Daniel Hendel Sanders (* 12. November 1819 in Strelitz; † 11. März 1897 ebenda) war ein deutscher Lehrer, Lexikograf und Sprachforscher sowie Dichter und Übersetzer. Er schuf unter anderem von 1854 bis 1865 ein Wörterbuch der deutschen Sprache und später den deutschsprachigen Teil des Englisch-Deutsch/Deutsch-Englischen Wörterbuchs „Muret-Sanders“.
Daniel Sanders war der zweite Sohn des jüdischen Kaufmanns Hendel Sanders (1770–1846) und dessen Ehefrau Amalie (genannt Malchen), geborene Schäfer. Seine Mutter starb zehn Tage nach seiner Geburt. Um ihren Vater von Geschäftsreisen über Land entlasten zu können, wurden Daniel und sein Bruder Alexander Sanders (1818–1897) schon 1837 vorzeitig für volljährig erklärt. Alexander übernahm später das väterliche Geschäft.
Daniel Sanders besuchte seit 1827 die damals neu gegründete jüdische Freischule in Strelitz, an der namhafte jüdische Gelehrte unterrichteten, darunter Absolventen der Talmudschule von Glogau, wie der in Heidelberg habilitierte Altphilologe und spätere Buchhändler Joseph Lehfeldt, bis 1839 Levy (1804–1858), und Joseph Zedner (1804–1871), nachmals Kustos der hebräischen Abteilung der British Library. Anschließend wechselte Sanders zum Gymnasium Carolinum in Neustrelitz, wo er Ostern 1839 das Abitur ablegte.
Lehrer und Journalist in Mecklenburg-Strelitz
In Berlin studierte er Mathematik und Naturwissenschaften bei Peter Gustav Lejeune Dirichlet, Jakob Steiner, Johann Franz Encke, Paul Erman und Heinrich Wilhelm Dove. In der Philologie waren seine Lehrer August Boeckh und Jacob Grimm, Philosophie studierte er bei Friedrich Adolf Trendelenburg. An der Universität in Halle wurde er 1842 promoviert. Sanders arbeitete zu dieser Zeit als Oberlehrer an der jüdischen Freischule in Strelitz und wurde noch im Jahr der Promotion Schulleiter.
Am 26. April 1847 heiratete Daniel Sanders Ida Koner, geborene Friedländer (1813–1895), die Witwe eines mit der Familie Sanders verwandten Arztes Bernhard Benedikt (vormals Bendix Jacob) Koner (1805–1845). Ida Sanders brachte einen Sohn Alexander Koner-Sanders (1845–1917) in die Ehe ein. Ihre Schwester Sophie war bereits mit Daniels Bruder Alexander verheiratet. Deren gemeinsame Tochter Johanna Sanders (um 1848–1912) half Daniel Sanders später bei der Redaktion seiner Lexikonprojekte.
Durch seine Bekanntschaft mit Adolf Glaßbrenner wurde Daniel Sanders für die Ideen von Demokratie und für staatsbürgerliche Rechte gewonnen. Innerhalb der 1848er Reformbewegung zählte Daniel Sanders schnell zu den Demokratenführern in Mecklenburg-Strelitz. 1848 war er Redakteur des Wendischen Boten und der Blätter für freies Volksthum, des Sprachrohrs des Neustrelitzer und des Strelitzer Reformvereins. 1850 gehörte er zu den eingeladenen/einzuladenden Mecklenburgern zum Braunschweiger Demokratenkongress, an dem er aber schließlich nicht teilnahm. Nachdem seine Schule im April 1852, wie es seit der DDR-Zeit heißt, wegen ihrer demokratischen Ausrichtung geschlossen worden war, betätigte er sich als Privatgelehrter, Sprachforscher, Wörterbuchschreiber und Publizist. Allerdings ist anzumerken, dass 1852 im Rahmen einer städtischen Schulreform die Schule der Strelitzer jüdischen Gemeinde und die kommunale Schule der Stadt Strelitz zusammengelegt wurden, sodass ein politischer Hintergrund nicht klar belegt werden kann. Später wurde Daniel Sanders mehrfach durch den konservativen Großherzog Friedrich Wilhelm (II.) von Mecklenburg [-Strelitz] geehrt, und zwar mit dem Professorentitel und zweimal mit dem Hausorden der Wendischen Krone: am 1. Januar 1880 wurde Daniel Sanders das Verdienstkreuz in Gold und am 12. November 1889 das Ritterkreuz verliehen. Einen Ruf an die jüdische Realschule Philanthropin in Frankfurt am Main als Nachfolger von Michael Heß lehnte Sanders ab und blieb als geachteter Sprachwissenschaftler in seiner Heimatstadt Strelitz, die einen Platz nach seinem Bruder Alexanderplatz benannt hatte.
