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Emmanuel Todd

Französischer Anthropologe, Demograf und Historiker

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Emmanuel Todd (* 16. Mai 1951 in Saint-Germain-en-Laye, Département Yvelines) ist ein französischer Anthropologe, Demograf und Historiker. Er hat vor allem zu Fragen der Bevölkerungsentwicklung und der Familienstrukturen in international vergleichender und historischer Perspektive publiziert. Er forschte am Nationalen Institut der Bevölkerungsstudien (INED) und befasste sich mit den verschiedenen Familienstrukturen auf der Welt und ihrem Einfluss auf Überzeugungen, Ideologien, politische Systeme und historische Ereignisse. Todd ist Autor zahlreicher Bücher.

Todd ist der Sohn des Schriftstellers und Journalisten Olivier Todd (1929–2024) und der Werbefachfrau Anne-Marie Nizan. Sein Großvater mütterlicherseits war der Philosoph und Romanautor Paul Nizan, seine Urgroßmutter väterlicherseits die britische Vogue-Herausgeberin Dorothy Todd. Seine Großmutter mütterlicherseits war eine Cousine des Anthropologen Claude Lévi-Strauss.

Er besuchte das Lycée International de Saint-Germain-en-Laye und engagierte sich bei der Kommunistischen Jugend.

Im Juni 1968, während der Hochphase der 68er-Bewegung, trat er mit 17 Jahren eine kurze Zeit der Parti communiste français bei.

Der Historiker Emmanuel Le Roy Ladurie, ein Freund der Eltern, weckte sein Interesse für Geschichte.

Todd studierte am Institut d’études politiques de Paris (Sciences Po) und der Universität Paris-Sorbonne Geschichte und Anthropologie und schloss sein Studium 1972 mit der Maîtrise ab. Auf Empfehlung François Furets publizierte er 1975 seinen ersten Artikel in der renommierten Fachzeitschrift Annales.

Am Trinity College der Universität Cambridge promovierte er 1976 bei Peter Laslett mit einer vergleichenden historisch-anthropologischen Arbeit über vorindustrielle Bauerngemeinden in Frankreich, Italien und Schweden. Von 1977 bis 1984 war er Literaturkritiker für die französische Zeitung Le Monde. Seit 1984 arbeitet er am Institut national d’études démographiques (INED; „Nationales Institut der Bevölkerungsstudien“).

Todd ist Autor zahlreicher Bücher. In seinem Buch La chute finale von 1976 sagte er den Zusammenbruch der Sowjetunion aufgrund von Faktoren wie der zunehmenden Kindersterblichkeit voraus. Während seiner Arbeit am Nationalen Institut für Bevölkerungsstudien in Frankreich entstanden die Werke La troisième planète (1983), L’enfance du monde (1984), La nouvelle France (1990), L’invention de l’Europe (1994). Er war ein einflussreicher Wahlkampfhelfer für Jacques Chirac, der 1995 zum französischen Präsidenten gewählt wurde. Der Gaullist fand 1995 in Todds Schriften Anregungen für seine Wahlkampagne zum Thema der fracture sociale (wörtlich „sozialer Bruch“, sinngemäß „die soziale Kluft“ oder „das Auseinanderbrechen der Gesellschaft“).

Zeitweilig fungierte er als Berater des Präsidenten Chirac, rief 1997 aber wieder zur Wahl der Kommunisten auf, weil er den EU-Vertrag von Maastricht ablehnte.

Anfang der 1990er Jahre wurde in Frankreich die Einwanderung zu einem wichtigen Thema. Emmanuel Todd beteiligte sich an der Diskussion, indem er die Ergebnisse früherer Forschungsarbeiten in Le destin des immigrés (dt. „Das Schicksal der Immigranten“) (1994) veröffentlichte. In diesem Buch, für das er vom französischen Parlament eine Auszeichnung erhielt, zeigt er anhand von demographischem und historischem Material, wie die Familienstruktur (insbesondere die Erbfolge) Gesellschaft und Ökonomie beeinflusst. Weltmacht USA: Ein Nachruf (französisch Après l’empire, 2002) ist wohl sein bekanntestes Werk, in dem er den Machtverlust der USA beschreibt und bereits Überlegungen zu zukünftigen internationalen politischen Konstellationen anstellt.

In Nachfolge seiner akademischen Lehrer Le Roy Ladurie, Peter Laslett und Alan Macfarlane befasst sich Emmanuel Todd vor allem mit historischer Anthropologie und historischer Demographie. Er bezeichnet sich als „Produkt“ der Annales-Schule, der Le Roy Ladurie zugerechnet wird, wie auch der Cambridge-Schule, die Laslett und Macfarlane vertraten. Todd beruft sich außerdem auf Methoden des Soziologen Fréderic Le Play und seinen Thesen zu Familienstrukturen aus dem 19. Jahrhundert.

Er spricht demographischen, familienstrukturellen, religiösen und Erziehungsfaktoren großes Gewicht bei der Entwicklung einzelner Gesellschaften, aber auch für die Entwicklung des globalen politischen Systems zu. Eine seiner Thesen besagt, dass viele sozio-politische Phänomene anhand der jeweils vorherrschenden Familienstruktur in der Gesellschaft zu erklären seien. Er entwickelte ein Klassifizierungsmuster von Gesellschaften, mit dem auch unter Berücksichtigung der zunehmend globalen Wechselwirkungen von Gesellschaftsformen die zukünftige Entwicklung dieser Gesellschaften absehbar sei. Todd meint, dass seine Thesen vor allem in den angelsächsischen Ländern und in Frankreich angegriffen werden, wo die prägende Rolle der Familienstrukturen zugunsten individualistischer Erklärungsmuster oder universalistischer Werte weitgehend negiert wird. Aber auch in Deutschland sei nach dem Krieg die differenzielle historische Darstellung von Bevölkerungsgruppen (und ihrer Wirtschaftssysteme und Kulturen) mit einem Tabu belegt gewesen. Man habe nicht mehr an die Erkenntnisse Max Webers und der deutschen Historischen Schule angeknüpft, sondern die Existenz universeller ökonomischer Gesetze postuliert. Die Ökonomie sei jedoch ein relativ kurzlebiger Faktor im Vergleich zu den Glaubenssystemen, und diese wiederum wandelten sich schneller als die Familienstrukturen. Anders als von Marx postuliert, schaffe die Ökonomie sich nicht ihren je spezifischen Überbau; dieser sei vielmehr pfadabhängig, sehr konservativ und wandle sich nur langsam.

Todd bezeichnete sich selbst als „empirischen Hegelianer“ und gilt als „Stichwortgeber für Debatten der französischen linken Mitte“.

„The Explanation of Ideology: Family Structure and Social Systems“ (mit David Garrioch)

In seinem gemeinsam mit dem heute an der Monash University lehrenden Historiker David Garrioch veröffentlichten umfangreichen Buch untersucht Todd den Einfluss von Familienstrukturen auf eine Reihe sozialer Phänomene von der Partnerwahl über Kindersterblichkeit, Kindestötung und Ehestabilität bis hin zum Selbstmord und zum Erbrecht. Daran anschließend versucht er die Affinität bestimmter Familientypen zu Religionen und Ideologien zu erklären. Den auch in Deutschland verbreiteten autoritären Familientyp mit vorrangiger Erbberechtigung des ältesten Sohnes hält er für besonders anfällig für faschistische Ideologien. Die südostasiatische von ihm sogenannte „anomische Familie“ lasse keine ideologischen Präferenzen erkennen. Die endogame Großfamilie des Orients mit häufiger Verwandtenheirat tendiere zum Islam. Die exogame Großfamilie mit Gleichstellung aller Brüder, Vorherrschaft des ältesten Vaters, ohne Verwandtenheirat und von den Eltern bestimmter Partnerwahl (z. B. in Russland oder China) sei für kommunistische und sozialistische Ideologien anfällig. Die „absolute Kernfamilie“ der angelsächsisch-normannischen Welt habe sich den Werten des Liberalismus, Kapitalismus und Feminismus verschrieben.

In diesem Buch prophezeite er den Zusammenbruch der Sowjetunion und die Herauslösung ihrer islamischen Regionen ebenso wie einen Konflikt zwischen der zunehmend feministischen angelsächsischen Welt und der Welt des Islams hinsichtlich der Rolle der Frau.

„Die neoliberale Illusion – Über die Stagnation der entwickelten Gesellschaften“

In seinem Buch „Die neoliberale Illusion“ beschreibt Todd mögliche Gefahren einer europäischen Gesellschaft, die sich zu einer Oligarchie oder Plutokratie der transnationalen Konzerne und der Vermögensoberschicht entwickeln könnte. Bei fortschreitendem, unbegrenztem Freihandel und neoliberaler Wirtschaftspolitik könnte sich ein verhärteter Kampf zwischen Finanzelite und verarmter Restbevölkerung in größerem Maße einstellen.

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