David John Lodge (* 28. Januar 1935 in Dulwich, London; † 1. Januar 2025 in Birmingham) war ein britischer Schriftsteller und Literaturwissenschaftler. Er gilt als Meister des Universitätsromans (campus novel), machte sich aber auch durch humoristische und satirische Werke über andere Sujets sowie durch literaturwissenschaftliche Sachbücher einen Namen.
Lodges Vater William war Musiker und spielte unter anderem in Nachtklubs, so dem berüchtigten 43 Club in der 43 Gerrard Street in Soho. Seine Mutter Rosalie Murphy war eine irische Katholikin, und Lodge, ihr einziges Kind, wurde im katholischen Glauben erzogen. Da er als Kind aus einer Mischehe nie Messdiener war, war ihm der katholische Ritus nicht gut vertraut. Lodge wuchs in einem neugebauten Doppelhaus in 81 Millmark Grove in Brockley, an der Grenze zu New Cross, einem Süd-Londoner Vorort auf, der weitgehend im 19. Jahrhundert entstanden war. In seinen „Memories of a Catholic Childhood“ beschreibt er Brockley als heruntergekommen, mit Einwohnern, die meist aus der unteren Mittelklasse stammten oder Arbeiter waren. Lodge beschreibt seinen Hintergrund als vorstädtische untere Mittelklasse. In den Kriegsjahren lebte Lodge im Zuge der Kinderlandverschickung mit seiner Mutter teilweise in Surrey und Cornwall, während sein Vater Musiker bei der Luftwaffe war. Er erlebte jedoch 1940 die Bombardierung der Docks durch die deutsche Luftwaffe. Ab 1945 besuchte die katholische St. Joseph’s Academy in Blackheath, der Religionsunterricht war wenig informativ, aber seine Lehrer machten ihn mit modernen Autoren wie James Joyce und Graham Greene bekannt. Lodge studierte Englische Literatur am University College London, wo er 1955 mit Auszeichnung abschloss. Danach leistete er zwei Jahre lang Wehrdienst im Royal Armoured Corps, was ihm jedoch wenig Freude bereitete. 1957–1959 machte er am UCl seinen MA, das Thema seiner Magisterarbeit war „The Catholic Novel in England from the Oxford Movement to the Present“. Danach arbeitete er für das British Council in London, wo er Englisch für Ausländer lehrte. Lodge war von 1960 bis 1987 Universitätsdozent für Englisch an der Universität Birmingham, zunächst mit einem Zeitvertrag. Er wurde für eine Arbeit über „The Language of Fiction“ 1966 promoviert. Eine Harkness fellowship des Commonwealth Fund erlaubte ihm 1964-1965 den Besuch der USA. 1969 lehrte er im Rahmen eines akademischen Austauschprogramms als visiting associate professor an der University of California in Berkeley. 1971 wurde er Senior Lecturer in Birmingham, 1976 wurde er hier zum Professor für Moderne Literatur ernannt. Ein Stellenangebot aus Cambridge schlug er aus. Nach seiner vorzeitigen Emeritierung lebte er als freier Schriftsteller in Edgbaston. Die zunehmend schlechtere Ausstattung der Universitäten unter Thatcher, die in dem Roman Nice Work thematisiert wurden, waren einer der Gründe, der Uni den Rücken zu kehren. Er beschreibt die Universität nun als eine Einrichtung, die zunehmend heftigeren Angriffen ausgesetzt war. Der Druck, zu publizieren, nahm ständig zu. Er sah auch die Entwicklung der Literaturkritik kritisch. Es gehe nicht mehr um neue Einsichten, sondern darum, zu zeigen, dass man bereits bekannte Tatsachen in zunehmend obscure Meta-Sprache übersetzen konnte. Nach seiner Emeritierung beschäftigte er sich daher nicht mehr mit Literaturtheorie.
Lodge heiratete 1959 nach langer Verlobungszeit seine Studentenliebe Mary Jacob. Das Paar hatte, wegen des Verhütungsverbotes der katholischen Kirche rasch drei Kinder. Ihr Sohn Christopher leidet an Down-Syndrom, was auch in Lodges Werk Niederschlag fand (How Far can you go?, Dennis und Angela). 2015 erklärte er auf dem Literaturfestival (Hay Festival of Literature & Arts) in Hay-on-Wye, dass er nun nur noch Sachbücher schreibe, weil ihm die Ideen für Romane ausgegangen seien. Seine Frau Mary Lodge verstarb im Januar 2022.
