Emil Adolf Behring, ab 1901 von Behring (* 15. März 1854 in Hansdorf, Kreis Rosenberg, Provinz Preußen; † 31. März 1917 in Marburg), war ein deutscher Mediziner, Immunologe, Serologe, Unternehmer („Behringwerke“) und Professor der Hygiene in Marburg. Als Begründer der passiven Immunisierung („Blutserumtherapie“) ging er in die Medizingeschichte ein. 1901 erhielt er für seine Entdeckung der Heilserumbehandlung mit Antitoxinen den ersten Nobelpreis für Physiologie oder Medizin. Bereits am 18. Januar 1901 wurden er und seine Familie von Kaiser Wilhelm II. in den erblichen Adelsstand erhoben.
Besonders aufgrund seiner Erfolge bei der Entwicklung von aus Blutserum als Antitoxin gewonnenen Arzneimitteln gegen die Diphtherie, welches er in Zusammenarbeit mit Paul Ehrlich und Erich Wernicke entwickelte, sowie gegen den Wundstarrkrampf (Tetanus) – gemeinsam mit Kitasato Shibasaburō – wurde er in der Presse als „Retter der Kinder“ und – da das Tetanusheilserum (Tetanusantitoxin) insbesondere den Verwundeten des Ersten Weltkriegs zugutekam – als „Retter der Soldaten“ gerühmt.
Kaiser Wilhelm II. verlieh Behring am 15. Oktober 1915 das Eiserne Kreuz am weißen Bande.
Emil Adolf Behring (ab 1901 Emil von Behring) wurde als Sohn des Lehrers Georg August Behring (1819–1886) und dessen zweiter Frau Augustine Zech (1828–1892) geboren. Sein Vater hatte aus erster Ehe bereits fünf Kinder, und Emil war das erste von weiteren neun. Ein Stipendium ermöglichte ihm das Abitur am Königlichen Gymnasium in Hohenstein. Am 22. Oktober 1874 trat er in das Königliche medizinisch-chirurgische Friedrich-Wilhelms-Institut (ein Abkömmling der 1795 gegründeten „Pépinière“) in Berlin ein, wo er auf Staatskosten gegen eine achtjährige militärärztliche Dienstverpflichtung nach dem Examen sein Studium der Medizin absolvierte. Am 15. August 1878 wurde er an der Berliner Friedrich-Wilhelms-Universität mit der Dissertation Neuere Beobachtungen über die Neurotomia opticociliaris zum Dr. med. promoviert; seine Approbation als Arzt erhielt er 1880. Danach war er als Truppenarzt in der Provinz Posen tätig, die Stationen waren Wohlau (1878–1880), Posen (1880–1883), Winzig (1883–1887) und Bojanowo (1887).
Behrings Aufsätze aus den Posener und Winziger Jahren 1882 bis 1884 stehen am Beginn einer langen Reihe medizinischer Publikationen, für die er die sieben Jahre zuvor von Paul Albrecht Börner (1829–1885) gegründete und herausgegebene noch junge Deutsche Medicinische Wochenschrift wählte und in der er fortan und kontinuierlich die Ergebnisse seiner wissenschaftlichen Studien publizierte. Es handelt sich bei den Aufsätzen um Studien zur Wirkungsweise antiseptischer Mittel, speziell des Jodoforms (CHJ3), eines zu Behrings Zeit außerordentlich beliebten Desinfektionsmittels, das bei chirurgischen Operationen, aber auch in der Krebsbehandlung, beim Kropf oder Diabetes mellitus zum Einsatz kam. In diesen Schriften beschreibt Behring auch die zu Vergiftungserscheinungen führenden starken Nebenwirkungen des Jodoforms, etwa nach der Behandlung einer tiefen Kopfwunde bei einem seiner Patienten in Winzig (1883).
Entscheidenden Einfluss auf Behrings weiteren Werdegang hatte der Bonner Pharmakologe Carl Binz, mit dem Behring seit seiner Posener Zeit im Austausch stand. Behring war vom 22. März 1887 bis Ende Oktober 1888 in der Stadt am Rhein, wo er dank neuer Kontakte auch sein Wissen und seine technischen Fähigkeiten auf dem Gebiet der organischen und analytischen Chemie vertiefen konnte. Neben Binz gehörten die Chemiker Konrad Heinrich Klinger (1853–1945) und Otto Wallach (1847–1931), späterer Chemienobelpreisträger, zu den einflussreichsten Personen der Bonner Zeit. Für Behring war es eine Zeit enormer Produktivität, aus der sieben Aufsätze resultierten, zu denen die 1888 publizierte wichtige Schrift Ueber die Ursache der Immunität von Ratten gegen Milzbrand gehört: Basierend auf seinen Beobachtungen, dass weiße Ratten eine sehr geringe Empfänglichkeit für die Infektion mit Milzbrandsporen haben, stellte Behring schlussfolgernd die grundsätzliche Frage nach dem Zustandekommen der Immunität gegen Infektionskrankheiten.
