Elfriede Jelinek (* 20. Oktober 1946 in Mürzzuschlag, Steiermark) ist eine österreichische Schriftstellerin, die in Wien und München lebt. Im Jahr 2004 erhielt sie den Literaturnobelpreis für „den musikalischen Fluss von Stimmen und Gegenstimmen in Romanen und Dramen, die mit einzigartiger sprachlicher Leidenschaft die Absurdität und zwingende Macht der sozialen Klischees enthüllen“.
Elfriede Jelinek schreibt gegen Missstände im öffentlichen, politischen, aber auch im privaten Leben der österreichischen Gesellschaft. Dabei benutzt sie einen sarkastischen, provokanten Stil, der von ihren Gegnern („Nestbeschmutzer“-Diskussion), aber auch von ihr selbst mitunter als obszön, blasphemisch, vulgär oder höhnisch beschrieben wird.
Kindheit, Jugend und erste Veröffentlichungen
Elfriede Jelinek wurde am 20. Oktober 1946 in Mürzzuschlag (Steiermark) geboren. Ihre Mutter Olga Jelinek, geborene Buchner, stammte aus dem Wiener Großbürgertum und ernährte die Familie längere Zeit durch ihre Tätigkeit als Buchhalterin. Ihr Vater Friedrich Wilhelm Jelinek war promovierter Ingenieur und Chemiker, Absolvent der Technischen Hochschule Wien und jüdisch-tschechischer Abstammung. Sein „kriegsdienlicher“ Beruf bewahrte ihn vor Verfolgung unter dem NS-Regime; ihm wurde ein Arbeitsplatz in der Rüstungsindustrie zugewiesen. Friedrich Wilhelm Jelinek erkrankte in den 1950er Jahren an Demenz und starb 1969 in „geistiger Umnachtung“ in der psychiatrischen Einrichtung, die heute den Namen Klinik Penzing trägt. Die Klinik wurde seinerzeit von Heinrich Gross geleitet. Im Holocaust wurden zwei Schwestern von Jelineks Großvater Friedrich Johann Jelinek ermordet.
Um Jelineks Erziehung kümmerte sich die Mutter. Jelinek kam in einen katholischen Kindergarten und eine Klosterschule, die sie als äußerst restriktiv empfand (Essay In die Schule gehen ist wie in den Tod gehen). Ihr auffälliger Bewegungsdrang brachte sie auf Anraten der Ordensschwestern in die Kinderpsychiatrie, auf die heilpädagogische Abteilung der Kinderklinik der Wiener Universität, die von Hans Asperger geleitet wurde, obwohl ihr Verhalten aus medizinischer Sicht im Bereich der Norm blieb. Abgesehen davon plante die Mutter die Karriere ihrer Tochter als musikalisches Wunderkind, und Jelinek erhielt bereits in der Volksschule Klavier-, Gitarren-, Flöten-, Geigen- und Bratschenunterricht. Im Alter von 13 Jahren wurde sie am Konservatorium der Stadt Wien aufgenommen und studierte dort Orgel, Klavier, Blockflöte und später auch Komposition. Parallel dazu absolvierte sie die Mittelschulausbildung am Wirtschaftskundlichen Realgymnasium Wien-Feldgasse. Außerdem studierte Jelinek klassisches Ballett, im Ballett-Studio der ehemaligen Solistin des Wiener Staatsopernballetts, Lucia Bräuer.
In der Tradition der Wiener Gruppe führte Jelinek für sich zunächst die Kleinschreibung ein, die sie aber später wieder aufgab.
Nach der Matura erfolgte der erste psychische Zusammenbruch. Sie belegte dennoch für einige Semester Kunstgeschichte und Theaterwissenschaft an der Universität Wien, bis sie 1967, durch Angstzustände gezwungen, das Studium abbrach und ein Jahr zu Hause in völliger Isolation verbrachte. In dieser Zeit begann sie zu schreiben; ihre ersten Gedichte wurden in Zeitschriften und kleinen Verlagen gedruckt. 1967 erschien ihr Gedichtband Lisas Schatten. Der erste Roman, bukolit (1968), blieb allerdings bis 1979 unveröffentlicht. Nach dem Tod ihres Vaters 1969 begann sie sich zu erholen; sie engagierte sich im Umfeld der 68er-Bewegung und lebte einige Monate in einer linken Wohngemeinschaft unter anderen mit Robert Schindel und Leander Kaiser.
