Edith Hahn, geborene Junghans (* 13. Dezember 1887 in Stettin; † 14. August 1968 in Göttingen) war eine deutsche Malerin, Zeichnerin und Kunsterzieherin. Sie studierte Kunst an der Königlichen Kunstschule zu Berlin und legte 1912 erfolgreich ihr Examen als Kunsterzieherin ab. 1913 wurde sie die Ehefrau des deutschen Chemieprofessors Otto Hahn, den sie 1911 in Stettin kennengelernt hatte. In der Zeit des Nationalsozialismus erwarb sie sich besondere humanitäre Verdienste durch ihr couragiertes Eingreifen und selbstloses Handeln. Gelegentlich in akuter Lebensgefahr, konnte sie wesentlich zur Rettung von Bedrängten und Verfolgten der Hitler-Diktatur beitragen.
Kindheit, Schulzeit und Studium (1887–1912)
Edith Junghans wurde am 13. Dezember 1887 in Stettin als einzige Tochter des angesehenen Rechtsanwalts und Notars Paul Carl Ferdinand Junghans (1859–1915) und dessen Frau Emma Henriette Caroline geb. Johanning (1862–1928) in Stettin geboren. Sie verlebte eine behütete und glückliche Kindheit und wurde zunächst von Privatlehrern unterrichtet, mit dem Augenmerk auf eine „französische Bildung“ und dem Erlernen von Fremdsprachen, insbesondere Französisch und Italienisch. Danach absolvierte sie die private, von Wilhelm Gesenius begründete Höhere Mädchenschule und erhielt bei ihrem Schulabschluss in allen Fächern die Note „sehr gut“, was ihr ein Studium an einer preußischen Hochschule gestattete. Der Vater, 1906 von Wilhelm II. zum königlichen Justizrat ernannt, kunstsinnig und schöngeistig gebildet, war auch politisch aktiv und ein führendes Mitglied der Nationalliberalen Partei in Pommern. Von 1907 bis zu seinem frühen Tod 1915 gehörte er als Stadtverordnetenvorsteher zu den Honoratioren von Stettin und trat in seiner Position insbesondere als großzügiger Förderer von Kunst und Wissenschaft in Erscheinung. Zu seinem Freundeskreis gehörten die Oberbürgermeister Hermann Haken und Friedrich Ackermann, der Archivar Gottfried von Bülow sowie der liberale Rabbiner Heinemann Vogelstein.
Schon als Kind fiel den Eltern, Lehrern und Freunden der Familie Ediths zeichnerisches Talent auf, die, nach anfänglichen Kritzeleien, ihre ersten ernstzunehmenden Bleistift- und Kohlezeichnungen bereits als Siebenjährige anfertigte. Mit sensibler Hingabe widmete sie sich in den Folgejahren der Aquarell- und Porträtmalerei, die bis zum Ende ihrer künstlerischen Tätigkeit ihre große Leidenschaft waren und ihre besonderen Fähigkeiten offenbarte.
Von 1907 bis 1912 studierte Edith Junghans an der Königlichen Kunstschule zu Berlin, mit dem Berufsziel, Zeichenlehrerin und Kunsterzieherin zu werden. Die Semesterferien nutzte sie, unterstützt von ihren Eltern, zu langen Kunst-Reisen nach Frankreich und vornehmlich Italien. Dort – in Santa Margherita Ligure an der Riviera – entstand 1909 ihr einziges Selbstporträt, eine Bleistiftzeichnung in ihrem Skizzenbuch, die sie in ihrem Zimmer im Grand Hotel Miramare anfertigte.
Im Juni 1911 lernte sie in Stettin den 32-jährigen Chemie-Professor Otto Hahn kennen, der an einer vom Verein Deutscher Chemiker organisierten Fachtagung teilnahm und den Hauptvortrag über Eigenschaften des Mesothoriums und Radiothoriums zu halten hatte. Monika Scholl-Latour, die Schwester von Peter Scholl-Latour, schreibt in ihrem Bericht:
Otto Hahn erinnert sich in seiner Autobiographie Mein Leben:
Zur Verlobung schenkte Edith ihrem Otto eine im September angefertigte Federzeichnung des Glambecksees nahe Stettin, in dem sie – einer Eintragung in ihrem Notizbuch zufolge – „oft mit Otto wild darin gebadet“ hat. Schwimmen, wie überhaupt alle Sportarten, die irgendetwas mit Wasser zu tun hatten, gehörten bereits seit Ediths Kindheit zu ihren großen Leidenschaften, und sie hatte keinerlei Hemmungen, auch bei eiskalten Temperaturen in Misdroy, wo die Eltern ein Sommerhaus besaßen, in der Ostsee zu schwimmen. Otto Hahn hat diese Entschlossenheit seiner Frau, die ja von zarter, schlanker und eleganter Statur war, immer bewundert. Er selbst konnte ihren Neigungen nicht folgen und war – ganz im Gegensatz zu Edith – engagierter und passionierter Bergsteiger und Skiläufer.
Otto Hahn schreibt in Mein Leben:
„1913, im Alter von 25 Jahren hörte Edith Junghans aus unerklärlichen Gründen mit dem Zeichnen und Aquarellieren auf. […] Zur Hochzeit schenkte Edith Junghans ihrem Mann das 1910 entstandene Aquarell Krug mit Buch. Dieses Bild – das ‚Genuß und Weisheit‘ symbolisiert – hat Otto Hahn auf allen Stationen seines Lebens begleitet“, resümiert die Kunsthistorikerin Brigitte Keller in ihrem Beitrag nach Eröffnung der „Edith-Junghans-Gedenkausstellung“ anlässlich des 100. Geburtstages im Dezember 1987 in München.
