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Dolchstoßlegende

Von der deutschen Obersten Heeresleitung initiierte Verschwörungsgeschichte

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Die Dolchstoßlegende [ˈdɔlçʃtoːsleˌɡɛndə] oder auch Dolchstoßlüge ist eine von der militärischen Führung (Oberste Heeresleitung, OHL) des Deutschen Reiches im Ersten Weltkrieg bewusst konstruierte Geschichtsfälschung in der Absicht, ihren Teil der Schuld an der deutschen Niederlage des Deutschen Reiches im Ersten Weltkrieg zu verleugnen. Der OHL gelang es so, diese Verantwortung auf zivile Politiker abzuwälzen, die in Wirklichkeit keinerlei Einfluss auf die Führung und den Ausgang des Krieges gehabt hatten.

Beschuldigt wurden vorrangig Sozialdemokraten, Sozialisten, Befürworter der Demokratie und Juden. Sie wurden in der NS-Sprache abwertend als „jüdische Bolschewisten“, „vaterlandslose Gesellen“ oder „Novemberverbrecher“ bezeichnet. Der Dolchstoßlegende zufolge wurde das Deutsche Heer im Ersten Weltkrieg nicht militärisch besiegt, weil bei Kriegsende kein Soldat der Entente auf deutsches Reichsgebiet vorstoßen konnte. Die neu ausgerufene Republik sowie der Waffenstillstand wurden demzufolge als „Hochverrat feiger Politiker“ am deutschen Heer dargestellt, das „im Felde unbesiegt“ geblieben sei.

Die Dolchstoßlegende gilt zeitgeschichtlich als die Rechtfertigungsideologie der militärischen Führung des Kaiserreichs zur Zeit des Ersten Weltkrieges, die sie davor schützen sollte, in der Zeit der Weimarer Republik zur Rechenschaft gezogen zu werden. Im Laufe der Zeit stieg sie zum zentralen Propagandainstrument monarchistischer, nationalistischer und völkischer Gruppen und Parteien wie der DNVP und der NSDAP auf, die gegen die Republik agitierten. Ihr Ziel war es auch, insbesondere die linken Parteien und die Juden zu bekämpfen und auszugrenzen sowie den Versailler Vertrag unter dem Kampfbegriff „Schanddiktat“ zu revidieren.

Die Metapher vom „Dolchstoß“ wurde nach Überzeugung des britischen Historikers Richard J. Evans erstmals am 2. November 1918 von dem bayerischen Politiker Ernst Müller-Meiningen (Freisinnige Volkspartei) gebraucht, der auf einer Volksversammlung warnte: „Wir müssten uns vor unseren Kindern und Kindeskindern schämen, wenn wir der Front in den Rücken fielen und ihr den Dolchstoß versetzten.“ Der spätere bayerische Ministerpräsident Kurt Eisner äußerte sich in derselben Veranstaltung in gleichem Tenor. Beide bezogen sich auf Anwürfe von nationalistischen Politikern und Militärs, die demokratischen Parteien würden mit ihren Bemühungen um einen Verständigungsfrieden, wie sie sich etwa in ihrer Friedensresolution vom 19. Juli 1917 zeigten, dem kämpfenden Heer „in den Rücken fallen“. Diesen Gedanken hatte erstmals Generaloberst Hans von Seeckt kurz nach Veröffentlichung der Resolution geäußert.

Die Journalisten Lars-Broder Keil und Sven Felix Kellerhoff halten Müller-Meiningens Zitat für unauthentisch, weil es nur in seinen Memoiren, nicht aber in den zeitgenössischen Presseberichten vorkommt. Sie glauben, die Ersterwähnung der Metapher sei ein Artikel der Neuen Zürcher Zeitung (NZZ) vom 17. Dezember 1918, in dem der britische General Sir Frederick Maurice mit den Worten zitiert wurde: „Was die deutsche Armee betrifft, so kann die allgemeine Ansicht in das Wort zusammengefasst werden: Sie wurde von der Zivilbevölkerung von hinten erdolcht.“ In Wahrheit aber hatte Maurice, im Krieg Angehöriger des britischen Generalstabs, in einem Artikel für die Londoner Daily News, auf den sich die Neue Zürcher Zeitung bezog, die tatsächlichen, rein militärischen Gründe der deutschen Niederlage unzweideutig benannt: das Scheitern der deutschen Frühjahrsoffensive von 1918 und den Zusammenbruch seiner Verbündeten Bulgarien und Österreich-Ungarn. Er widersprach daher der Interpretation seiner Aussage durch die NZZ ausdrücklich in seinem Buch The Last Four Months aus dem Jahr 1919: „Es steht außer Frage, dass die deutschen Armeen im Feld vollständig und entscheidend besiegt wurden.“ Im Juli 1922 stellte er noch einmal klar: „Ich habe niemals die Ansicht vertreten, dass der Ausgang des Krieges darauf zurückzuführen sei, dass das deutsche Volk der Armee einen Dolchstoß in den Rücken versetzt habe.“

