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Daniil Charms

Russischer Schriftsteller

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Daniil Charms (russisch Даниил Хармс; eigentlich Daniil Iwanowitsch Juwatschow, Даниил Иванович Ювачёв, wiss. Transliteration Daniil Ivanovič Juvačëv; * 17.jul. / 30. Dezember 1905greg. in Sankt Petersburg, Russisches Kaiserreich; † 2. Februar 1942 in Leningrad, Sowjetunion) war ein russischer Schriftsteller und Dichter. Die meisten seiner Texte konnten erst im Zuge der Perestroika gedruckt und damit einer größeren Öffentlichkeit bekannt werden. Der schriftstellerische Nachlass umfasst alle literarischen Gattungen, sein Werk wird der Avantgarde zugerechnet. Charms nahm an den Gesprächen der Tschinari teil und war Mitbegründer der Künstlervereinigung OBERIU (dt. „Vereinigung der Realen Kunst“).

Er gehört zu den Schriftstellern, deren Werk sich ohne Kenntnis seiner Lebensumstände nur schwer erschließen lässt. Charms’ Freund, der Mathematiker und Philosoph Jakow Druskin, rettete den Nachlass nach dessen Verhaftung durch den NKWD aus der bombardierten Wohnung im belagerten Leningrad und bewahrte ihn für die Nachwelt auf.

Familie, Schul- und Universitätsbesuch

Daniil Iwanowitsch Juwatschow wurde am 17.jul. / 30. Dezember 1905greg. in Sankt Petersburg geboren. Seine Mutter, Nadeschda Iwanowna Koljubakina (1869–1929), entstammte einer alteingesessenen Adelsfamilie aus dem Gouvernement Saratow. Sie leitete von 1900 bis 1918 in St. Petersburg ein Frauenasyl für entlassene Strafgefangene. Sein Vater, Iwan Juwatschow (1860–1940), war das siebte Kind einer Familie von Parkettpolierern im Anitschkow-Palais. Er wurde als Mitglied der antizaristischen Narodnaja Wolja 1883 verhaftet und mit weiteren Offizieren 1884 verurteilt. Die Todesstrafe wurde in 15 Jahre Haft umgewandelt, von denen er zwölf als Zwangsarbeiter auf Sachalin verbrachte. Nach der vorzeitigen Begnadigung 1895 durfte er vier Jahre später nach St. Petersburg zurückkehren. Unter dem Pseudonym Miroljubow (dt. „der Friedliebende“) veröffentlichte er bis Ende der 1920er Jahre zahlreiche Schriften.

Koljubakina und Juwatschow lernten sich 1902 in St. Petersburg kennen und heirateten am 16. April 1903. Der erstgeborene Sohn starb mit einem Monat, was die Mutter sehr belastete, wie sie in einem Brief ihrem Ehemann mitteilte. Ein Jahr darauf wurde Daniil geboren, der mit der 1909 geborenen Schwester Jelisaweta aufwuchs. Eine weitere Tochter der Familie starb 1920 im Alter von acht Jahren.

In den ersten vierzehn Ehejahren war Juwatschow als Revisor der staatlichen Sparkassen beruflich viel unterwegs. Das Ehepaar schrieb sich in dieser Zeit viele Briefe, aus deren mütterlichen Beilagen für den Vater die ältesten Handschriften von Charms stammen. Die Briefe der Mutter erlauben Einblicke in die Entwicklung des Kindes. Der Vater widmete sich seinem Sohn mit Erziehungsratschlägen, die seiner strengen und asketischen Lebensweise entsprachen. Schon früh begann die russisch-orthodoxe Erziehung der Eltern. Die Mutter brachte dem zweijährigen Daniil bei, sich zu bekreuzigen und zu verbeugen. Auch der Vater, in der langjährigen Haft zum gläubigen Christen gewandelt, widmete sich der religiösen Erziehung. Die Bibellektüre war fest im Alltag verankert. In Charms’ privaten Aufzeichnungen und Werk spielt religiöse Symbolik bis hin zur Beschäftigung mit okkulten Themen eine wichtige Rolle.

Die alltägliche Korrespondenz im Elternhaus prägte Charms’ Hinwendung zur Schrift und zum Schreiben früh. Er lernte mit knapp fünf Jahren Lesen und konnte ganze Erzählungen auswendig; nach Angaben der Mutter schrieb er mit sechs Jahren fehlerfrei. Die Eltern förderten die sprachliche Entwicklung der Kinder, indem sie englisch- und deutschsprachige Erzieherinnen einstellten und den Besuch der prestigeträchtigen deutschsprachigen St. Petri-Schule ermöglichten. 1915 kam Charms in die erste Klasse, wo er neben Deutsch auch Englisch lernte. 1922 musste er die Schule jedoch wegen schlechter Noten und unangepassten Verhaltens vorzeitig verlassen. Anschließend besuchte er die Zweite Sowjetische Arbeiter-Einheitsschule im Petersburger Vorort Detskoje Selo, auf der er am 14. Juli 1924 die Hochschulreife erwarb.

