Elfriede Lohse-Wächtler (* 4. Dezember 1899 in Löbtau als Anna Frieda Wächtler; † 31. Juli 1940 in Pirna) war eine deutsche Malerin der Avantgarde und bedeutende Vertreterin des deutschen Expressionismus. Sie porträtierte ungeschönt die sozialen Ränder ihrer Zeit – Hafenarbeiter, Prostituierte, psychisch Erkrankte – und verband dabei rohe Unmittelbarkeit mit psychologischer Tiefe. Ihr Werk, lange übersehen, offenbart eine künstlerische Ausdruckskraft, die dem Œuvre bekannterer Vertreter ihrer Zeit in nichts nachsteht. Sie wurde im Rahmen der nationalsozialistischen Euthanasie-Aktion T4 in der Tötungsanstalt Pirna-Sonnenstein ermordet. In der dortigen Gedenkstätte wird seit 2000 in einer ständigen Ausstellung zur Dokumentation der Verbrechen an ihr Leben und Werk erinnert.
Elfriede Lohse-Wächtler wuchs in einem gutbürgerlichen Elternhaus als Tochter des in Dresden gebürtigen kaufmännischen Angestellten Gustav Adolf Wächtler und seiner aus Böhmen stammenden Frau Maria Zdenka (Sidonie) Ostadal auf. Die Eltern hatten sich im Mai 1898 verlobt und heirateten nach konfessionellen Hindernissen erst am 17. Juli 1899, als die katholische Maria Zdenka bereits mit ihrer Tochter schwanger war.
Anna Frieda Wächtler, die sich später den Namen Elfriede gab, wurde evangelisch getauft und hatte einen zwölf Jahre jüngeren Bruder, Hubert Wächtler (1911–1988). Sie verließ ihr Elternhaus mit 16 Jahren und besuchte von 1915 bis 1918 die Königliche Kunstgewerbeschule Dresden, zunächst in der Fachklasse Mode, dann ab 1916 in der Fachklasse Angewandte Graphik. Von 1916 bis 1919 belegte Wächtler zudem Mal- und Zeichenkurse an der Dresdner Kunstakademie und fand Anschluss an die Dresdner Sezession Gruppe 1919 und den Freundeskreis um Otto Dix, Otto Griebel und Conrad Felixmüller, in dessen Atelier nahe dem Dresdner Stadtzentrum sie sich einmietete und bald mit Batiken, Postkarten- und Illustrationsarbeiten ihren Lebensunterhalt bestritt.
Im April 1921 zog Elfriede Wächtler mit dem Maler und Opernsänger Kurt Lohse in das Werkleiterhaus des schreckenbach’schen Steinbruchs in Wehlen -Zeichen und verbrachte dort ihre glücklichste Zeit. Besucher waren unter anderen die Künstler Robert Sterl, Pol Cassel, Otto Dix, Otto Griebel.
Im Juni 1921 heiratete sie Lohse und folgte ihm im September 1922 erst nach Görlitz, 1925 dann nach Hamburg. Ihre Ehe gestaltete sich jedoch als schwierig und das Paar sollte sich in den folgenden Jahren mehrmals trennen. 1926 trat Elfriede Lohse-Wächtler dem Bund Hamburgischer Künstlerinnen und Kunstfreundinnen bei und beteiligte sich 1928 an einigen Ausstellungen der Neuen Sachlichkeit. Zudem trat sie in jenem Jahr der Hamburgischen Künstlerschaft bei.
1929 erlitt sie infolge materieller und ehelicher Sorgen einen Nervenzusammenbruch und wurde in die Staatskrankenanstalt Friedrichsberg eingewiesen. Während ihres zweimonatigen Aufenthalts entstanden die Friedrichsberger Köpfe, eine Werkgruppe von etwa 60 Zeichnungen und Pastellen, hauptsächlich Porträts von Mitpatienten. An ihren Aufenthalt dort erinnert der Rosengarten.
Nach ihrer Genesung trennte sie sich endgültig von Lohse und erlebte ihre kreativste Phase, sie schuf zahlreiche Bilder des Hamburger Hafens, des Arbeiter- und Prostituiertenmilieus, ebenso ihre als schonungslos bezeichneten Selbstbildnisse. Trotz einiger Ausstellungsbeteiligungen, Verkäufe und kleinerer Stipendien lebte sie in Armut.
Mitte des Jahres 1931 kehrte sie wegen dieser materiellen Probleme und zunehmender Vereinsamung in ihr Dresdener Elternhaus zurück. Nach einer Verschlechterung ihres seelischen Zustandes ließ ihr Vater sie 1932 in die Landes-Heil- und Pflegeanstalt Arnsdorf einweisen. Es wurde Schizophrenie diagnostiziert. Von 1932 bis 1935 war sie weiterhin kreativ tätig, zeichnete Porträts und arbeitete kunstgewerblich. Nach der Scheidung von Lohse im Mai 1935 folgte die Entmündigung wegen „unheilbarer Geisteskrankheit“.
Nachdem sie ihre Einwilligung zur Sterilisation verweigert hatte, wurde ihr der bisherige freie Ausgang aus der Pflegeanstalt verwehrt. Im Dezember 1935 unterzog man sie im Rahmen der nationalsozialistischen Eugenik in der Frauenklinik des Stadtkrankenhauses Dresden-Friedrichstadt der Zwangssterilisation. Mit diesem Eingriff wurde ihre Schaffenskraft endgültig gebrochen.
1940 wurde sie zwangsweise in die als Tötungsanstalt missbrauchte Landes-Heil- und Pflegeanstalt Pirna-Sonnenstein deportiert und dort im Rahmen der nationalsozialistischen Massenmord-Aktion-T4 an Behinderten ermordet. Dabei wurde ihr Totenschein, der auf die falsche Todesursache „Lungenentzündung mit Herzmuskelschwäche“ lautete, in einem speziellen, zur Tarnung errichteten Standesamt ohne ärztliche Untersuchung fingiert.
Elfriede Lohse-Wächtlers kreativste Schaffenszeit fällt in die Zeit des Hamburger Aufenthalts. Von 1927 bis 1931 entstanden einige ihrer Hauptwerke. Große Beachtung fanden und finden auch die Vielzahl von Kopf- und Körperstudien psychisch Kranker, die sie während ihrer Aufenthalte in der Staatskrankenanstalt Hamburg-Friedrichsberg 1929 und in der Landes-Heil- und Pflegeanstalt Arnsdorf zwischen 1932 und 1935 schuf.
1937 wurden in der Nazi-Aktion „Entartete Kunst“ aus dem Stadtmuseum Altona und dem Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg neun Werke Elfriede Lohse-Wächtlers beschlagnahmt. Sechs wurden vernichtet. Ebenso wurde ein großer Teil ihrer Arnsdorfer Bilder zerstört.
1937 als „entartet“ beschlagnahmte Werke
Zwei Frauenakte (Aquarell; Stadtmuseum Altona)
Liegendes Mädchen (Aquarell; Stadtmuseum Altona)
Straßenmusik (Aquarell; Stadtmuseum Altona; vernichtet)
In der Kneipe (Aquarell; Stadtmuseum Altona; vernichtet)
Aus St. Pauli (Aquarell; Stadtmuseum Altona; vernichtet)