Daniel (hebräisch דָּנִיּאֵל) ist die Hauptfigur des nach ihm benannten Buchs im Tanach. Danach war er ein jüdischer Apokalyptiker, Traumdeuter und Seher im babylonischen Exil, dem JHWH, Israels Gott, das apokalyptische Ende der Judäa beherrschenden Weltreiche und das folgende ewige Reich Gottes offenbarte.
Das Buch gibt vor, im 6. Jahrhundert v. Chr. verfasst worden zu sein. Auf Basis eines Vergleiches des Inhalts mit tatsächlichen historischen Ereignissen gehen die meisten Exegeten heute von einer tatsächlichen Entstehung, zumindest der hinteren Teile ab Kapitel 7 erst während der Konflikte der Makkabäer mit dem Seleukiden Antiochos IV. (167–164 v. Chr.) aus. Die dort geschriebenen Visionen kündigen dessen Untergang, den Beginn der Endzeit und die Auferstehung der gerechten Juden an. Ihre Autoren verknüpften diese Texte vermutlich mit älteren weisheitlichen Lehrerzählungen (Dan. 3-6 ), die nach Herbert Niehr im 5./4. Jahrhundert v. Chr. eine selbstständige literarische Einheit darstellten.
Vertreter einer frühen Entstehungszeit im 6. Jahrhundert weisen darauf hin, dass das Buch Daniel ohne die späteren apokryphen Teile zur hebräischen Bibel, dem Tanach, gehört und Daniel schon von seinem Zeitgenossen Hesekiel zu den großen religiösen Persönlichkeiten neben Noah und Hiob gezählt wird: „Wenn dann diese drei Männer im Lande wären, Noah, Daniel und Hiob, so würden sie durch ihre Gerechtigkeit allein ihr Leben retten, spricht Gott der HERR.“ (Hes 14,14 ).
Besondere Bedeutung erlangt das Buch Daniel auch durch Rückbezüge aus dem Neuen Testament. So nimmt die (Selbst-)Bezeichnung Jesu als „Menschensohn“ auf Dan 7,13 f. Bezug. Und die synoptische Apokalypse verwendet in Mk 13,14 und Mt 24,15 übereinstimmend den Begriff eines Gräuels der Verwüstung (βδέλυγμα τῆς ἐρημώσεως), der in Dan 9,27 (vgl. ) eingeführt wird. Eindeutig stellt Matthäus dabei mit den Worten, „Wovon gesagt ist durch den Propheten Daniel“ den Bezug her.
Das Buch Daniel gehört zur biblischen Apokalyptik und wurde als eines der letzten Bücher in den jüdischen Bibelkanon aufgenommen. Dort gehört es zu den Ketuvim („Schriften“), im christlichen Alten Testament dagegen zu den vier „großen“ Propheten. Die Visionstexte beeinflussten das Urchristentum. Sie wurden unter anderem im Messianismus und Millenarismus bedeutsam.
Der hebräische Vorname „Daniel“ kombiniert die semitische Wortwurzel דין DJN, deutsch ‚richten‘, ‚Recht schaffen‘ (jüdisch-aramäisch: דון / דין DWN / DJN, syrisch ܕܘܢ) mit dem Gottestitel El. Er bedeutet etwa „Gott hat Recht verschafft“. Der Name kommt in der Bibel fast nur in nachexilischen Texten vor. Daniel heißt in Esr 8,2 ein Priester, in 1 Chr 3,1 der zweite Sohn des Königs David, der in der älteren Stelle 2 Sam 3,3 „Kilab“ heißt. Vielleicht reagierte diese Umbenennung auf Dan 1,3 , wonach Daniel „von königlicher Abkunft“ war. Der Exilsprophet Ezechiel erwähnt einen Dan(i)el als Gerechten neben Hiob und Noach (Ez 14,14–20 ) und richtet einen Fremdherrscher, der sich für „weiser als Daniel“ gehalten habe (28,3 ). Einen Schwiegervater des Henoch namens Daniel erwähnt das apokryphe Buch der Jubiläen (4,20). Auf ihn ging wohl der Engelsfürst Daniel im Henochbuch zurück (6,7). Diese Beispiele bezeichnen urzeitliche und legendäre, nicht historische Personen und werden auch wegen einer anderen hebräischen Namensform nicht mit dem Daniel des Danielbuchs identifiziert.
Jedoch können sie gemeinsam von der Mythologie Ugarits angeregt worden sein: Dan’ilu bezeichnet im Aqhat-Epos aus Ugarit einen mythischen König und gerechten Richter mit magischen und wahrsagerischen Fähigkeiten. Königliche Abstammung, Weisheit und mantische Fähigkeiten schrieben die Autoren des Danielbuchs auch ihrer Figur zu. Auf eine mythische Figur verweisen auch die fehlenden Angaben zu Daniels Familie und Herkunftsort.
Der Name war Deckname für den oder die unbekannten Autoren des Danielbuchs, die sich so vor der damaligen Verfolgung gläubiger Juden schützten.