Auch wenn sich Lodge nicht als katholischen Schriftsteller empfand, hatten auch weitere seiner Werke die Situation von Katholiken in England nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil und besonders der siebten Enzyklika von Papst Paul VI. „Humanae Vitae“ zum Thema. Lodge betonte jedoch, dass dies auch dadurch bedingt sei, dass er beim Schreiben auf seinen eigenen Erfahrungsschatz zurückgreife. Lodge bezeichnete sich als „agnostischen Katholiken“ (2008 als "eine sehr randliche Art von Katholik"), nahm aber nach 1992 nicht mehr am Gottesdienst teil. J. Russell Perkin stellt Lodge in die Tradition britischer katholischer Autoren wie Evelyn Waugh, Graham Greene und Muriel Spark. Terry Eagleton sieht Lodge dagegen als einen völlig säkularen Autor, der das katholische Milieu lediglich als Lokalkolorit für gesellschaftsbezogene Aussagen und Satire verwendet. Seinem Werk gehe jedwede spirituelle Leidenschaft ab. Das katholischste Element in seinem Œuvre sei der ständige Konflikt zwischen Doktrin und Erfahrung, übersetzt als die gespannte Begebnung zwischen Literaturtheorie und liberalem Humanismus.
Lodges erster Roman, The Picturegoers, erschien 1960 und spielt in dem fiktiven Brickley, einem Londoner Vorort, der an Brockley angelehnt ist. Lodge hatte den Roman während seines Wehrdiensts geschrieben. Bereits hier behandelt er die sexuellen Probleme von englischen Katholiken. Lodge gab 1984 in einem Interview zu, dass er in diesem Roman versucht habe, Graham Greene nachzuahmen. Der Roman ließe sich auch als „Vorstadt-Roman“ klassifizieren, eine Gattung, die wenig später durch Hanif Kureishi populär wurde, wenn seine Werke auch in einem völlig anderen sozialen Milieu angesiedelt sind.
Auch in dem Roman How far can you go wird Greene referenziert. In How Far Can You Go? geht es im doppelten Sinn darum, wie weit man gehen kann: in der körperlichen Annäherung an eine Person des anderen Geschlechts vor der Ehe, gleichgeschlechtliche Partnerschaften (Miles), in der Selbstbefriedigung (Michael), aber auch bei der Infragestellung von religiösen Sicherheiten. Das Buch erzählt die Geschichte von zehn katholischen Absolventen von UCL über 25 Jahre, seit einer Messe am Valentinstag im Jahre 1959 in der Kirche Our Lady and St. Jude, letzterer nicht umsonst der Schutzheilige hoffnungsloser Fälle. Der Grundtenor des katholischen Glaubens wird als Furcht beschrieben. Insgesamt bescheinigt ihm Lenoski jedoch eine positive Einstellung zum Katholizismus. Eagleton dagegen bemängelt, dass Lodge in dem Roman Sexualität und Moral verwechsle.
The British Museum is Falling Down (1965), sein dritter Roman, erzählt einen Tag im Leben eines jungen katholischen Ehepaares, Adam Appleby und seiner Frau Barbara das, vermutlich 1963 oder 1964, wegen des Verhütungsverbotes der katholischen Kirche in dauernder Angst vor einer weiteren Schwangerschaft lebt. Im Verbot der Empfängnisverhütung durch die Bulle Humanae Vitae sieht Lodge einen Hauptfaktor, der Menschen zu der Abkehr von der katholischen Kirche bewegten. Das Buch enthält Parodien auf bekannte Schriftsteller wie James Joyce, Joseph Conrad oder Ernest Hemingway, ein gutes Beispiel für Lodges’ Intertextualität. Das Abschlusskapitel ist eine Parodie auf den Schlussmonolog von Molly Bloom im Roman Ulysses von Joyce. Joyce war der Autor, der, zusammen mit Greene und Waugh, Lodges frühes Werk am meisten beeinflusste.
Paradise News beschreibt den Besuch des ehemaligen katholischen Priesters Bernard Walshe, der vom Glauben abgefallen ist, aber nichtsdestotrotz an einer ökumenischen Universität lehrt, weil er sonst nichts gelernt hat, bei seiner sterbenden Tante Ursula in Honolulu. Er enthält eine augenzwinkernde Zivilisationskritik (am Beispiel des Lebens auf Hawaii) und eine Auseinandersetzung mit der modernen Theologie. Das titelgebende Paradies ist schäbig geworden, und der Name wird vor allem als Name von Geschäften verwendet.
Lenoski ordnet auch Therapy unter die katholischen Romane Lodges ein, Maureen nehme hier die Rolle der Jungfrau Maria ein und führe den Ich-Erzähler zur Erlösung.
Ginger, You’re Barmy beruht auf Lodges unerfreulichen Erfahrungen in der britischen Armee, besonders bei der Grundausbildung in Bovington Camp in Dorset und anschließend in Catterick, North Yorkshire.