Behring siedelte im Herbst 1888 nach Berlin um, wo er ab dem 31. Oktober 1888 zunächst als Stabsarzt am Königlichen medizinisch-chirurgischen Friedrich-Wilhelms-Institut eine Anstellung fand. Am 28. Juli 1889 wurde er in das damals von Robert Koch geleitete Hygieneinstitut der Berliner Universität kommandiert, was Koch „für recht erwünscht“ hielt. Schließlich wechselte er im Sommer 1891 mit anderen Kollegen in das eigens für Koch gegründete Königlich Preußische Institut für Infektionskrankheiten in der Nähe der Berliner Charité, wo er auf Kochs Wunsch eine Krankenstation übernehmen sollte. Doch bereits früher, noch als Mitarbeiter im Hygieneinstitut der Universität, setzte er die Untersuchungen zu den in Bonn aufgeworfenen Fragen zum Wesen der Immunität (d. h. der Immunitätsentstehung und der Wirksubstanzen) fort. Am 1. März 1890 veröffentlichte er gemeinsam mit dem aus Breslau gebürtigen Mediziner Franz Nissen (1862–1928), einem Schüler Carl Flügges, den Aufsatz Ueber bacterienfeindliche Eigenschaften verschiedener Blutserumarten, der den programmatischen Untertitel Ein Beitrag zur Immunitätsfrage trug. Zu diesem Zeitpunkt gingen beide Forscher davon aus, dass der Träger der Immunität erzeugenden Wirksubstanzen das Blutserum, der zellenfreie Bestandteil des Blutes, sein müsse.
Die teilweise unter Kochs Anleitung durchgeführten Studien verliefen parallel zu denen des japanischen Bakteriologen Shibasaburō Kitasato, der als Gastwissenschaftler bei Koch über Tetanus arbeitete. Die ersten Immunisierungsversuche mit Experimentaltieren (diphtherieimmune Ratten, Meerschweinchen, Kaninchen, Mäusen) verliefen zu dieser Zeit thematisch getrennt. Die Erträge der umfangreichen Studien mündeten jedoch in den gemeinsam publizierten Aufsatz Über das Zustandekommen der Diphtherie-Immunität und der Tetanus-Immunität bei Thieren, der am 4. Dezember 1890 in der Zeitschrift Deutsche Medicinische Wochenschrift erschien. Das Datum gilt als ein Meilenstein der Medizingeschichte: Im Aufsatz wurden im Tierversuch gewonnene Erkenntnisse zur Blutserumtherapie, speziell zur Behandlung der Diphtherie und des Tetanus mit antitoxinhaltigem Serum, gebündelt; damit wurde eine neue Behandlungsmethode bei der Heilbehandlung von Infektionskrankheiten aufgezeigt.
Zusammengefasst wurden die Forschungsergebnisse in vier Sätzen:
Das Blut der tetanusimmunen Kaninchen besitzt tetanusgiftzerstörende Eigenschaften.
Diese Eigenschaften sind auch im extravasculären Blut und in dem daraus gewonnenen zellenfreien Serum nachweisbar.
Diese Eigenschaften sind so dauerhafter Natur, dass sie auch im Organismus anderer Thiere wirksam bleiben, so dass man imstande ist, durch die Blut- bezw. Serumtransfusion hervorragende therapeutische Wirkungen zu erzielen.
Die tetanusgiftzerstörenden Eigenschaften fehlen im Blut solcher Thiere, die gegen Tetanus nicht immun sind, und wenn man das Tetanusgift nicht immunen Thieren einverleibt hat, so lässt sich dasselbe auch noch nach dem Tode der Thiere im Blut und in sonstigen Körperflüssigkeiten nachweisen.
Behring wohnte in Berlin von 1894 bis 1897 in der für ihn errichteten Villa an der heutigen Puschkinallee 8. Dort befindet sich ein von Ingrid Puhlemann 1983 geschaffenes Denkmal mit der Porträtbüste Behrings.
Die erste gesichert dokumentierte Anwendung an einem Menschen, dem 6-jährigen Mädchen der Familie Ramm, wurde im November 1892 in der von Otto Heubner geleiteten Kinderklinik Leipzig vorgenommen. Heubner hatte sich im Sommer 1892 nach der Lektüre von Behrings Blutserumtherapie direkt an den Verfasser gewandt und die Lieferung von Heilserum erbeten. Diese erfolgte wegen inzwischen eingetretener Engpässe im November über die Farbwerke in Höchst am Main. Nicht durch historische Quellen belegbar ist jedoch der nach Erich Wernickes Tod posthum erschienene Bericht, dass im Dezember 1891 aus dem Blutserum von Schafen gewonnenes Heilserum an zwei an Diphtherie erkrankten Kindern in der chirurgischen Universitätsklinik Ernst von Bergmanns erfolgreich eingesetzt worden sei. Behring hatte – nach den verheerenden Erfahrungen, die man 1890/91 mit Kochs Tuberkulin gemacht hatte – Wernicke nachdrücklich vor dem verfrühten Einsatz am Menschen gewarnt. In einem Brief an Wernicke vom 31. Januar 1892 schreibt er: "Laß Dich von [Ernst von] Bergmann u. seinen Leuten nicht drängeln, lad das ganze Odium dafür, daß kein D.[iphtherie] Heilserum abgegeben wird, auf mich ab u. wenn Du mit mir einverstanden bist, so wollen wir überhaupt kein Serum an Andere zu Versuchs- u. zu Heilzwecken beim Menschen abgeben, das nicht mindestens einen Immunisirungswerth für Meerschweinchen von 1:500 besitzt." In dem im Frühjahr 1892 erschienenen Aufsatz Behrings und Wernickes Ueber Immunisirung und Heilung von Versuchsthieren bei Diphtherie heißt es zudem ausdrücklich, die Autoren hätten darauf verzichtet, „orientirende Vorversuche am Menschen zu machen“.