Anschließend nahm Charms sein Studium am Elektrotechnikum in Leningrad auf, das er nach einem Jahr abbrach. Auch das 1926 begonnene Studium an der von Boris Eichenbaum geleiteten Filmabteilung des Instituts für Kunstgeschichte in Leningrad beendete er nicht. Seine Einträge in den Tagebüchern zeugen jedoch von seinem ernsthaften Interesse an den Inhalten des Studiums. Hier lernte er die beiden Regisseure Leonid Trauberg und Grigori Kosinzew kennen, die der experimentellen Theatergruppe FEKS angehörten, die sein Werk stark beeinflussten. Als Gemeinsamkeiten werden beispielsweise der trivialisierte Avantgardismus, das Spiel mit der Absurdität und die banalisierte Übersteigerung des Alltäglichen angesehen.

Im Frühjahr seines ersten Studienjahrs lernte Charms Ester Alexandrowna Rusakowa kennen, deren Ehe 1927 geschieden wurde. Rusakowa und Charms heirateten am 5. März 1928 und führten bis zur Scheidung 1933 eine temperamentvolle Ehe. In dieser Zeit 1928–1932 war Charms befreundet mit der Malerin und Illustratorin Alisa Poret, die jedoch nicht seine Gedichte und Erzählungen illustrierte (bis 1980). Im August 1933 begegnete Charms Marina Malitsch, die er am 16. Juli 1934 heiratete. Die beiden lebten – wie es in der damaligen Sowjetunion typisch war – in einer Gemeinschaftswohnung („Kommunalka“) zusammen mit Charms’ Eltern und der Familie seiner Schwester. Wie andere russische Schriftsteller auch, beispielsweise Joseph Brodsky, verarbeitete Charms in seinem Werk Szenen aus dem Leben in der Kommunalka.

Charms unterschrieb seine Texte mit verschiedenen Pseudonymen: „Chcharms“, „Chorms“, „Protoplast“, „Iwanowitsch Dukon-Charms“, „Garmonius“ oder „Satotschnik“. Seinen Vornamen änderte er jedoch nicht. Sein häufigstes – „Charms“ – war als Künstlername im Pass eingetragen. Die Bedeutung ist nicht eindeutig geklärt. Vermutet werden Entlehnungen aus französisch charme (dt. „Zauber“), englisch charm (dt. „Zauber“) bzw. englisch harm (dt. „Schaden“, „Unglück“), aber auch lautliche Anlehnungen an den Namen seiner Deutschlehrerin Jelisaweta Harmsen sowie an den von Charms bewunderten Sherlock Holmes (russ. „Scherlok Cholms“) könnten eine Rolle gespielt haben. Sein ältestes überliefertes Gedicht aus dem Jahr 1922 unterschrieb er mit „D. Ch.“ und wird daher als ältester Beleg für das Pseudonym „Charms“ angesehen. In den Kinderzeitschriften und Kinderbüchern verwendete er „Kolpakow“, „Karl Iwanowitsch Schusterling“ und andere.

Charms pflegte einen für die damalige Zeit ungewöhnlichen Kleidungsstil, der mit Sherlock Holmes in Verbindung gebracht wurde. Dieser Hang wird bereits für den 18-Jährigen von einer Mitschülerin beschrieben: Charms trug beige-braune Kleidung, ein kariertes Jackett, Hemd und Krawatte, Golfhosen. Im Mund eine kleine Pfeife.

Nahestehende Menschen mahnen jedoch eine differenzierte Sichtweise an. So betont Jakow Druskin, dass viele Forscher Charms auf die zweijährige Phase von OBERIU, den extravaganten Kleidungsstil und die Inszenierung von Theateraufführungen reduzieren. Marina Malitsch, Charms’ Ehefrau, äußert sich ähnlich: „Leute, die sagen, Danja hätte eine Narrenmaske getragen, haben nicht ganz unrecht, denke ich. Wahrscheinlich hat diese Maske sein Verhalten tatsächlich bestimmt. Obwohl ich sagen muß: Die Maske erschien sehr natürlich, es war leicht, sich an sie zu gewöhnen.“ Peter Urban, der Charms als Erster ins Deutsche übersetzte, besuchte 1972 den Schriftsteller Nikolai Chardschiew (1903–1996) in Moskau, der Manuskripte von Charms besaß. Als Urban wissen wollte, wie Charms es ertragen hat, mit der Aussicht zu leben, nie auch nur eine Zeile veröffentlichen zu können, lautete die ganze Antwort von Chardschiew, der dabei weinte: „Charms war nicht für diese Welt geschaffen. Er war zu zerbrechlich, zu zart“.

Kulturelles, soziales und politisches Milieu

Daniil Charms erlebte als Erwachsener den Umbruch zwischen zaristischer Vergangenheit und sowjetischer Zukunft. Als er im Revolutionsjahr 1905 geboren wurde, war St. Petersburg seit zwei Jahrhunderten Hauptstadt und bis 1918 Schauplatz aller wichtigen Revolutionen. Die nach der Oktoberrevolution einsetzende Hungersnot und der Bürgerkrieg ließ die Einwohnerzahl von 2,5 Millionen auf 722.000 im Jahr 1920 sinken. Auch die Familie Juwatschow verließ die Stadt und verbrachte einige Zeit im Haus der Großeltern mütterlicherseits in der Gegend von Saratow.

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