Ercole Strozzi (* 2. September 1471 in Ferrara; † 6. Juni 1508 ebenda) war ein italienischer Adliger, Humanist und Dichter, der selbst Sohn eines bedeutenden Dichters, Tito Vespasiano Strozzi war, als Hofmann, Dichter und hoher Richter am Hof der Herzöge von Ferrara geschätzt wurde, ein Freund von Humanisten und Dichtern wie Pietro Bembo und Ludovico Ariosto und zugleich ein enger Vertrauter der Herzogin von Ferrara, Lucrezia Borgia, war und – tief betrauert von Dichterfreunden und seiner Gemahlin – mit 37 Jahren in Ferarra ermordet wurde.
Ercole Strozzi stammte aus der alten Florentiner Patrizierfamilie der Strozzi, die bereits im 13. Jahrhundert nachweisbar ist, durch internationale Bankgeschäfte zu großem Reichtum kam, in Florenz anfangs erfolgreich mit den Medici rivalisierte, jedoch diesen später unterlag. Ercole gehörte zu einem Zweig der Familie, der von den Medici aus Florenz vertrieben wurde und sich in Ferrara niederließ.
Der Vater Ercoles, Tito Vespasiano Strozzi (* 1425; † 1505), war bereits in Ferrara geboren, lebte dort als Patrizier und diente drei Herrschern von Ferrara, Leonello d’Este (1441–1450), Borso d’Este (1450–1471) und Ercole I. d’Este (1471–1505) in wichtigen Hof- und Verwaltungsfunktionen aus, so u. a. als Gouverneur von Rovigo und Polesine und als hoher Richter („Giudice dei Savi“), eine Funktion, die der eines Regierungschefs nahekommt. Zugleich war er ein bedeutender Humanist aus der Schule des Guarino da Verona († 1460 in Ferrara), verfasste das sechsbändige Werk „Eroticon“ mit Elegien in verfeinertem, nahezu klassischem Latein, aber auch eine Reihe von Sonetten in italienischer Sprache.
Der Hof der Herzöge von Ferrara war durch Humanismus und Liebe zur Literatur gekennzeichnet, was nicht nur Tito Vespasiano Strozzi und seinen Sohn Ercole prägte, sondern auch deren erweiterte Familie erfasste. So war Luzia Strozzi, die Schwester von Tito Vespasiano, die Mutter des Humanisten und Hofpoeten Matteo Maria Boiardo (* 1441; † 1494), der mit lateinischen Gedichten begann, dann auf Italienisch Liebesgedichte schrieb und schließlich mit dem „Orlando innamorato“ sein berühmtestes und reifstes Werk schuf. Ein anderes familiäres Band bestand auch zum vielleicht bedeutendsten italienischen Dichter seiner Zeit, zu Ludovico Ariosto (* 1474; † 1533), da Alessandra Benucci, die Ehefrau seines Cousins Tito di Leonardo Strozzi, 1515 dessen Geliebte und als Witwe später dessen – geheime – Ehefrau war, da Ariost sonst seine Kirchenbenefizien verloren hätte.
Ercoles Mutter Domitilla Rangoni, stammte aus einer seit dem 11. Jahrhundert bekannten Adelsfamilie, war die Tochter des Guido Rangoni († 1467) und der Giovanna Boiardo, die ihrerseits eine Tante des Dichters Matteo Maria Boiardo war.
Als ältester Sohn des Staatsmannes und Dichters Tito Vespasiano Strozzi war die Laufbahn von Ercole als dessen Nachfolger als Hofmann und als Humanist vorgegeben. Er genoss eine ausgezeichnete Erziehung im Geist des Humanismus sowohl in lateinischer wie in griechischer Sprache, da er u. a. Schüler von Aldo Manuzio, Battista Guarino und Alberto Pio da Carpi war. Er war außerdem eng befreundet mit Ludovico Ariosto, mit dem er 1486/89 gemeinsam Vorlesungen des Humanisten Luca Ripa besuchte. Ariosto widmete Ercole eine Elegie über den Tod eines gemeinsamen Freundes, des Humanisten und Dichters Michele Tarchaniota Marullo, und erwähnte ihn sehr lobend in seiner Elegiensammlung „Venatio“.
Auch sein Vater Tito Vespasiano nahm wohl direkten Einfluss auf seine Erziehung, da er ihm auch bei seinen Dichtungen – eleganten Elegien und Sonetten in klassischer lateinischer Sprache – als Vorbild diente. Ercole lernte rasch und war begabt, sodass schließlich seine Gedichte so großen Gefallen erregten, dass einige Beobachter meinten, die lateinischen Gedichte des Sohnes würden die seines Vaters übertreffen.
Als Sohn einer Zeit, die trotz idealistischer Verehrung der Antike nicht die Gegenwart vergaß, beschränkte er sich nicht darauf, den Klassikern der römischen Literatur nachzueifern, sondern dichtete – ähnlich wie sein Vater – Liebesgedichte in der Sprache, in der sie von den Adressatinnen verstanden wurden, in der volksnahen „lingua volgare“, das heißt in italienischer Sprache, wobei er sich von Pietro Bembo und von dem dominierenden Vorbild seiner Zeit, Francesco Petrarca, inspirieren ließ. Allerdings sind von diesen italienischen Dichtungen, deren Qualität Bembo in einem Gedicht preist, nur wenig mehr als vier Sonette erhalten, von denen eines irrtümlich Baldassare Castiglione zugeschrieben wurde.
