Egon Karl-Heinz Bahr (* 18. März 1922 in Treffurt; † 19. August 2015 in Berlin) war ein deutscher Politiker (SPD).
Er war von 1972 bis 1974 Bundesminister für besondere Aufgaben im Kabinett Brandt II und von 1974 bis 1976 Bundesminister für wirtschaftliche Zusammenarbeit im Kabinett Schmidt I. Er prägte die These „Wandel durch Annäherung“ und gilt als ein bedeutender Vordenker und führender Mitgestalter der von SPD-geführten Regierungen von 1969 bis 1982 (Kabinett Brandt I und II sowie Kabinett Schmidt I, II und III) betriebenen Ost- und Deutschlandpolitik.
Der Sohn eines aus Schlesien stammenden Studienrates und einer Bankangestellten verließ mit seiner Familie im Alter von sechs Jahren Treffurt und lebte bis zum 16. Lebensjahr in Torgau. 1933 wurde Hitler Reichskanzler und das NS-Regime ergriff die Macht in Deutschland (→ Machtergreifung). Die NS-Rassenideologie verbot Eheschließungen zwischen Juden und „Deutschblütigen“. Von seinem Vater und vielen anderen Bürgern in damals so genannten Mischehen wurde verlangt sich von der jüdischen Ehepartnerin zu trennen. Bahrs Mutter galt in der NS-Rassenideologie als sogenannte „Halbjüdin“, denn ihre Mutter war Jüdin. Bahrs Vater gab seinen Beruf auf und die Familie zog nach Berlin. Egon Bahr war musikalisch begabt und wollte Musiker werden. Wegen seiner jüdischen Großmutter durfte er im NS-Staat jedoch weder Musik studieren noch Flieger werden. Nach dem Abitur 1941 absolvierte Bahr notgedrungen eine Ausbildung zum Industriekaufmann bei Rheinmetall-Borsig in Berlin. Von 1942 bis 1944 nahm er als Soldat am Zweiten Weltkrieg teil, zuletzt als Fahnenjunker an der Luftkriegsschule 6 in Kitzingen. Er wurde nach Darstellung deutscher Medien wegen „Einschleichens in die Wehrmacht“ als „nichtarischer“ Rüstungsarbeiter zu Rheinmetall-Borsig zurückversetzt, denn er habe seine jüdische Großmutter verheimlicht. Egon Bahr widersprach dieser Darstellung.
Nach dem Krieg arbeitete er in der Viersektorenstadt Berlin als Journalist zunächst bei der sowjetisch kontrollierten Berliner Zeitung, ab 1946 im Westsektor bei der Allgemeinen Zeitung und später dem Tagesspiegel.
Von 1950 bis 1960 war er Chefkommentator und Leiter des Bonner Büros des RIAS. 1959 wurde er Presseattaché der Botschaft Deutschlands in Ghana.
Egon Bahr wurde 1956 Mitglied der SPD. Er war von 1960 bis 1966 Leiter des Presse- und Informationsamtes des Landes Berlin und als solcher Sprecher des vom Regierenden Bürgermeister Willy Brandt geführten Senats von Berlin. Auf Bahr geht das Motto sozialliberaler Ostpolitik „Wandel durch Annäherung“ und die „Politik der kleinen Schritte“ zurück. Bahr hatte als Vertreter für Willy Brandt diese Begriffe auf der Tagung der Evangelischen Akademie Tutzing geprägt und ihnen eine mit Willy Brandt nicht abgestimmte Auslegung gegeben (vgl. W. Brandt, Erinnerungen <1989> S. 74).
Am 1. Dezember 1966 kam das Kabinett Kiesinger ins Amt. Es war die erste Große Koalition in der alten Bundesrepublik und amtierte bis 1969. Brandt war Außenminister und Bahr war als Sonderbotschafter im Range eines Ministerialdirigenten Leiter des Politischen Planungsstabes im Auswärtigen Amt. Er bereitete dort die „neue Ostpolitik“ im Detail vor.
Nach der Bundestagswahl 1969 wurde Brandt Bundeskanzler. Er berief Bahr als Staatssekretär ins Bundeskanzleramt. Brandt sandte Bahr im Januar 1970 als Bevollmächtigten der Bundesregierung nach Moskau. Machthaber in der Sowjetunion war damals Breschnew. Am 22. Mai 1970 wurde das sogenannte Bahr-Papier durch Indiskretion öffentlich bekannt. Als Unterhändler in Moskau und beim SED-Regime in Ost-Berlin war Bahr maßgeblich am Moskauer Vertrag, am Warschauer Vertrag, am Transitabkommen und am Grundlagenvertrag beteiligt. Letztere wurden durch Bahr und den Chefunterhändler der DDR Michael Kohl unterzeichnet. Bahr selbst kommentierte den Vertrag mit den Worten, die „Nicht-Beziehungen zwischen den beiden deutschen Staaten“ würden nun durch „schlechte Beziehungen“ abgelöst.
Bahr ist bisweilen als „Architekt der Ostverträge“ bezeichnet worden. Er galt – im Hinblick auf die Entspannungspolitik – als einer der wichtigsten und einflussreichsten Berater Willy Brandts und als sein vielleicht engster Freund. Als Herbert Wehner, damals Vorsitzender der SPD-Bundestagsfraktion, in der Fraktionssitzung am 7. Mai 1974 anlässlich von Brandts Rücktritt ausrief: „Willy, du weißt, wir alle lieben dich“, schlug Bahr die Hände vors Gesicht und brach in Tränen aus, was gefilmt wurde. Wie er später sagte, empfand er Wehners Ausruf als unfassbaren Gipfel von Heuchelei, weil er der Auffassung war, dass Wehner den Sturz von Brandt seit langem betrieben und am Ende mit bewirkt hatte.
Bahr war von 1972 bis 1990 Mitglied des Deutschen Bundestages. Er zog 1976 und 1980 als direkt gewählter Abgeordneter des Wahlkreises Flensburg – Schleswig und sonst über die Landesliste Schleswig-Holstein. Mit dem Rücktritt von Willy Brandt als Bundeskanzler am 7. Mai 1974 endete automatisch auch Bahrs Amtsverhältnis als Bundesminister für besondere Aufgaben. Als Erhard Eppler das Amt des Bundesministers für wirtschaftliche Zusammenarbeit niederlegte, trat Bahr an seiner Stelle am 8. Juli 1974 erneut in die Bundesregierung ein.
Nach der Bundestagswahl 1976 schied er am 14. Dezember 1976 endgültig aus der Bundesregierung aus. Von 1976 bis Februar 1981 war er Bundesgeschäftsführer der SPD. Bis 1991 gehörte er auch dem Präsidium der SPD an.
Vor allem auf Betreiben von Bahr wurde 1977 der damalige Bundesvorsitzende der Jusos Klaus Uwe Benneter aus der SPD ausgeschlossen. Benneter hatte zuvor geäußert, die DKP sei ein potenzieller Bündnispartner der SPD, da es sich bei ihr nur um einen „politischen Gegner“ und nicht etwa, wie bei der CDU, um einen „Klassengegner“ handele. Benneter hatte auch den Status der Jungsozialisten als SPD-Nachwuchsorganisation in Frage gestellt.
Ab 1980 war Bahr im Bundestag Vorsitzender des Unterausschusses für Abrüstung und Rüstungskontrolle. Bahr kandidierte nicht mehr bei der Bundestagswahl 1990. Die Legislaturperiode endete am 20. Dezember 1990.
Laut der Historikerin Daniela Münkel fragte der geheime Verbindungsmann der DDR-Regierung Hermann von Berg Bahr in einer Unterredung am 21. März 1972, wie er sich zu der Möglichkeit von „Maßnahmen gegen die CDU/CSU“ durch die DDR-Staatssicherheit stelle, um Brandts Mehrheit bei den bevorstehenden Ratifizierungen der Ostverträge im Bundestag zu sichern. Nachdem er sich mit Brandt und Kanzleramtsminister Horst Ehmke beraten habe, habe Bahr bei einem weiteren Treffen am 24. März das nun auch um die Möglichkeit von Bestechung erweiterte Angebot zurückgewiesen. Bahr dementierte allerdings 2013, derartige Gespräche geführt zu haben. In einem Gespräch mit Michael Kohl am 25. April sagte Bahr, er habe das Angebot, vor dem bevorstehenden Misstrauensvotum Stimmen der Opposition zu kaufen, mit dem Hinweis abgelehnt, die Bundesregierung würde in diesem Falle „mit denselben Mitteln“ arbeiten wie die Opposition: „Was möglich wäre, würde versucht.“ (vgl. Steiner-Wienand-Affäre)
Bahr lebte in den 1970er Jahren in Sankt Augustin-Hangelar in einem Haus, das der Flick-Lobbyist und Stasi-Agent Adolf Kanter ihm vermietete. Das DDR-Ministerium für Staatssicherheit (Stasi) hatte dort zuvor Abhöranlagen installiert.
In den 1980er Jahren äußerte Bahr wiederholt die These, ein Friedensvertrag für Deutschland als Ganzes sei zur Fiktion geworden. Es könne „nur um zwei Friedensverträge für die beiden deutschen Staaten gehen“. Im September 1986 sicherte Bahr bei Gesprächen im Auftrag der SPD-Führung dem DDR-Staats- und Parteichef Erich Honecker zu, dass „bei der Regierungsübernahme durch die SPD“ nach der
Bundestagswahl 1987 „die Regierung der BRD voll die Staatsbürgerschaft der DDR respektieren wird“; dies solle „Teil einer offiziellen Regierungserklärung sein und würde […] von J. Rau […] bei der Bekanntgabe seines Regierungsprogramms eindeutig gesagt werden.“
In einer Rede auf dem „Münchner Podium in den Kammerspielen ’88“ : „Ich kenne die Formeln und habe sie selbst benutzt, von der Wiedervereinigung, die gebetsmühlenhaft wiederholt werden, als hätte sich in vierzig Jahren nichts Wesentliches verändert. Aber Gebetsmühlen können die Wirklichkeit nicht verändern.“ Es gebe dringendere Probleme – z. B. Hunger, Aids, Umweltzerstörung, Bevölkerungsexplosion, Rüstung –, und diese ließen sich nicht mit einer Lösung der deutschen Frage verbinden. Daher werde es zwei deutsche Staaten geben, während sich Abrüstungsprozesse vollzögen, eine Westeuropäische Union versucht und „das Europäische Haus“ entworfen werde. „Wer dabei die deutsche Frage aufwirft, stört Europa. Die Deutschen dürfen kein Störenfried mehr sein.“ Im Spätherbst 1988 bezeichnete er die Forderungen nach der deutschen Wiedervereinigung als „Sonntagsrederei, (…) Lüge, Heuchelei, die uns und andere vergiftet, politische Umweltverschmutzung“.