Dorothea Lynde Dix (* 4. April 1802 in Hampden, Maine; † 18. Juli 1887 in Trenton) war eine US-amerikanische Wohltäterin. Sie stieß Reformen im Gesundheitswesen für psychisch Kranke an, zunächst in den USA, später in Europa. Auf ihr Betreiben wurden zwischen 1840 und 1860 zahlreiche Nervenheilanstalten gegründet. Während des Sezessionskrieges wurde ihr die Leitung über sämtliche Lazarettschwestern der Nordstaaten übertragen.
Die Tochter von Joseph Dix und Mary Bigelow wuchs zuerst mit ihren zwei jüngeren Geschwistern in Worcester auf. Ihr Vater war Wanderprediger und zog häufig mit seiner Familie umher. Dorothea floh im Alter von zwölf Jahren vor ihrer Familie, in der sie Misshandlungen und Alkoholismus erlebt hatte. Zuflucht fand sie bei ihrer wohlhabenden Großmutter in Boston. Sie wollte Lehrerin werden und unterrichtete schon als Vierzehnjährige in Schulen; im Alter von 19 Jahren gründete sie eine eigene kleine Schule, die von reichen Familien finanziert wurde. Sie erteilte auch armen und vernachlässigten Kindern Heimunterricht.
Von 1824 bis 1830 war sie gesundheitlich angeschlagen und beschäftigte sich vornehmlich mit dem Schreiben von Kinder- und Gebetsbüchern. 1831 eröffnete sie eine Modellschule für Mädchen und unterrichtete dort selbst bis 1836, als sie erneut erkrankte. Sie reiste 1836 nach England und traf in Liverpool auf die Familie Rathbone, in deren Villa sie über ein Jahr verbrachte. Die Rathbones waren einflussreiche Quäker, Politiker und Mäzene, die auf eine aktive Rolle des Staates im Gesundheitswesen drängten. In derselben Zeit erlebte sie auch eine Reformbewegung in den britischen Irrenanstalten, bei der dem britischen Unterhaus Untersuchungsberichte und methodische Studien vorgelegt worden waren.
Kampagne für die Einrichtung von Irrenanstalten
Nach ihrer Rückkehr nach Amerika 1840/1841 untersuchte auch Dix in Massachusetts die Unterbringung von psychisch Kranken aus der Unterschicht. Bis dahin waren Geisteskranke je nach Gefährlichkeit in Gefängnissen oder öffentlichen Armenhäusern untergebracht; Gefängniswärter verdienten sich gelegentlich sogar ein Zubrot durch Besichtigungstouren für Neugierige. Dix’ Studie enthüllte, dass Misshandlungen in den unterfinanzierten und nicht gesetzlich geregelten Anstalten an der Tagesordnung waren. Ihren Untersuchungsbericht legte Dix 1843 dem Staat vor:
Als Resultat ihrer Bemühungen wurde ein Gesetz zur Einrichtung einer staatlichen Nervenheilanstalt in Worcester verabschiedet. In den Folgejahren reiste Dix, ihrer anfälligen und längere Pausen erzwingenden Gesundheit zum Trotz, durch sämtliche Ostküstenstaaten der USA. Sie dokumentierte die Unterbringungsbedingungen von geistig Behinderten, präsentierte die Untersuchungsergebnisse den Gesetzgebern der Bundesstaaten und verwendete viel Energie darauf, mit Komitees neue Gesetze und Zulassungsverordnungen für Nervenheilanstalten zu erarbeiten. Psychisch kranke Menschen sollten nicht nur aufgenommen, sondern auch gepflegt und ärztlich versorgt werden. Sie besuchte und beschrieb in der Zeit von 1840 bis 1854 über 300 Gefängnisse und 500 Armenhäuser in den USA.
Auf ihr Betreiben begründet wurden unter anderem:
1843 das New York State Lunatic Asylum in Utica (New York)
1846/47 eine staatliche Nervenheilanstalt in Elgin (Illinois)
1848 das Trenton Psychiatric Hospital in Trenton (New Jersey)
1849 eine Anstalt (heute: Rex Hospital) in Raleigh (North Carolina)
1851 das Harrisburg State Hospital von Harrisburg (Pennsylvania, ab 1853 mit einer ihr gewidmeten Fachbibliothek und Museum)
1852 das St. Elizabeths Hospital in Boston, Massachusetts
1852 das Central State Hospital for the Insane (vorexistierend, aber nach ihrem Besuch 1847 neu gebaut) in Nashville (Tennessee)
1852 das Spring Grove State Hospital (vorexistierend, aber als Neubau umkonzipiert) in Baltimore (Maryland)
1853 das Sheppard Pratt Hospital in Towson (Maryland)
1853 das Bryce Hospital in Tuscaloosa (Alabama)
1858 das Nova Scotia Hospital in Dartmouth (Kanada)