Die Hochzeitsreise, nach einem kurzen Aufenthalt im Berliner Hotel Adlon, führte das junge Paar zunächst nach Südtirol und Bozen. In einem Brief vom 28. März an ihre Mutter schreibt Edith:
Rückblickend schreibt Otto Hahn:
Nach der Rückkehr von ihrer Hochzeitsreise bezogen Edith und Otto Hahn ihre erste gemeinsame Wohnung in der Ladenbergstraße 5 in Berlin-Dahlem nahe dem Kaiser-Wilhelm-Institut für Chemie in der Thielallee. Die österreichische Physikerin Lise Meitner, Hahns Kollegin im KWI, schrieb während einer Arbeitspause eine Postkarte an Edith: „Wir trinken gerade sehr guten Kaffee und essen großartige Schlagsahne. Ich habe mich gefreut von Ihrem Mann zu hören, daß Sie eine so schöne Zeit verbracht haben.“ Mit Lise Meitner verband sie sehr bald eine herzliche, innige und lebenslange Freundschaft, die durch zahlreiche gegenseitige Einladungen und viele gemeinsame Unternehmungen – zum Beispiel Spaziergänge, Hausmusikabende, Opern- und Konzertbesuche – gepflegt wurde. Lise Meitner war auch Patin des 1922 geborenen einzigen Sohnes von Otto und Edith, Hanno, der später ein anerkannter Kunsthistoriker und Architekturforscher werden sollte. Otto Hahn erinnert sich:
In den 1920er Jahren, nachdem Otto Hahn 1924 zum Ordentlichen Mitglied der Preußischen Akademie der Wissenschaften und einige Zeit später zum Direktor des KWI für Chemie ernannt worden war, erfolgte der Umzug der Familie in die nahegelegene Altensteinstraße 48, wo Otto und Edith Hahn ein eigenes, von dem Architekten Hermann Dernburg konzipiertes Haus bezogen. Ein Wohnen in der eher pompösen, neben dem KWI errichteten und zum Institut gehörenden Direktorenvilla lehnten beide ab, da sie befürchteten, ihre Privatsphäre würde in Zukunft darunter leiden. Otto Hahn, als Direktor des KWI, gestattete seiner Kollegin Lise Meitner in den ersten Stock der Direktorenvilla zu ziehen, wo nach einigen Umbauten eine Acht-Zimmer-Wohnung entstand, in der sie bis zu ihrer Emigration im Juli 1938 in einem komfortablen Ambiente wohnen konnte.
Im neuen Haus in der Altensteinstraße 48 (heute am Otto-Hahn-Platz gelegen), in dem auch eine Haushälterin angestellt wurde, verlebten Edith und Otto, zusammen mit ihrem heranwachsenden Sohn Hanno eine glückliche Zeit. Sehr bald ergänzten auch mehrere Katzen und ein französischer Hirtenhund, ein Briard namens Tommy, das familiäre Idyll. Im großen Garten des Grundstücks wurde zusätzlich noch ein Gartenhaus errichtet, in das sich Otto Hahn gern zum Schreiben von wissenschaftlichen Texten zurückzog und um seiner Leidenschaft, dem Zigarrenrauchen, ungestört frönen zu können. Edith war eine entschiedene Gegnerin des Rauchens und konnte sich mit der Passion ihres Mannes nie anfreunden. Lediglich bei Abend-Einladungen und gesellschaftlichen Ereignissen, die ausschließlich im sogenannten Herrenzimmer des Anwesens stattfanden, ertrug sie, mehr oder weniger, diese „ungesunde Qualmerei“.
Erster Logiergast im Hause Hahn war Lord Ernest Rutherford, Hahns verehrter Lehrer während seiner Zeit an der McGill University in Montreal, mit dem er zeitlebens in inniger Freundschaft verbunden war. Rutherford kam Anfang Mai 1929 einige Tage nach Berlin, um vor der Deutschen Chemischen Gesellschaft Vorträge über Atomkerne und ihre Umwandlungen zu halten und wohnte in dieser Zeit in der Altensteinstraße. Am 5. Mai gaben Otto und Edith Hahn zu Ehren Rutherfords eine große Abendgesellschaft, zu der sie alle ihre Berliner Freunde eingeladen hatten. Wie man Ediths Gästebuch entnehmen kann, liest sich die Gästeliste wie ein Who is who der Wissenschaftsgeschichte des 20. Jahrhunderts: Ernest Rutherford, Max Bodenstein, Willy Marckwald, Heinrich Wieland, Albert Einstein, Max Planck, Otto von Baeyer, Peter Pringsheim, Hans Geiger, Lise Meitner, Friedrich Adolf Paneth, Max von Laue, Walther Bothe, Kasimir Fajans. Fünf Gäste waren bereits Nobelpreisträger, zwei weitere sollten später ebenfalls ausgezeichnet werden. Einer der engsten Freunde der Familie Hahn fehlte allerdings an diesem denkwürdigen Abend: Fritz Haber, der wegen einer Vortragsreise verhindert war. Nach seiner Rückkehr nach Cambridge schrieb Ernest Rutherford an Hahn: