Charles Dean O’Banion (* 8. Juli 1892, in Maroa, Illinois; † 10. November 1924 in Chicago) war ein US-amerikanischer Mobster und als Anführer der North Side Gang Rivale von Al Capone.
Dean O’Banion war der Sohn von Charles, einem irisch-katholischen Farmer und Friseur. Obwohl er in der Kleinstadt Maroa geboren wurde und dort aufwuchs, gab sein Vater Charles später bei der Untersuchung nach seinem Tod die Stadt Aurora als Geburtsort an, wodurch es auch zu dem Eintrag auf der Sterbeurkunde kam. 1901 starb seine Mutter Emma an Tuberkulose und sein Vater entschloss sich dazu, mit seinen beiden Söhnen Dean und Floyd nach Chicago zu ziehen, wo Verwandte lebten. Sie zogen in das Viertel Kilgubbin in der Chicagoer North Side (auf Goose Island), welches mittlerweile den Spitznamen Little Hell bekommen hatte.
Bereits während seiner Schulzeit begann Dean O’Banion als Zeitungsjunge zu arbeiten und schloss sich bald den Little Hellions an, einer Jugendbande, welche in engem Kontakt mit den Market Streeters stand. Zu dieser Zeit war es üblich, dass Banden eine Art Jugendabteilung unterhielten, deren Mitglieder untergeordnete Aufgaben erledigten, u. a. die Schuld für Verbrechen auf sich nahmen. Die Mitglieder, die sich dabei als geeignet erwiesen, wurden dann später in die Erwachsenen-Gang übernommen.
Vermutlich im Frühjahr 1907 erlitt Dean O’Banion einen Unfall, der ihn zeit seines Lebens beeinträchtigte. Laut eigener Aussage geschah es bei einer zu dieser Zeit üblichen Mutproben, bei der sich Jugendliche auf eine fahrende Straßenbahn warfen und versuchten, sich so lange wie möglich daran festzuhalten. O’Banion verlor jedoch den Halt, stürzte auf die Straße und die zurücksetzende Straßenbahn überfuhr sein linkes Bein, welches nach der notwendigen Operation einige Zentimeter kürzer als sein anderes Bein blieb.
Einstieg in das kriminelle Leben
Im selben Jahr, also 1907, verließ O’Banion die Schule und begann nur ein Jahr darauf als singender Kellner in McGovern’s Saloon and Cabaret zu arbeiten. Er blieb weiter bei den Little Hellions aktiv und wurde zu einem Jackroller – jemand, der Betrunkene ausraubt. Nebenbei lernte er während seiner Zeit bei McGoverns Jimmy „Hot Stove“ Quinn und Eugene Geary kennen, die ihn weiter in die Welt des Verbrechens einführten. Seinen ersten Aufenthalt in der Besserungsanstalt Bridewell hatte er 1909, nachdem er bei einem Einbruch erwischt worden war. 1911 wurde er erneut verurteilt, nachdem er mit einer Waffe aufgegriffen worden war.
Nach seinem zweiten Haftaufenthalt begann O’Banion wieder bei McGoverns zu arbeiten. In dieser Bar lernte er auch Charles „The Ox“ Reiser kennen, einen der besten Safeknacker seiner Zeit. Dieser erkannte das Potential in O’Banion und wurde sein Mentor; spätestens ab 1917 wurde auch O’Banion Safeknacker in der Bande von Reiser. Weitere Mitglieder in dieser Bande sollten später von enormer Bedeutung für O’Banion sein; darunter George „Bugs“ Moran und Hymie Weiss, mit dem sich O’Banion schnell anfreundete. Nur kurz darauf im Jahr 1918 stieß Lodovico di Ambrosio alias Vincent „The Schemer“ Drucci dazu.
Des Weiteren war O’Banion auch für den Chicago Examiner (sowie zuvor den American) tätig, welcher William Randolph Hearst gehörte. Hearst befand sich bereits seit 1910 in einem „Zeitungskrieg“ mit dem Chicago Tribune von Medill McCormick.