Daniel galt lange Zeit als historischer Autor des Buchs, das man wegen dessen Eigenangaben auf um 539 v. Chr. datierte. Anders als andere Prophetenbücher führt Dan 1 ihn wie einen den Lesern schon bekannten weisen Juden ein, der Gottes Willen ohne besondere Berufung in Träumen und Visionen erfahren und vermitteln konnte.
Nach jüdischer und muslimischer Überlieferung soll der Prophet Daniel im iranischen Susa begraben sein. Das dortige Mausoleum des Daniel ist eine muslimische Pilgerstätte. Fünf weitere Orte beanspruchen, die Ruhestätte von Daniel zu sein, darunter Kirkuk im Irak, Samarkand in Usbekistan (Chodscha-Doniyor-Mausoleum) und Tarsus in der Türkei (Mausoleum des Daniel).
Dan 1–12, das eigentliche Buch Daniel, enthält zwei verschiedene Hauptteile: Geschichten über Daniel (d. h. in der dritten Person, Kapitel 1–6) und Visionen Daniels (in der ersten Person geschrieben, Kapitel 7–12). Sie überlappen sich mit einer sprachlichen Dreiteilung: Den aramäischen Hauptteil (2,4b–7,28) umrahmen eine hebräische Einleitung (1–2,4a) und ein hebräischer Anhang weiterer Visionen und ihrer Deutung (8–12). Die Buchmitte bildet die Vision vom Endgericht in Kapitel 7, die die Erzählungen abschließt und die Visionsberichte eröffnet. Den aramäischen Teil durchzieht ein kompositorisches Schema:
Der Visionsteil (von welchem Kap. 7 auch noch zum aramäischen Teil gehört) ist weniger streng durchkomponiert:
Spätere Bearbeiter ergänzten das Gebet des Asarja (Dan 3,24–45 ), den Lobgesang der drei Freunde Daniels im Feuerofen (Dan 3,51–90 ) sowie die Legenden von Susanna im Bade (Dan 13) und Bel und dem Drachen (Dan 14). Diese Zusätze sind auf Griechisch verfasst und nur in der Septuaginta und der Übersetzung des Theodotion überliefert.
Daniel galt lange Zeit als historischer Autor des Buchs, das man wegen dessen Eigenangaben auf um 539 v. Chr. zu datieren versuchte. Doch bereits Porphyrios († 304) datierte es in die Zeit des Antiochos (2. Jahrhundert v. Chr.). Die zwischen dritter und erster Person wechselnde Erzählperspektive, die Sprachwechsel und griechischen Zusätze weisen auf einen längeren Entstehungsprozess des Buchs hin. Hinzu kommen inhaltliche Brüche: Nach Dan 1,5 sollte Daniel dem König nach dreijähriger Ausbildung dienen, tat dies nach 2,1.25 aber schon im zweiten Jahr. Nach Dan 1,7 erhielten Daniels mitexilierte Freunde neue chaldäische Namen: Das bereitet Kapitel 3 vor, wo ihre jüdischen Namen und die Person Daniel fehlen. Nach Dan 1,19 war er dem König schon bekannt, nach 2,25 musste er ihm erst vorgestellt werden. Nach Dan 1,21 und 6,29 lebte er unter dem Perserkönig Kyros II., der das neubabylonische Reich besiegte; nach Dan 7 sah er diese Ablösung als zukünftig voraus.
Unstimmigkeiten gegenüber den historischen Gegebenheiten unterstützen die These, dass das Buch in deutlichem zeitlichem Abstand zur erzählten Geschichte aufgezeichnet wurde:
Belšazar war entgegen Dan 5,1 f. und 7,1 nicht Nebukadnezars, sondern Nabonids Sohn. Nabonid hatte den Thron als fünfter Herrscher nach Nebukadnezar bestiegen, nachdem sein Vorgänger Lābāši-Marduk ermordet worden war. Dessen Vater Nergal-šarra-uṣur war kurz zuvor auf die gleiche Weise auf den Thron seines Schwagers Amēl-Marduk gelangt und wenige Jahre später ermordet worden und war kein Nachkomme von Nebukadnezar. Derzeit ist auch keine andere Schrift bekannt, die als Indiz bestätigen würde, dass der assyrische Nabonid ein Halbbruder von Amēl-Marduk gewesen sein könnte, sodass Belšazar zu Recht als „Sohn“ (in diesem Fall Enkel) Nebukadnezars beschrieben wäre.
Darüber hinaus wird von Klaus Koch eine Diskrepanz beschrieben, die „den Auslegern seit jeher zu schaffen gemacht“ habe. Dabei wird fälschlich angenommen, dass Dan 1 f eine Verschleppung Jojakims beschreibe. Koch selbst zeigt an anderer Stelle jedoch schon anhand der dort verwendeten Vokabel auf, dass das nicht stimmt.
Dagegen beschreibt Dan 11,2–40 die historischen Verhältnisse nach dem Exil zunehmend ausführlich und mit immer mehr zutreffenden Details: