Elisabeth Adelheid Hildegard von Thadden (* 29. Juli 1890 in Mohrungen, Ostpreußen; † 8. September 1944 in Berlin-Plötzensee) war eine deutsche Sozialarbeiterin, Pädagogin und Widerstandskämpferin gegen den Nationalsozialismus. Sie gehörte der Bekennenden Kirche und dem Solf-Kreis an. Von Thadden wurde im Januar 1944 verhaftet, im Juli desselben Jahres vom Volksgerichtshof zum Tode verurteilt und im September in Berlin-Plötzensee hingerichtet.
Elisabeth von Thadden entstammte einem alten pommerschen Adelsgeschlecht und war die Tochter des mehrfachen Gutsbesitzers Adolf von Thadden (1858–1932), königlich preußischer Landrat des Kreises Greifenberg, Mitglied des pommerschen Provinziallandtags und Vorsitzender des Verbands pommerscher Landkreise, und dessen erster Ehefrau Ehrengard von Gerlach (1868–1909). Ihr Bruder Reinold von Thadden (1891–1976) war Gründer des Deutschen Evangelischen Kirchentages. Ihr Halbbruder Adolf von Thadden (1921–1996) war ein Politiker und Parteimitglied der NSDAP, DRP und NPD.
Elisabeth von Thadden wuchs zusammen mit ihren jüngeren Geschwistern Reinold, und Marie-Agnes („Anza“) zunächst in ihrem Geburtsort Mohrungen auf, bevor der Vater sich 1894 in seine Heimat nach Pommern versetzen ließ. Dort kamen Helene und Ehrengard („Eta“) auf die Welt und die Geschwister wuchsen auf dem pommerschen Gut Trieglaff im Kreis Greifenberg auf.
Ab 1904 besuchte Elisabeth ein Internat im schweizerischen Neuchâtel, um ihre Französischkenntnisse zu vertiefen. Im darauffolgenden Jahr wechselte sie auf die Internatsschule Viktoria-Stift, auf die bereits ihre Mutter gegangen war; dort blieb sie bis 1907. Danach schloss sich eine einjährige Ausbildung in ländlicher Hauswirtschaft an der Reifensteiner Schule in Maidburg an. 1909 starb ihre Mutter.
Nach dem Tod ihrer Mutter kehrte sie als Neunzehnjährige auf das Gut Trieglaff zurück. Von da an war sie Gutsherrin und trug die Verantwortung für den Haushalt mit 70 Angestellten, auch um das nahegelegene Dorf kümmerte sie sich. Als Unterstützung kehrte ihre Großmutter Marie von Thadden aus Berlin zurück nach Trieglaff.
Die Familie Thadden führte ein sehr offenes Haus mit zahlreichen Gästen und vielfältigen Veranstaltungen mit sozialen, politischen und kulturellen Inhalten. Elisabeth von Thadden lernte in diesen Jahren einen ihrer wichtigsten Wegbegleiter und Mentoren kennen, Friedrich Siegmund-Schultze, damals Pfarrer an der Potsdamer Friedenskirche und Gründer der ökumenischen „Sozialen Arbeitsgemeinschaft“. In Zusammenarbeit mit ihm unterstützte sie während des Ersten Weltkriegs die Kinderlandverschickung nach Dänemark und Holland organisatorisch und nahm selbst erholungsbedürftige Stadtkinder wochenlang auf Gut Trieglaff auf. Ab 1918 organisierte sie drei Jahre lang mit ihrem Vater die „Trieglaffer Konferenzen“; hierfür wurden verschiedene Persönlichkeiten eingeladen, man diskutierte über theologische und gesellschaftspolitische Themen.
1920 kam Barbara Blank, die fünf Jahre jünger war als Elisabeth, auf das Gut; sie war von Beruf Lehrerin und Freundin der jüngeren Schwestern Elisabeths. Sie verbrachte ein paar Wochen zur Erholung in Trieglaff und half bei der Organisation der Konferenz. Bereits im Sommer kam es zur Verlobung von Blank und Adolf von Thadden, noch im selben Jahr folgte die Hochzeit, womit Blank die neue Gutsherrin wurde. Daraufhin verließ Elisabeth Trieglaff und übersiedelte nach Berlin.
In der Hauptstadt engagierte sie sich in der Sozialen Arbeitsgemeinschaft Berlin-Ost und absolvierte Fortbildungskurse in sozialer Arbeit an der von Alice Salomon gegründeten Sozialen Frauenschule. Im April 1921 übernahm von Thadden die Position der Erziehungsleiterin im Kinderdorf Heuberg auf der Schwäbischen Alb, einem Erholungsort, der nur wenige Monate im Jahr geöffnet war. Vier Jahre verbrachte sie die Winter in Berlin. Diese Umstände erfüllten sie nicht mit Zufriedenheit; sie hatte den Wunsch, an einer Schule zu unterrichten. Allerdings war dies nicht realisierbar, da ihr die erforderlichen Qualifikationen fehlten.
