An diesem Tag

Die Bürger von Calais

Skulpturengruppen mit Ursprungsfassung und 11 Orginalabgüssen und Nachbildungen auch einzelner Statuen von Auguste Rodin

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Die Bürger von Calais sind ein künstlerisches Motiv, das den mittelalterlichen Chroniques de France, d’Angleterre, d’Ecosse, de Bretagne, de Gascogne, de Flandre et lieux circonvoisins („Chroniken Frankreichs, Englands, Schottlands, der Bretagne, der Gascogne, Flanderns und der benachbarten Örtlichkeiten“) des Jean Froissart entstammt. Es wurde ab der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts (Aufklärung) bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts (Expressionismus) verschiedentlich aufgegriffen. Dies erfolgte erstmals im Drama Le siège de Calais (Die Belagerung von Calais) von Pierre-Laurent Buirette de Belloy aus dem Jahr 1765. In der Folge beschäftigten sich besonders französische und englische Künstler aufgrund des wachsenden Interesses an nationaler Geschichte mit den Bürgern von Calais. Die bekanntesten und kunsthistorisch sehr bedeutsamen Werke dieses Titels sind die Plastik von Auguste Rodin (1889), das Drama von Georg Kaiser (1914) und die Oper von Rudolf Wagner-Régeny (1939, mit Libretto von Caspar Neher).

Im Juni 1346, während des Hundertjährigen Kriegs, fiel der englische König Eduard III. in Frankreich ein und erreichte Anfang September Calais, das er während der elf folgenden Monate belagern ließ. Ein Entsatzangriff des französischen Königs Philipp VI. scheiterte im August 1347, sodass die Lage der Stadt aussichtslos wurde. Calais drohte bei einer bedingungslosen Kapitulation die Plünderung und Zerstörung. Um dies zu verhindern, stellten sich gemäß der Chronik des Jean Froissart sechs der angesehensten Stadtbürger (Eustache de Saint Pierre als erster, dann Jean d’Aire, Jacques und Pierre de Wissant, Jean de Fiennes und Andrieu d’Andres) freiwillig als Geiseln zur Verfügung. Sie sollen am 4. August 1347 barfuß, nur mit einem Hemd bekleidet und einen Strick um den Hals, vor den englischen König getreten sein; dieser habe beabsichtigt, sie zur Vergeltung für die Verluste seiner Belagerungstruppe hinrichten zu lassen. Nur die flehentliche Bitte der ebenfalls anwesenden englischen Königin Philippa von Hennegau soll die sechs Männer gerettet haben. Dabei handelte es sich um ein gängiges Kapitulationsritual, das sich ähnlich auch in anderen Fällen findet. Die Absicht, die sechs Bürger wirklich umzubringen, hatte König Eduard zu keiner Zeit.

1884 beschloss die Stadt Calais, ein Monument zu Ehren von Eustache de Saint Pierre und seiner Gefährten errichten zu lassen, und beauftragte 1885 Auguste Rodin nach Vorlage eines ersten Tonmodells mit der Ausführung einer Bronzeplastik. Ein weiterer Entwurf wurde noch im selben Jahr ausgeführt. Obwohl die Vorlage für den Guss 1889 bereitstand, konnte dieser wegen künstlerischer Differenzen und finanzieller Schwierigkeiten erst 1895 ausgeführt werden. Meinungsverschiedenheiten ergaben sich vor allem über die Frage des Standortes (nicht der Art des Sockels, wie aufgrund falsch interpretierter Aussagen Rodins seit Beginn des 20. Jahrhunderts vielfach angenommen wird). Seine ursprüngliche Idee war eine betrachternahe Aufstellung auf einem niedrigen, aber eindrucksvollen Sockel. Als ebenbürtige Alternative schlug der Künstler unter Voraussetzung einer hinreichenden Freistellung des Denkmals einen 1,80 m hohen Sockel vor, womit er seitens des Komitees auf Akzeptanz stieß. Es muss darauf hingewiesen werden, dass Rodin nie eine ebenerdige Aufstellung im Sinn hatte, wie es häufig in der älteren Literatur propagiert wurde. Das Denkmal wurde schließlich auf einem gotisierenden Steinsockel mittlerer Höhe montiert, gegenüber dem Jardin du Front Sud aufgestellt und am 3. Juni 1895 feierlich enthüllt. Erst nach dem Tode des Künstlers, im Jahr 1924, kam man der von Rodin angedachten niedrigen Aufstellung nach und entfernte den Sockel. Während des Zweiten Weltkrieges wurde das Denkmal zum Schutz eingelagert und steht seit 1945 an seinem heutigen Platz vor dem Rathaus.

Le Monument aux Bourgeois de Calais (Das Denkmal für die Bürger von Calais) gilt als eines der wichtigsten Werke Rodins und der impressionistischen Plastik. In seinen kunstkritischen Schriften beschäftigte sich Rainer Maria Rilke eingehend mit ihr. Gleichzeitig ist sie ein Wendepunkt zugunsten der Demokratisierung des Denkmals, indem Rodin mittels einer Gruppe von sechs Individualplastiken auf Hauptfigur und -ansicht verzichtete, wie es auch seine Absicht war, das Denkmal wortwörtlich „vom Sockel zu holen“. Zur Aufhebung der Hierarchie zwischen Werk und Betrachter trug schließlich auch die Gestik und Mimik der Figuren bei, die anstelle eines vorbildhaften heroischen Gebarens vielmehr innere Bewegung und verzweifelte Stimmung ausdrückten. Rodin betont Hände und Füße, die gemeinhin Handlung symbolisieren, indem er sie vergrößert. Damit verleiht er dem Werk expressionistische Züge. Dies wird durch die zerlumpte Kleidung, welche die angespannten Muskeln durchscheinen lässt, zusätzlich betont. Alles scheint sich um die innere Anspannung der tragischen Helden zu drehen. Der Betrachter selbst wird zum Teil der Szene, wenn er sich, um das gesamte Werk zu erfassen, um die Skulptur bewegen muss. Rodins Werk löste einen Skandal aus.

Als mögliche formale Vorbilder kommen die nahezu lebensgroßen und in weiten Teilen Westeuropas verbreiteten spätmittelalterlichen bis barocken – ebenerdig aufgestellten – Figurengruppen der Grablegung Christi in Frage, bei denen ein Herantreten und Mitempfinden des Betrachters möglich und von kirchlicher Seite auch gewünscht war.

Die Plastik ist aus Bronze gegossen; sie ist 2,35 Meter breit, 2,19 Meter hoch und 1,78 Meter tief und existiert in insgesamt zwölf Ausführungen. Als Guss ist das Werk kein Einzelstück, und Rodin ließ zu seinen Lebzeiten vier Exemplare herstellen. Der zwölfte Guss von 1995 ist aufgrund eines amtlichen Beschlusses aber der definitiv letzte.

Die Standorte der Bürger von Calais im Originalguss

Calais, place de l’hôtel de ville, 1895

Kopenhagen, Ny Carlsberg Glyptotek, 1903

Morlanwelz (Belgien), Musée royal de Mariemont, 1905

London, Parlamentsgarten, Guss 1908, Aufstellung 1915

Philadelphia, Rodin Museum, Guss zwischen 1919 und 1922, Aufstellung 1925

Basel, Kunstmuseum, Guss 1943, Aufstellung 1948

Washington, Hirshhorn Museum and Sculpture Garden, Guss 1943, Aufstellung 1953

Paris, Musée Rodin, Guss 1926, Übereignung ans Museum 1955

Tokio, Nationalmuseum für westliche Kunst, Guss 1953, Aufstellung 1959

Pasadena, Norton Simon Museum, 1967

New York, Metropolitan Museum of Art, Guss 1985, Aufstellung 1989

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