Beide Seiten versuchten dabei den Vertrieb ihrer eigenen Zeitung sicherzustellen und gleichzeitig den Verkauf der Konkurrenz – mit Gewalt – zu unterbinden, was in den Jahren zu einigen Todesopfern führte. Diese Gewalt wurde selbst gegen Passanten angewendet, falls diese die gegnerische Zeitung kaufen wollten.
Anfänglich hatte O’Banion eigentlich für den Tribune gearbeitet – er hatte aufgrund seiner Behinderung Musterung und Rekrutierung in die US-Armee umgehen können – wechselte aber bald die Seite, da viele seiner schlagkräftigen Freunde bereits für Hearst unterwegs waren.
Die Auseinandersetzung ebbte erst allmählich mit dem Beginn der Alkoholprohibition ab, der den Schlägergehilfen der Zeitungen lukrativere Einkommensmöglichkeiten boten. Auch Dean O’Banion nutzte schnell diese neuen Möglichkeiten.
Mit Beginn der Alkoholprohibition 1919 begann O’Banion zunächst mit Überfällen auf Lastwagen mit Alkoholladungen. Bei seinem ersten Einsatz erbeutete er eine Ladung bestehend aus Grommes and Ulrich Whiskey, welche O’Banion zu seinem jüdischen Freund Nails Morton brachte. Morton wurde später zu einem engen Berater O’Banions und unterstützte diesen bei seinen Ambitionen, eine große Nummer im Alkoholschmuggel zu werden. Über Mortons Kontakte in verschiedene andere Hafenstädte gelang es O’Banion, Transportwege nach Kanada zu organisieren, die ihm den illegalen Alkohol ins Land brachten.
Als O’Banion und Morton ihre Ressourcen vereinten, folgten viele Mitglieder der Reiser-Gang O’Banion, was somit die Geburtsstunde der North Side Gang darstellte. Die neue Gruppe war stark genug, den nördlichen Teil Chicagos zu kontrollieren. Morton riet O’Banion außerdem, eigene Brauereien und Destillerien zu erwerben und sie von Strohmännern betreiben zu lassen. Offiziell stellten diese Firmen Bier mit 0,5 % Alkoholgehalt her, welches weiterhin unter dem Volstead-Gesetz erlaubt war.
Johnny Torrio trat 1920, kurz nach dem Mord an Jim Colosimo, mit einem Plan an O’Banion heran, der vorsah, Chicago unter den verschiedenen Gruppierungen aufzuteilen. In Form eines inoffiziellen Kartells sollte der Alkoholschmuggel organisiert werden, wobei O’Banion seine „North Side“ organisierte und Torrio und seine Verbündeten den Süden Chicagos.
Jede Seite sollte in ihrem Gebiet autonom in ihren Entscheidungen bleiben, über welche Bezugsquellen von Bier und anderen Spirituosen die eigenen Kunden beliefert würden, das Territorium der anderen Seite sollte dabei respektiert, Vergehen dagegen bestraft werden. O’Banion, der den Nutzen in dieser Abmachung erkannte, stimmte dem Plan Torrios zu.
Allerdings beschränkte sich die Nordseite nicht auf dieses neue Geschäftsfeld. Am 1. Juni 1921 wurde Dean O’Banion zusammen mit Hymie Weiss, George Moran und Charles Reiser durch den Polizisten John J. Ryan auf frischer Tat ertappt, als sie gerade einen Safe mit Hilfe von Dynamit öffnen wollten. Nach der Zahlung der Kaution wurde die Gruppe wieder auf freien Fuß gesetzt und konnte wenig später vor Gericht einen Freispruch erzielen. Dieser Freispruch wurde ausgelassen in einer Bar gefeiert und die angetrunkenen Gäste spielten Stunden später mit ihren Waffen die Schlacht von Bunker Hill nach. Die herbeigerufene Polizei fand jedoch keine Beteiligten mehr auf.
Dieses – aus seiner Sicht – undisziplinierte Verhalten in der Öffentlichkeit säte die ersten Zweifel in Johnny Torrio, der derartige Rücksichtslosigkeiten aus seiner Heimatstadt New York City nicht gewohnt war.
Erste Schwierigkeiten für O’Banion