Mitterer ihren Roman Der Fürst der Welt, der 1940 erschien. Dieses Werk, in dem die Autorin verdeckt Kritik am NS-Regime übt, gilt als ein Paradebeispiel für die Literatur der Inneren Emigration. 1941 erschien Erika Mitterers Erzählung Begegnung im Süden, 1942 die Erzählung Die Seherin. In diesem Jahr wurde das zweite Kind, Martin, geboren. 1944 wurden in der Wiener Wohnung Erika Mitterers Bombenopfer „zwangseinquartiert“; die Schriftstellerin verbrachte den Winter mit ihren zwei kleinen Kindern im Sommerhaus in Kritzendorf nahe Wien.
Während der Befreiung Wiens im Jahre 1945 knüpfte Erika Mitterer erste Kontakte mit Oskar Maurus Fontana zwecks Wiedergründung des österreichischen Schriftstellerverbands. Ihr Mann Fritz Petrowsky arbeitete an der Seite von Ernst Molden an der Neugründung der Tageszeitung „Die Presse“. Erika Mitterer nahm den Kontakt mit vielen emigrierten Freunden wieder auf und befreundete sich mit der Tänzerin Grete Wiesenthal. 1946 wurden die Zwölf Gedichte 1933–1945 veröffentlicht. 1947 wurde Sohn Stefan geboren.
Im folgenden Jahr erhielt Erika Mitterer den Preis der Stadt Wien für Literatur.
1950 erschien der Briefwechsel in Gedichten mit Erika Mitterer aus dem Nachlass von Rainer Maria Rilke, mit nur jenen Erika-Mitterer-Gedichten, die für das Verständnis der Rilke-Gedichte notwendig waren. Der komplette Briefwechsel wurde 2001 erstmals im Gesamten lyrischen Werk (Edition Doppelpunkt, Wien) veröffentlicht. 1951 wurde Erika Mitterers Roman Die nackte Wahrheit veröffentlicht. Die Schriftstellerin begann die Freundschaft mit Wilhelm und Imma von Bodmershof. 1953 erschienen der Mädchenroman Kleine Damengröße und die Erzählung Wasser des Lebens. 1954 verstarb Erika Mitterers Vater.
Beschäftigung mit dem Drama (1954–1962)
Einige Jahre widmete sich die Schriftstellerin nun dem Drama: sie verfasste unter anderem das Volksstück Arme Teufel 1954 (im Oktober 2005 in der „Freien Bühne Wieden“ in Wien uraufgeführt), bei dem es sich um das einzige, von einer Frau geschriebene Drama aus dem Österreich der Fünfzigerjahre handelt. Zwei Jahre später wurden das Lustspiel Wofür halten Sie mich? und die Tragödie Verdunkelung fertig gestellt. Erika Mitterer war als eine von fünf österreichischen Schriftstellerinnen im Rahmen einer Dichterlesung bei den Wiener Festwochen 1956 vertreten. 1957 begann Erika Mitterers jahrelange Mitarbeit im Internationalen Versöhnungsbund. Im folgenden Jahr wurde ihr Roman Tauschzentrale veröffentlicht. 1959 vollendete die Autorin das Schauspiel Wähle die Welt; 1960 entstand das Drama Ein Bogen Seidenpapier; 1962 war die Tragikomödie Jemand muss sprechen abgeschlossen.
1965 konvertierte Erika Mitterer vom evangelischen Glauben zum Katholizismus, eine Entwicklung, die die drei danach erschienenen Lyrikbände mit vorwiegend religiösen Gedichten bezeugen. Sie nahm am internationalen Friedens-Fasten von Frauen in Rom teil und fing ihre Mitarbeit in der Telefonseelsorge an. Im folgenden Jahr begann Erika Mitterers jahrelanges Engagement für einen jugendlichen Mörder. Sie unternahm 1968 eine Wallfahrt nach Lourdes.