John Enoch Powell [ˌd͡ʒɒn iːnɒk ˈpaʊəl] (* 16. Juni 1912 in Stechford, Birmingham; † 8. Februar 1998 in London) MBE war ein britischer Altphilologe und konservativer Politiker. Seine Fähigkeiten als Polemiker und Redner sicherten ihm öffentliche Unterstützung für seine kontroversen Ansichten zu Themen wie Immigration und den Beitritt des Vereinigten Königreichs zur Europäischen Gemeinschaft und entzündeten nationale Debatten, die sich bis heute fortsetzen. Besonderes Aufsehen erregte seine „Ströme-von-Blut“-Rede.
Powell wurde 1912 als Sohn von Albert Enoch Powell und Ellen Mary Breese, zweier Lehrer aus Wales, geboren. Seine hohe Intelligenz wurde sehr früh offenkundig. Nach der King Edward’s School, Birmingham, setzte er seine Ausbildung am Trinity College in Cambridge fort, wo er unter den Einfluss seines Tutors Alfred Edward Housman geriet und in seinem ersten Studentenjahr alle wichtigen klassischen Wettbewerbe gewann, an denen Undergraduates teilnehmen konnten. Mit 25 Jahren wurde er der jüngste Professor im gesamten Commonwealth, als er zum Professor für Klassisches Griechisch an der Sydney University in New South Wales, Australien berufen wurde. Zu seinen Schülern gehörte der spätere australische Premierminister Gough Whitlam. Seine Edition von Thukydides’ Geschichte des Peloponnesischen Kriegs, 1938 bei Oxford University Press erschienen, wurde zur Standardausgabe. Autodidaktisch erlernte er die Walisische Sprache.
Während seines Studiums in Cambridge nahm Powell Kurse in Urdu an der Schule für Orientalische Studien, heute die School of Oriental and African Studies, University of London, um seine Chancen auf eine spätere Berufung als Vizekönig von Indien zu erhöhen. Aus dem gleichen Grunde erlernte er auch Hindi.
Während seiner Professur in Australien steigerte sich seine Wut auf die Appeasementpolitik der Regierung Chamberlain gegenüber Deutschland, die er als Verrat an britischen Interessen ansah. In einem Brief an seine Eltern vom Juni 1939 vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs schrieb er: „Es sind die Briten, nicht ihre Regierung; denn wenn sie nicht blinde Feiglinge wären, würden sie Chamberlain und Halifax und all die anderen kriecherischen Verräter lynchen.“ Unmittelbar nach Kriegsausbruch kehrte Powell ins Vereinigte Königreich zurück, nicht ohne ein russisches Wörterbuch zu kaufen, weil er annahm, „Russland dürfte den Schlüssel für unser Überleben und Sieg besitzen, wie es 1812 und 1916 der Fall war“.
Nach seiner Rückkehr meldete sich Enoch Powell freiwillig zum Kriegsdienst. Allerdings lehnten ihn die meisten Musterungsstellen ab, und erst über einen Monat nach seiner Ankunft nahm ihn das Royal Warwickshire Regiment auf, bei dem sich Powell als Australier eingeschrieben hatte. Powell kämpfte auch bei den Desert Rats (7. Britische Panzerdivision) in Afrika. Hier in Algier wurde Powells Abneigung gegen die Vereinigten Staaten gepflanzt. Nach einigen Gesprächen mit leitenden amerikanischen Verantwortlichen kam er immer mehr zu der Überzeugung, dass ein wichtiges amerikanisches Kriegsziel die Zerstörung des Britischen Weltreichs sei. In einem Brief vom 16. Februar 1943 schrieb er: „Am Horizont sehe ich eine größere Bedrohung als Deutschland oder Japan jemals waren […] unseren furchtbaren Feind, Amerika […]“.
Seine Vorstellung von einem amerikanischen Antibritannismus blieb während des Krieges erhalten. Powell schnitt einen Artikel der Amerikanerin Clare Boothe Luce aus dem Statesman vom 13. November 1943 aus, den er für den Rest seines Lebens aufhob und in dem sie in einer Rede erklärte, die indische Unabhängigkeit bedeute, dass „die Vereinigten Staaten den größten Weltkrieg um Demokratie gewonnen“ hätten. Verzweifelt versuchte Powell, in den Fernen Osten zu gelangen, um am Kampf gegen Japan teilzunehmen, weil „der Krieg in Europa gewonnen ist und ich den Union Jack zurück in Singapur sehen möchte“, bevor die Amerikaner die Briten zum Abzug zwingen würden. Bei Kriegsende war er der jüngste Brigadier der britischen Armee, der als Gefreiter in den Dienst getreten war. Powell fühlte sich jedoch bei Kriegsende schuldig, weil er überlebt hatte, während viele Soldaten unterschiedlichen Ranges, denen er während des Krieges begegnet war, gestorben waren.
Nach dem Krieg trat er der Konservativen Partei bei und arbeitete im Conservative Research Department, dem Strategiezentrum der Partei, wo Iain Macleod einer seiner Kollegen war. Bei den Unterhauswahlen 1950 wurde er im Wahlkreis Wolverhampton South West zum Abgeordneten gewählt.
Innerhalb seiner Fraktion gehörte Powell der Suezgruppe an. Diese Parlamentariergruppe wandte sich gegen den Abzug britischer Truppen vom Suezkanal, weil das Vereinigte Königreich ihrer Ansicht nach durch einen solchen Abzug seinen Anspruch auf Präsenz am Suezkanal dauerhaft aufgebe. Dennoch war er, als nach dem britischen Abzug 1954 die Ägypter den Kanal 1956 verstaatlichten, gegen den britischen Versuch zur Wiedereroberung des Kanals, weil seiner Meinung nach die Briten nicht mehr die Ressourcen einer Weltmacht besaßen.
Er arbeitete als parlamentarischer Staatssekretär im Wohnungsbauministerium und von 1957 bis 1958 als parlamentarischer Finanzstaatssekretär, trat aber gemeinsam mit Schatzkanzler Peter Thorneycroft und Nigel Birch aus Protest gegen die Pläne der Regierung für wachsende Ausgaben zurück. In der Blütezeit des Keynesianismus glaubte er als überzeugter Monetarist an die Marktkräfte. Wachsende Staatsausgaben, die die Regierung finanzierte, indem sie neues Geld druckte, waren nach Powells Annahme eine wichtige Ursache für Inflation. Die Inflationsrate stieg auf 2,5 %, ein für die damalige Zeit hoher Wert besonders in Friedenszeiten. Er verurteilte die Mär von den angeblich zu mächtigen Gewerkschaften, die angeblich zu hohe Löhne forderten und erklärte wiederholt die Entscheidung der Regierung zu Ausgaben, die ihre Einnahmen übersteigen, zur Ursache der Inflation. Er geißelte insbesondere Wohnungsbauprogramme, die Hochhaussiedlungen entstehen ließen, in denen Gewalt und Anonymität grassierten, was zum Abriss der Gebäude führe, noch bevor die Hypotheken für ihre Errichtung abgetragen worden seien.
Powell kehrte 1960 in die Regierung zurück, als er zum Gesundheitsminister berufen wurde, gehörte dem Kabinett jedoch erst ab 1962 an. In dieser Funktion war er verantwortlich für ein ambitioniertes zehnjähriges Programm zum Krankenhausbau und für den Beginn der Abwicklung der großen psychiatrischen Institutionen. In seiner berühmten „Water-Tower“-Rede sagte er 1961, sein Ziel sei „die Eliminierung des weitaus größten Teils der psychiatrischen Kliniken dieses Landes, so wie sie heute existieren“, und charakterisierte die festungsartige Wirkung geschlossener Anstalten:
„Da stehen sie: isoliert, majestätisch, gebieterisch, über ihnen der gigantische Wasserturm, der sich mit dem Schornstein unverkennbar und einschüchternd über das Land erhebt – die Heime, die unsere Vorväter so solide errichteten, um die Vorstellungen ihrer Zeit auszudrücken. Unterschätzen Sie nicht für einen Moment ihre Fähigkeit zum Widerstand gegen unsere Attacke.“
Die Rede war einer von mehreren Gesprächsfäden, die zur Initiative Fürsorge innerhalb der Gemeinde (Care in the Community) in den 1980er Jahren führte.
Zusammen mit Iain Macleod lehnte er eine Position im Kabinett nach der Berufung von Alec Douglas-Home zum Premierminister ab. Nach der Niederlage der Konservativen bei den Unterhauswahlen 1964 kehrte er als Schattentransportminister in die erste Reihe seiner Fraktion zurück. Bei den ersten Wahlen seiner Partei zum Parteivorsitz 1965 trat er als Kandidat an, erreichte jedoch hinter Edward Heath nur den dritten Platz, was ihm trotz seiner antiamerikanischen Gesinnung die Berufung zum Schattenverteidigungsminister einbrachte.
In einer umstrittenen Rede vom 26. Mai 1967 kritisierte Powell die britische Rolle in der Nachkriegswelt: „Entschwindende letzte Spuren von Großbritanniens einst riesigem indischen Reich haben sich in unserer Vorstellung verwandelt in eine friedenserhaltende Rolle, für die die Sonne niemals untergeht. Unter Gottes guter Fürsorge und in Partnerschaft mit den Vereinigten Staaten schützen wir den Weltfrieden und eilen hierhin und dorthin, um den Kommunismus zurückzudrängen, Strohfeuer zu löschen und Umstürze zu unterdrücken. Es ist schwierig, eine Vorstellung, die so wenig Kontakt mit der Realität besitzt, zu beschreiben, ohne auf psychiatrische Termini zurückzugreifen.“