Programmatische Kritik am Deutschen Wörterbuch
Bereits 1852 und dann 1853 erregte Sanders Aufsehen mit seiner vehementen und prinzipiellen Kritik an dem in seinen ersten Lieferungen erschienenen Wörterbuch der Brüder Grimm, das er „in seiner ganzen Anlage und großentheils auch in seiner Ausführung durchaus verfehlt“ nannte. Seine Kritik machte er an zahlreichen Einzelheiten, aber auch an prinzipiellen Mängeln fest. Beispielhaft dafür sei die Lektürenotiz des Zeitgenossen Karl August Varnhagen von Ense vom 12. Oktober 1852 zitiert:
Diese kritischen Bemühungen des wissenschaftlichen Außenseiters führten auch dazu, dass Daniel Sanders in den Kreisen der Universitätsgelehrten völlig abgelehnt und seine spätere Wörterbucharbeit von der damaligen Wissenschaft nicht rezipiert wurde. Er selbst hatte die Absicht, ein besseres und brauchbareres Wörterbuch zu schaffen, und suchte deshalb – ein Novum – bereits vor Beginn der Arbeit, sich über die Grundzüge des Aufbaus eines solchen Werkes klar zu werden.
Folgende aus Sanders’ eigener Kritik am Wörterbuch der Brüder Grimm abgeleiteten Punkte kennzeichnen sein eigenes lexikographisches Werk. Sie wurden später prägend für die Anlage moderner und praktischer Wörterbücher:
Im Gegensatz zu Grimm geht sein Konkurrent Sanders vom gegenwärtigen Sprachgebrauch seiner Zeit aus; er will keine Sprachgeschichte des jeweiligen Wortes geben und berücksichtigt Etymologien eher am Rande da, wo sie der Bedeutungsklärung dienlich sind, nimmt aber dafür den gesamten deutschen Wortschatz sowie die gebräuchlichen Fremdwörter auf.
Sanders bietet eine klare und analytische Entfaltung der verschiedenen gegenwärtigen Bedeutungen eines Wortes, die durch treffende Erläuterungen und darauf bezogene Belege veranschaulicht werden. Diese Belege nimmt der Autor aus der deutschen Literatur seit Luther, aber auch aus wissenschaftlichen Werken, Sprichwörtersammlungen sowie – ungewöhnlich für die Zeit – aus Zeitschriften, wodurch das Wörterbuch die Sprache der damaligen Gegenwart treffend widerspiegelt. Allerdings hatte Sanders die Verwendung von Zeitungen und Zeitungsannoncen im Grimmʼschen Wörterbuch noch harsch und mit auch typographisch starker Betonung getadelt, zudem kontrastiert mit dem Fehlen von Belegen aus Börne, Freiligrath und anderen bedeutenderen Autoren. – Methodisch geht Sanders in den Wortartikeln von den Hauptbedeutungen eines Wortes aus und erfasst dann von dort Nebenbedeutungen und Nuancen.
Sanders ordnet die Wörter so an, dass auf das jeweilige Grundwort (z. B. Schritt) die Ableitungen und Zusammensetzungen (z. B. Fortschritt) folgen. Das Grundwort ist bei Sanders, wie das Beispiel zeigt, ganz schematisch der letzte Teil der Wortzusammensetzung. Diese nicht-alphabetische Anordnung des Wortschatzes erschwert dem modernen Leser zwar heute die Benutzung des Wörterbuchs, gibt aber einen guten Einblick in die sprachschöpferische Kraft des Deutschen und ermöglicht auch, die zahlreichen Ableitungen und Zusammensetzungen in großer Vollständigkeit aufzunehmen, worin das Grimm’sche Wörterbuch, das die Zusammensetzungen alphabetisch, aber doch unvollständig und unsystematisch erfasst, letztlich unzulänglich bleibt. Im Grimm’schen Wörterbuch (zumindest in den ersten Bänden) werden auch die Wortbedeutungen eher flüchtig, gelegentlich nur durch eine lateinische Bezeichnung dargestellt; ihre Belege sind ungleichmäßig verteilt und nicht immer treffend.
Mit der Herausgabe seiner eigenen, zwei Bände in drei Teilen umfassenden Sammlung Wörterbuch der Deutschen Sprache. Mit Belegen von Luther bis auf die Gegenwart (1860–1865; 2. unveränderter Abdruck 1876; erste Lieferung 1859) gelang ihm dann ein Werk durchaus eigenständigen Wertes und aus einem Guss. Er selbst hielt fest, dass er nach zwei Jahrzehnten Arbeit die letzte Zeile am 11. Juli 1865, fünf Minuten vor halb zwei Uhr nachts niedergeschrieben hatte.
Mit diesem seinem Hauptwerk gab Sanders seiner Zeit ein umfassendes, praktisch zu gebrauchendes Wörterbuch. Diese große Leistung ist auch daran zu messen, dass das freilich viel umfangreichere Wörterbuch der Brüder Grimm, seit 1852 erscheinend, erst 1960 (Quellenverzeichnis gar erst 1971) seinen Abschluss fand.