Elly Ney (* 27. September 1882 in Düsseldorf; † 31. März 1968 in Tutzing) war eine deutsche Pianistin, die als Interpretin des klassisch-romantischen Repertoires, besonders der Klavierwerke Ludwig van Beethovens, international anerkannt war. Nach 1933 trat sie aktiv für die nationalsozialistische Ideologie ein und ließ sich als Künstlerin von den Machthabern für deren Zwecke instrumentalisieren. Diese Haltung führte nach dem Zweiten Weltkrieg immer wieder zu kontrovers geführten, öffentlichen Diskussionen über ihre Person.
1882–1921: Jugend, Beginn der Karriere als Pianistin, Heirat
Elly Ney wurde am 27. September 1882 als Tochter des Feldwebels Jakobus Ney und der Musiklehrerin Anna Ney in Düsseldorf geboren. Da ihre Mutter nicht in einer Kaserne leben wollte, wechselte der Vater auf eine Beamtenstelle in Bonn. Kindheit und Jugend waren geprägt von einem sowohl militaristischen als auch musischen Elternhaus; der Historiker Michael H. Kater nennt ihre Erziehung xenophob.
Mit zehn Jahren wurde die hochbegabte Elly Ney Franz Wüllner, dem Direktor des Konservatoriums Köln vorgestellt, wo sie dann neun Jahre lang Schülerin von Isidor Seiß war. Mit neunzehn Jahren gewann sie den „Mendelssohn-Preis“ der Stadt Berlin, mit zwanzig erhielt sie in Köln den „Ibach-Preis“. 1903 setzte sie ihre Ausbildung in Wien bei Theodor Leschetitzky fort, wechselte aber bald zu Emil von Sauer.
Nach Beendigung ihres Studiums in Wien war Elly Ney von 1904 bis 1907 Lehrerin am Kölner Konservatorium und baute sich gleichzeitig eine Karriere als Konzertpianistin auf.
1911 heiratete sie den niederländischen Dirigenten und Violinisten Willem van Hoogstraten. Das Paar lebte zunächst in Schlangenbad und später in Bonn. Nach dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs verlor Hoogstraten seine Stellung als Kurkapellmeister in Honnef. Zusammen mit dem Schweizer Cellisten Fritz Otto Reitz gründete das Paar das erste Elly-Ney-Trio und gab in Deutschland, der Schweiz und in den Niederlanden Konzerte. 1918 bekam das Ehepaar eine Tochter, die spätere Schauspielerin Eleonore van Hoogstraten.
1921 wurde Elly Ney Ehrenmitglied des Vereins Beethoven-Haus in Bonn.
1921–1930: Karriere in den USA
Von 1921 an lebte und wirkte Elly Ney vorwiegend in den USA, wo sie in ihren Konzerten als Interpretin des klassisch-romantischen Repertoires mit besonderem Schwerpunkt der Werke von Chopin, Brahms und Beethoven ihren Ruf als Pianistin festigte. Zahlreiche Berichte der New York Times aus den 1920er Jahren besprechen ihre Konzerte in Spielorten wie der Carnegie Hall in New York. Bei ihrem Debüt-Konzert in den USA am 15. Oktober 1921 spielte sie nur Beethoven, im zweiten Konzert Brahms, Schubert und Chopin. Hoogstraten leitete mehrere Orchester und wurde 1925 Musikdirektor des Oregon Symphony Orchestra. Sowohl als Solistin in Orchesterkonzerten unter Hoogstratens Leitung als auch in Klavierabenden gastierte Ney in fast allen großen Städten der USA, so zum Beispiel 1929 in Hollywood im Rahmen einer Reihe von Freiluftkonzerten Symphonies under the Stars. In den USA entstanden in den 1920er Jahren ihre ersten Plattenaufnahmen. 1928 heiratete sie in zweiter Ehe den Kohlewerkdirektor Paul Allais (1895–1990) aus Chicago, der ihr zuvor einige Jahre zu ihren Konzerten in den USA nachgereist war und dessen Wesen und Liebe zur Musik sie sehr beeindruckten. Die Ehe wurde bald wieder geschieden, man blieb aber freundschaftlich verbunden. Obwohl nicht mehr verheiratet, lebte Ney mit ihrem ersten Mann Hoogstraten danach weiter in einer Lebensgemeinschaft und feierte 1961 mit ihm Goldene Hochzeit; sie haben ein gemeinsames Grab in Tutzing.
Auch in Deutschland blieb Elly Ney in den 1920er Jahren weiter aktiv. Für ihren Beitrag zum besonders glanzvollen Gelingen des Beethovenfestes 1927 und für ihre internationale Karriere, die auch ihrer Heimatstadt Bonn zu Ansehen verhalf, wurde ihr im selben Jahr die Ehrenbürgerschaft der Stadt Bonn zugesprochen.
1930–1945: Die Zeit des Nationalsozialismus
Ab 1930 verlagerte sie ihren künstlerischen Wirkungskreis wieder nach Europa. Mit dem Geiger Wilhelm Stross und dem Cellisten Ludwig Hoelscher gründete sie 1932 erneut ein Trio, das als Elly-Ney-Trio international agierte.
Im Jahr 1933 beantragte Ney, die nach ihrer Scheidung staatenlos war, die Wiedereinbürgerung in Deutschland. Angesichts der Prominenz der Antragstellerin wurde vom zuständigen Beamten die Frage, ob „die Antragstellerin in nationaler Hinsicht als wertvoller Bevölkerungszuwachs anzuerkennen sei“, positiv beantwortet. Sie sei als Künstlerin im deutschen Sinne tätig gewesen, wenngleich ihre Heirat mit einem Amerikaner an sich gegen eine gute deutsche Gesinnung spräche, so der Beurteiler der Stadt Bonn über deren Ehrenbürgerin.
1933 begeisterte sich Elly Ney für Adolf Hitler und wandte sich dem Nationalsozialismus zu. In einem Brief an Willem van Hoogstraten vom März 1933 schrieb sie:
„Eben hörte Hitler 45 Minuten sprechen. Bin tief erschüttert. Eine ungeheure Gewalt. Lies die Rede! … Das ist Wahrheit einer tief empfindenden und entflammten Menschenseele. Hitler sprach mir aus der Seele über die Kunst. … Endlich wird es ausgesprochen und wird die Bahn frei.“
Mit Erlass vom 19. April 1937 wurde ihr von Hitler der Titel Professor verliehen, zum 1. Mai 1937 trat sie der NSDAP bei (Mitgliedsnummer 6.088.559). Für ihre Mitarbeit bei den Olympischen Spielen 1936 verlieh Hitler ihr 1937 eine Erinnerungsmedaille. Ney war Mitglied weiterer nationalsozialistischer Organisationen, unter anderem als Ehrenmitglied im Bund Deutscher Mädel (BDM), und hielt Reden an die Jugend, in denen sie Beethoven und die „nordische Musik“ im Geist des Nationalsozialismus deutete.
Im Zweiten Weltkrieg gastierte Elly Ney 1941 auch im Generalgouvernement Polen in Krakau, wo damals die „Philharmonie des Generalgouvernements“ eingerichtet war. Ihre missionarische Musikauffassung bewies sie 1942 in Görlitz, wo sie die zweite Aufführung von Carl Orffs Carmina Burana unter Protest verließ, das Werk als „Kulturschande“ bezeichnete und ein lokales Aufführungsverbot erreichte. Ney spielte im Verlauf des Kriegs zunehmend Konzerte in Lazaretten und Krankenhäusern. 1943 erhielt sie das Kriegsverdienstkreuz 2. Klasse für Truppenbetreuung. 1944, in der Endphase des Krieges, wurde sie von Hitler in die Gottbegnadetenliste der unersetzlichen Künstler aufgenommen.
In der Anfangsphase der Zeit des Nationalsozialismus gab sie zahlreiche kostenfreie Konzerte für Organisationen der NSDAP und beschwerte sich beim Reichspropagandaministerium über zu wenige staatliche Aufträge als Honorarkünstlerin. Später wurde sie offenkundig häufiger bezahlt, denn für 1943 meldete sie ca. 190.000 Reichsmark Einnahmen.