In Berlin nahm von Thadden an sogenannten „Teegesellschaften“ bei Anna von Gierke und Hanna Solf teil, bei denen sich bei Vortragsveranstaltungen auch Regimekritiker kennen, lernten und austauschten, unter anderem über Perspektiven und organisatorische Fragen für die Zeit nach dem vorhersehbaren „Zusammenbruch“. Darüber hinaus engagierten sie sich auch sporadisch bei der Fluchthilfe für Verfolgte, hielten Kontakt zu Exilanten und unterstützten Untergetauchte mit Lebensmittelkarten.
Zufällig lernte sie Prinz Max von Baden kennen, den Gründer der Internatsschule Schloss Salem. Sie nahm seine Einladung an und wechselte 1925 nach Salem. Sie verließ das Internat wieder am 1. April 1926. Im Sommersemester besuchte sie Vorlesungen in Psychologie, Geschichte und Theologie an der Universität Heidelberg. In dieser Zeit wohnte sie bei ihrer Schwester Ehrengard, die dort mit ihrem Mann lebte.
Während sie nach einer geeigneten Lokalität für ihr Landerziehungsheim suchte, stieß sie im Herbst 1926 auf das leerstehende Wieblinger Schloss in der Nähe von Heidelberg und gründete den Verein „Evangelisches Landerziehungsheim Wieblingen e. V.“ als Schulträger. Startkapital bekam sie von der Badischen Landeskirche, der Inneren Mission Berlin und von Freunden. Ostern 1927 wurde das „Evangelische Landerziehungsheim für Mädchen“ seiner Bestimmung übergeben; zunächst gab es 13 Schülerinnen. Das schulpädagogische Konzept orientierte sich an der Reformpädagogik mit christlicher Prägung. Von Thadden leitete das Mädcheninternat, das auch „Externen“ offenstand und bis zuletzt auch von jüdischen Schülerinnen besucht und bewohnt wurde, bis zur Verstaatlichung aller konfessionellen Privatschulen 1941.
Gemeinsam mit Hermann Maas, dem evangelischen Pfarrer der Heidelberger Heiliggeistkirche, der wie sie selbst der Bekennenden Kirche nahestand, unterstützte sie Jüdinnen und Juden bei der Emigration ins Ausland. Weil sie bei Kriegsausbruch Bedenken wegen der nahen Westfront hatte, verlegte von Thadden den Schulbetrieb, mit 80 Schülerinnen und 20 Lehrkräfte, im September 1939 nach Tutzing am Starnberger See.
Während die Bevölkerung von Wieblingen von Thadden meist wohlwollend gegenüberstand, änderten sich die Zustände in Tutzing. Es kam immer wieder zu Anfragen und Verhören, unter anderem weil in der Schule kein Hitlerbild hing oder weil sie an ihrem 50. Geburtstag auch jüdische Gäste hatte. Am 26. Februar 1941 entzog das Bayerische Kultusministerium der Schule die Genehmigung zur gastweisen Unterbringung. In diese Zeit fiel eine Hausdurchsuchung und ein Verhör durch die Gestapo aufgrund der Denunziation einer Schülerin bzw. deren Mutter. Zu Ostern 1941 zogen alle wieder zurück ins Wieblinger Schloss, wo mittlerweile „Volksdeutsche“ wohnten.
Obwohl von Thadden nichts unversucht gelassen hatte, wurde ihr die Führung eines Landerziehungsheimes am 14. Mai 1941 untersagt. Anschließend verbrachte sie einige Wochen zur Kur in Oberbayern, wo sie das Geschehene zu verarbeiten versuchte. Sie bekam dank des Vorsitzenden des Trägervereins der Wiebinger Schule ein Ruhestandsgehalt von 355 Reichsmark, so dass sie nicht mittellos war. Danach fand von Thadden in Berlin im Haus von Anna von Gierke Unterschlupf.
Sie betätigte sich ab September 1941 im Präsidium des Deutschen Roten Kreuzes, unter anderem für die Organisation von Lektüre für deutsche Kriegsgefangene und Internierte im Ausland. Man stellte ihr die Leitung eines französischen Soldatenheims in Aussicht, vorher sollte sie jedoch Erfahrung in einem solchen Heim in Meaux sammeln.
Nach dem Tod Anna von Gierkes wurde ihr Haus von einer Bombe getroffen. So nahm von Thadden im September 1943 Urlaub, um dort nach dem Rechten zu sehen. Am 10. September feierte ihre Schwester Anza ihren 50. Geburtstag. Für die Feier lud von Thadden einige Berliner zum Tee, unter denen auch der Gestapo-Spitzel Paul Reckzeh war. Reckzeh fand über eine Freundin von Elisabeth von Thadden Eingang in den Bekanntenkreis. Nachdem der Spitzel aufgeflogen war, weilte von Thadden einige Zeit im oberbayerischen Schloss Elmau, dort hatte sie die Gelegenheit sich mit Vertrauten auszutauschen. Sie wies das Angebot von Freunden, die sie in die Schweiz bringen wollten, zurück. Da sie Reckzeh in die Teegesellschaft eingeführt hatte, fühlte sie sich verantwortlich.