Nach Einschätzung des Politikers Richard Witting war die Dolchstoßlegende zum Jahreswechsel 1918/1919 schon allgemein in der deutschen Bevölkerung verbreitet. Unter dem Pseudonym Georg Metzler schrieb er am 9. Januar 1919 in der Zeitschrift Die Weltbühne:

Trotz aller Dementis war der von der NZZ geprägte Begriff in der Welt und wurde von deutschen Rechtsextremisten und Republikfeinden aufgegriffen. Als einer der ersten warf ihn Ende Oktober 1919 Albrecht von Graefe, ein erklärter Antisemit und Abgeordneter der Deutschnationalen in der Weimarer Nationalversammlung, in die politische Debatte. Allgemein bekannt und in rechtsextremen Kreisen populär wurde die Metapher vom „Dolchstoß“ aber erst, als Paul von Hindenburg sie sich zu eigen machte. Vor dem von der Nationalversammlung eingerichteten „Untersuchungsausschuss für die Schuldfragen des Weltkrieges“ sagte er am 18. November 1919: Ein englischer General sagte mit Recht: ‚Die deutsche Armee ist von hinten erdolcht worden‘.

Auch Erich Ludendorff, Hindenburgs Stellvertreter, behauptete vor dem Ausschuss, ein britischer General habe zuerst von einem Dolchstoß gesprochen. In seinen Erinnerungen gibt er ein angebliches Tischgespräch mit General Neill Malcolm im Juli 1919 wieder, bei dem er ihm die Gründe der deutschen Niederlage erläutert habe, worauf Malcolm zurückgefragt habe: “You mean that you were stabbed in the back?” („Wollen Sie mir erzählen, General, dass Sie einen Dolchstoß in den Rücken bekommen haben?“) – Wie zuvor Maurice, so bestritt auch Malcolm energisch die Verwendung des Ausdrucks.

Das Sprachbild verwies auf den Mord an Siegfried im Nibelungenlied. Hindenburg bestätigte diese Assoziation 1920 in seinen Memoiren:

Dabei hatte er an anderer Stelle des Buches festgestellt:

Diejenigen, die sich gegen den Verschwörungsmythos wandten, sprachen bereits unmittelbar nach seinem Entstehen Anfang der 1920er Jahre von der „Dolchstoßlegende“.

Im Berliner Tageblatt veröffentlichte der frühere Chef des Kriegspresseamts, Pressechef in der Reichskanzlei und Leiter der Nachrichtenabteilung im Auswärtigen Amt, Oberstleutnant Erhard Deutelmoser, am 4. Oktober 1921 einen Namensbeitrag „Das Sprengmittel“. Er argumentierte, die Behauptung – er nannte sie wörtlich „Dolchstoßlegende“ – sei noch vor Kriegsende im Ausland entstanden und genutzt worden, um innenpolitische Konflikte auszunutzen. Sie sei „grundsätzlich angesehen, offenkundiger Unsinn“, aber sehr wirksam, weil sie nicht klar zu durchschauen sei. Der Propaganda-Experte Deutelmoser erörterte in seinem differenzierten Beitrag die Gründe, warum die Legende so viel Zwietracht säen konnte.

Als einer der wenigen deutschen Konservativen trat der Militärhistoriker Hans Delbrück den Darstellungen Hindenburgs und Ludendorffs entgegen. In seinem 1922 erschienenen Text Ludendorffs Selbstporträt zitierte er eine Äußerung des Offiziers Erhard Deutelmoser im Berliner Tageblatt:

In Ludendorffs Behauptung, die deutschen Soldaten hätten sich von sozialistischen Agitatoren zum Aufgeben verleiten lassen, sah Delbrück eine Beleidigung der Truppe.

Erich Kuttner von der SPD-Parteizeitung Vorwärts schrieb 1924: „Nichts ist charakteristischer für die Dolchstoßlegende als die Tatsache, dass selbst ihre äußere Fassung auf einer Fälschung beruht. Tatsächlich war das Wort des Generals Maurice von A bis Z erfunden.“

Es lassen sich drei Ausprägungen der Dolchstoßlegende unterscheiden, die einander teilweise widersprechen:

Eine weite Fassung erklärt die Niederlage durch einen Zusammenbruch der Heimatfront, also durch wirtschaftliche und soziale Verwerfungen im Deutschen Reich, die die Rüstungsproduktion behindert, die allgemeine Moral untergraben und die kämpfenden Truppen so geschwächt hätten.

Die engere Fassung der Dolchstoßlegende wurde von Militaristen und Nationalisten während der Weimarer Republik vertreten: Sie unterstellten der Linken, durch Streiks, Unruhen und schließlich durch die Novemberrevolution absichtlich die Kriegsanstrengungen untergraben zu haben, um das kaiserliche Regime zu stürzen und einen sozialistischen Staat zu errichten.

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