Die von Ercole Strozzi verfassten Elegien in lateinischer Sprache wurden gemeinsam mit Dichtungen seines Vaters erstmals im Jahre 1513 von dem Humanisten und bedeutenden Verleger Aldo Manuzio dem Älteren (* 1449/52; † 1515) veröffentlicht.
Zugleich hatte Ercole gesellschaftliche Aufgaben bei Hof zu erfüllen. So organisierte er etwa für Herzog Ercole I. szenische Darstellungen und 1493, anlässlich der Vermählung von dessen Erben Alfonso d’Este mit Anna Sforza, entsprechende Veranstaltungen. In einer seiner Elegien, die er an Gianfrancesco Pico della Mirandola richtete, erwähnt er den Plan ein Lobgedicht auf Ludovico Sforza, Herzog von Mailand († 1508)zu verfassen, und dass er bereits die Materialien für eine große Oper gesammelt hätte.
Sein Vater ernannte ihn trotz seiner Jugend 1498 zu seinem Stellvertreter als Vorsitzender Richter (Giudice dei XII Savi) in der Absicht, ihn zu seinem Nachfolger zu machen, dem Herzog Ercole I. zustimmte. Diese schwierige Aufgabe, für die Ercole wenig Erfahrung mitbrachte, erfüllte er acht Jahre und vier Monate lang mit großem Einsatz und Unparteilichkeit, obwohl gerade zu seiner Zeit eine Reihe besonderer Schwierigkeiten zu überwinden waren. Eine schwerwiegende Herausforderung stellte dabei die dramatische finanzielle Situation des Herzogtums dar, die eine sofortige und drastische Erhöhung der Steuerlasten erforderte, um die leeren Kassen des Herzogtums zu füllen. Da die Eintreibung dieser Beträge den von Ercole geleiteten Behörden oblag, richtete sich der Protest der Bevölkerung nicht nur gegen den Herzog, sondern auch gegen Ercole. Ein wohlmeinender Zeitgenosse schrieb dazu, dass Ercole aus Mitleid mit den von den Zwangsmaßnahmen betroffenen Bürgern Tränen vergossen hätte.
Ercole hatte diese schwierige Aufgabe primär auf dringenden Wunsch seines Vaters übernommen. Sieben Monate nach dem Tod seines Vaters ersuchte Ercole Strozzi Herzog Alfonso um Entlassung aus diesem Amt, das in völligem Widerspruch zu seiner künstlerischen Berufung und zu seinem Begriff der Freiheit stand. Diesen Wunsch formulierte er auch in Form einer feierlichen Elegie, die er an die Herzogin Lucrezia Borgia richtete. Dem Ansuchen entsprach Herzog Alfonso, der am 18. April 1506 Antonio Costabili zu seinem Nachfolger ernannte.
Während seiner Amtsperiode ließ Ercole die Kirche della Madonna del Salice in der Nähe des Klosters S. Giorgio errichten. Dort erinnern an ihn eine Stiftungsinschrift und ein Bild, das ihn in der Robe des Giudice de‘ Savi zeigt.
Diese mühsame Regierungsaufgabe behinderte Ercole entscheidend bei seiner dichterischen Arbeit, wie Bembo in seinem Buch „De Vergilii Culice et Terentii fabulis und Ercole“ selbst schmerzlich in der dritten Elegie seines zweiten Buches über die Liebe schreibt.
Hofmann und Vertrauter von Lucrezia Borgia
Obwohl durch ein Gebrechen beim Gehen behindert, war Ercole am Hof der Herzöge von Ferrara, Modena und Reggio als Sohn seines Vaters, als Humanist, als Dichter und als schöner und charmanter Hofmann sehr beliebt. Es gelang ihm rasch, nicht nur das Vertrauen des Herzogs Ercole I. d’Este, der von 1471 bis 1505 regierte, sondern insbesondere auch das von Lucrezia Borgia (* 1480; † 1519) zu erwerben, die am 2. Februar 1502 als neue Gemahlin des Kronprinzen Alfonso I. d’Este ihren Einzug in Ferrara gehalten hatte.
Lucrezia Borgia hatte als Tochter des Papstes Alexander VI. Borgia († 1503) einen hohen politischen Stellenwert, denn sie war für ihren Schwiegervater, Herzog Ercole I. d’Este die Garantie dafür, dass er nicht wie viele andere Fürsten und Feudalherren von ihrem Bruder Cesare Borgia († 1507) vertrieben wurde. Ihr Ehemann Alfonso d’Este tat wenig, um den Eindruck zu verwischen, dass sie viel mehr wäre als bloß ein politisches Pfand. Er war ein Kriegsmann, vielfach auf Feldzügen abwesend und vernachlässigte sie regelmäßig zugunsten von Frauen der leichten Art. Am Hof von Ferrara war Lucrezia isoliert, da sie ihre spanischen Hofdamen vermisste und bei Hof viele meinten, die außereheliche Tochter eines Papstes sei für den Erben der ältesten Dynastie in Italien nicht standesgemäß, noch dazu eine Braut, die mit 22 Jahren bereits mehrfach verlobt, einmal zwangsweise geschieden und einmal gewaltsam verwitwet war. Zugleich waren überall wenig schmeichelhafte Gerüchte über die Moral und Gewaltbereitschaft ihrer Familie in Umlauf. Es ist daher verständlich, dass sie sich an die wenigen Menschen wandte, die unvoreingenommen, wohlwollend und wie sie Anhänger des Humanismus und Freunde der Dichtkunst waren.