An diesem Tag

David Harvey (Geograph)

US-amerikanisch-britischer Humangeograph und Sozialtheoretiker

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David W. Harvey (* 31. Oktober 1935 in Gillingham, Kent) ist ein US-amerikanisch-britischer Humangeograph und Sozialtheoretiker. 1973 wurde er durch sein Werk Social Justice and the City zu einem führenden Verfechter neomarxistischer Ideen in der Geographie. Etwa seit Anfang/Mitte der 1980er-Jahre ist er der meistzitierte Geograph der Welt. Harvey kritisiert neoimperialistische Entwicklungen, die er als „Akkumulation durch Enteignung“ bezeichnet.

Die geographischen Forschungen Harveys bestanden zu Beginn seines Wirkens in regionalhistorischen Untersuchungen. Bald darauf wandte er seine Interessen in Richtung der Methodik und Philosophie der Geographie. Spätestens seit 1969 ist der Name Harveys verbunden mit der geographischen Analyse sozialer Gerechtigkeit und der Natur des kapitalistischen Systems. Seine akademische Karriere führte Harvey in dieser Zeit von Cambridge über Bristol nach Baltimore (USA). Trotz zahlreicher Engagements in Oxford oder an der London School of Economics und der City University of New York kann Baltimore als neue Heimat des Wissenschaftlers gelten. Immer wieder ist es auch diese früher so von der Stahlindustrie und Metallverarbeitung geprägte Ostküstenstadt, die Harvey in seinen zahlreichen Publikationen als Beispiel zur Illustrierung seiner Thesen zur Entwicklung urbaner Räume und zum wirtschaftlichen Strukturwandel anführt. Harvey selbst sieht den Großteil seiner Arbeit „dem Versuch gewidmet, den Prozess zu verstehen, wie Kapital zu einem bestimmten Zeitpunkt eine geographische Landschaft nach seinem eigenen Bild formt, nur um sie später wieder zerstören zu müssen, um in ihr die ihm eigene Dynamik endloser Kapitalakkumulierung, starken technologischen Wandels und heftiger Klassenkämpfe unterbringen zu können.“

Die Analyse nach der Methodik Karl Marx’ ist Harvey bei seinen Untersuchungen stets der entscheidende Wegweiser geblieben. Als Begründung hierfür wird nicht etwa auf eine der Marxschen Theorie von vornhinein innewohnenden Überlegenheit abgestellt (auch wenn der bekennende Marxist Harvey immer wieder seine grundsätzliche Zuneigung zu deren Forderung nach Wandel betont). Grund sei vielmehr, dass er keinen anderen Weg finden könne, in seiner Analyse das zu erreichen, was er sich vorgenommen habe, oder das zu verstehen, was verstanden werden müsse.

Soziale Prozesse und räumliche Formen

Zu Beginn seiner Hinwendung zur Erforschung der Natur des Kapitalismus stellte Harvey fest, dass soziale Prozesse und räumliche Formen bisher meist in getrennter Form behandelt worden waren. Sein Ziel wurde es, die Untersuchung beider Aspekte zusammenzuführen. Der grundlegende Beobachtungsgegenstand ergab sich für ihn aus der Tatsache, dass keine philosophischen Antworten auf die Frage nach der Natur von Räumen möglich seien. Die Antworten lägen allein in der Praxis des Menschen. Auch bei der Frage nach der in seinem Werk immer wieder auftauchenden „social justice“ belastet sich Harvey nicht durch eine philosophische Bestimmung dieses Begriffs. Es gehe ihm vielmehr darum, zu zeigen, dass sich Konzepte sozialer Gerechtigkeit und Moral auf die menschliche Praxis beziehen und sich aus dieser ergeben, anstatt über die ewigen Wahrheiten dieser Konzepte zu referieren. Denn nach Marx sei ein jeder Akt der Beobachtung bereits auch schon ein Akt der Bewertung und eine Trennung der beiden Betrachtungsweisen eine künstliche Unterscheidung, die in Wirklichkeit gar nicht existiere.

Der Raumbegriff, den Harvey seinen Untersuchungen zugrunde legt, sieht den Raum aus Objekten zusammengesetzt, die nur dann existieren, wenn sie Beziehungen zu anderen Objekten in sich enthalten und repräsentieren. Zusammengenommen ergäben all diese Objekte eine Totalität, die über die Summe ihrer Einzelteile hinausgeht und eine von diesen unabhängige Existenz besitzt. Die Totalität trachte danach, alle Teile so auszurichten, dass sie für die Erhaltung der Existenz und der Struktur des Ganzen funktionieren. Der Kapitalismus beispielsweise trachte danach, alle Elemente und Beziehungen in sich so zu formen, dass der Kapitalismus als fortlaufendes System erhalten bleibe.

Die „Geopolitik des Kapitalismus“

Voraussetzungen der Kapitalzirkulation

Wichtigste Voraussetzung für die Erhaltung des kapitalistischen Systems ist für Harvey die Aufrechterhaltung der Zirkulation des Kapitals durch die ununterbrochene Produktion und Vermarktung von Gütern im Hinblick auf Profit. Die konstante Sorge im Kapitalismus sei deshalb die Schaffung sozialer und physischer Infrastruktur, welche diese Zirkulation ermöglichen. Hieraus resultiert nach Harvey eine „Geopolitik des Kapitalismus“. Harvey postuliert (nach Marx) die 10 Kernpunkte der Zirkulation des Kapitals:

Ideologie des Wirtschaftswachstums: Die ständige Steigerung des Wertes der produzierten Güter ist dem Kapitalismus immanent und erfolgt ohne Rücksicht auf ökologische, menschliche oder geopolitische Konsequenzen.

Wachstum durch Anwendung menschlicher Arbeit in der Produktion: Menschliche Arbeitskraft ist die exklusive Quelle der Wertschöpfung.

Profit: Aus der Ausbeutung der Arbeitskraft in der Produktion erwächst der Profit.

Klassenrelationen: Die Trennung in Käufer und Verkäufer etabliert Klassenbeziehungen aller Art.

Klassenkampf: Das Bestehen von Klassenrelationen bedingt Widerstand, Gegnerschaft und Auseinandersetzung.

Technologischer Wandel: Durch den innerkapitalistischen Wettbewerb und zur besseren Kontrolle der Arbeitskraft ist der Kapitalismus notwendigerweise technologisch dynamisch.

Mittel: Es müssen Wege gefunden werden, Kapital und Arbeitskraft zu produzieren und zu reproduzieren, um die für das Überleben des Kapitalismus notwendige technologische Dynamik zu ermöglichen.

Die Zirkulation des Kapitals ist instabil: Das System expandiert durch die Ausbeutung von Arbeitskraft, während die technologische Dynamik die Arbeitskraft, die wahre Basis des Wachstums, aus der Produktion hinausdrängt. Wachstum und technischer Fortschritt sind daher, obwohl beide für den Kapitalismus notwendig, Gegenspieler. Dieser Widerspruch resultiert in periodischen Krisen bis hin zur zeitweiligen Unterbrechung der Zirkulation des Kapitals.

Überakkumulation: Die Krisen zeigen sich typischerweise als Zustand, in dem die für das System notwendigen Überschüsse an Kapital und Arbeit nicht länger mehr absorbiert werden können.

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