1971 legte sie die Orgelprüfung am Konservatorium bei Leopold Marksteiner ab. Maßgeblich für ihr weiteres literarisches Schaffen als freie Schriftstellerin war in dieser Zeit die Auseinandersetzung mit den Theorien von Roland Barthes, die sie in dem Essay Die endlose Unschuldigkeit verarbeitete. 1972 lebte sie mit Gert Loschütz in Berlin, kehrte im Jahr darauf aber nach Wien zurück. 1974 trat sie der Kommunistischen Partei Österreichs bei und engagierte sich im Wahlkampf sowie in Kulturveranstaltungen, wie zum Beispiel im Rahmen der Autorenlesungen unter dem Titel Linkes Wort beim Volksstimmefest.
Am 12. Juni 1974 heirateten Elfriede Jelinek und Gottfried Hüngsberg, der zu dieser Zeit Filmmusik für Rainer Werner Fassbinder schrieb und ab Mitte der 1970er Jahre in München als Informatiker tätig war.
Große Erfolge, Skandale und Rückzug
Seit der Heirat lebt Elfriede Jelinek abwechselnd in Wien und München. Der literarische Durchbruch gelang ihr 1975 mit dem Roman Die Liebhaberinnen, der marxistisch-feministischen Karikatur eines Heimatromans. Vor allem in den 1970er Jahren entstanden zahlreiche Hörspiele; Anfang der 1980er Jahre erschien Die Ausgesperrten als Hörspiel, Roman und schließlich auch als Film mit Paulus Manker (Vorbild ist ein realer Wiener Mordfall kurz vor Weihnachten 1965, der anlässlich des Urteils um den 10. Mai 1966 von den Medien ausführlich kommentiert wurde). In den 1970er und 1980er Jahren war sie auch an der Zeitschrift Die Schwarze Botin beteiligt.
1983 erschien ihr Roman Die Klavierspielerin. In den Rezensionen überwog die biografische Deutung; die Auseinandersetzung mit dem Text trat in den Hintergrund. Hervorzuheben sind die Bezüge zum Werk von Ingeborg Bachmann. Ein Aspekt ist dabei die Frau als Opfer des Mannes, ein anderer die Macht der sozialen und politischen Strukturen über die weiblichen Figuren wie Erika. Diese lässt sich als Intensivierung des Ich in Malina oder der weiblichen Figuren in dem Erzählband Simultan verstehen: Die Frauen sind unglücklich, glauben aber häufig, ihr Schicksal selbst lenken zu können und durchschauen nicht, dass sie von der Gesellschaft an Erkenntnissen über die Ursachen ihres Leids gehindert werden.
Der erste große Skandal um Jelinek wurde nach der Uraufführung ihres Stückes Burgtheater (1982) am 11. November 1985 an den Bühnen der Stadt Bonn in der Inszenierung von Horst Zankl ausgelöst. Die „Posse mit Gesang“ setzt sich mit der mangelhaften NS-Vergangenheitsbewältigung in Österreich auseinander, mit der Vergangenheit der Schauspielerin Paula Wessely im Mittelpunkt. In der öffentlichen Wahrnehmung erschien der Text jedoch reduziert auf persönliche Anspielungen auf damalige prominente Mitläufer. Am 19. Mai 2025 brachte Milo Rau in seiner und seinem Ensemble Bearbeitung „nach Elfriede Jelinek“ erstmals Burgtheater im Wiener Burgtheater auf die Bühne (Spielzeiten 2024/25 und 2025/26).
1989 folgte Lust, das nächste aufsehenerregende und zugleich Jelineks meistverkauftes Werk. Jelineks Auseinandersetzung mit den patriarchalischen Machtverhältnissen auch im Bereich der Sexualität wurde im Vorfeld als „weiblicher Porno“ skandalisiert.
Jelinek setzte sich gemeinsam mit Erika Pluhar, Ernest Borneman und weiteren Intellektuellen für den wegen Mordes verurteilten „Häfenliteraten“ Jack Unterweger ein, der im Jahr 1990 entlassen wurde und – wieder in Freiheit – neun weitere Morde beging.
1991 trat Jelinek aus der KPÖ aus. Gleichzeitig stand sie in Verbindung mit der pluralistisch-marxistischen Wissenschaftszeitschrift Das Argument, die von Wolfgang Fritz Haug und anderen herausgegeben wird.
Da das Theaterstück Raststätte eine ähnliche Rezeption wie Lust erfuhr und nach persönlichen Angriffen auf die Autorin auf Wahlplakaten der Wiener FPÖ 1995 gab Jelinek ihren Rückzug aus der österreichischen Öffentlichkeit bekannt und erließ ein Aufführungsverbot ihrer Stücke für Österreich.
Comeback, Polarisierung und Nobelpreis