Conrad Gessner (* 16. oder 26. März 1516 in Zürich; † 13. Dezember 1565 ebenda; oder Conrad Gesner, auch: Konrad Gessner oder Konrad Gesner, Konrad Geßner, Conrad Geßner, latinisiert Conradus Gesnerus, gräzisiert Thrasyboulos Gessneros) war ein Schweizer Arzt, Naturforscher, Altphilologe, Humanist, Polyhistor und Enzyklopädist. Sein Pseudonym war Euonymus Philiater, sein offizielles botanisches Autorenkürzel lautet „Gesner“.
Gessner wurde als eines von acht Kindern im März 1516 in Zürich geboren. Er war ein Sohn des Kürschners Urs Gessner und dessen Frau Agathe, geborene Frick. Da seine Familie nicht genug Geld hatte, um ihn zu ernähren, kam Gessner im Alter von fünf Jahren zu seinem Grossonkel Johannes Frick, einem Kaplan des Zürcher Grossmünsters. Im Garten des Großonkels wurde seine lebenslange Liebe zur Botanik geweckt. Er besuchte zunächst die Deutsche Schule, die er aber nach drei Jahren für die Lateinschule des Grossmünsters Zürich verliess.
1526 kam Gessner zu seinem Lehrer Oswald Myconius, bei dem er drei Jahre lang lebte, bevor er 1529 in das Haus von Johann Jakob Ammann zog. Gleichzeitig wechselte er an die reformierte Hochschule Huldrych Zwinglis, wo er weiteren Sprachunterricht erhielt und auch die theologischen Veranstaltungen Zwinglis besuchte.
Im Jahr 1531 wurde das erste und einzige im 16. Jahrhundert in Altgriechisch gesprochene Theaterstück, an der Lateinschule durch seinen Lehrer Georg Binder inszeniert, in Zürich vorgetragen, und Gessner spielte als bei weitem jüngstes Mitglied der Gruppe gleich zwei Rollen, was seine ausserordentlichen Griechischkenntnisse zeigt. Noch im selben Jahr starben sowohl Gessners Vater wie auch Huldrych Zwingli im zweiten Kappelerkrieg, was Gessner hart traf.
Gessner zog 1532 nach Strassburg zum Hebraisten Wolfgang Capito, wo er Hebräisch lernte und den deutlich älteren Buchdrucker Wendelin Rihel in Altgriechisch unterrichtete. Daneben beherrschte er Deutsch, Französisch, Italienisch, Niederländisch, Lateinisch, Griechisch und Arabisch. Es folgten mehrere Jahre des ständigen Wohnortwechsels (so Bourges und Paris) und Medizinstudiums. 1534 wurde Gessner Lehrer in Zürich und heiratete Barbara Singysen; eine Entscheidung, die von seinem Umfeld sehr missbilligt wurde. 1537 wurde Gessner Griechischprofessor in Lausanne. 1540 setzte er seine medizinische Ausbildung in Montpellier fort. 1541 erlangte er den Doktorgrad an der Universität Basel. Er kehrte nach Zürich zurück und wurde Professor der Naturwissenschaften (Physik) an der Hohen Schule und liess sich zudem als Arzt in Zürich nieder.
1554 wurde Gessner als Nachfolger von Jakob Ruf zum Zürcher Stadtarzt ernannt. 1558 folgte die Ernennung zum Kanonikus.
Im Jahr 1559 ging Gessner zu Kaiser Ferdinand I. nach Augsburg. 1564 erhielt er von diesem auch einen Wappenbrief. Wegen seiner eigenen Kinderlosigkeit ging dieser auf die Nachfahren seines Onkels Andreas Gessner über.
1565 starb Conrad Gessner an der Pest, nachdem er im selben Jahr auch den Reformator Heinrich Bullinger behandelt hatte.
Gessner versuchte, das rasch wachsende Wissen seiner Epoche systematisch zu sichten und zu erschliessen. Bedeutungsvoller Neuerer war Gessner darin, dass er Tierversuche und Selbstversuche zu medizinischen Zwecken durchführte.
Sein Ziel war, die gedruckte und ungedruckte Buchproduktion in Latein, Griechisch und Hebräisch zu verzeichnen, damit in Zukunft die Kenntnis der Bücher vor ihrem Verlust und ihrer Vernichtung (Büchersturm) schützen werde. Im ersten, 1545 von Christoph Froschauer publizierten Teil seiner Bibliotheca universalis bibliographierte Gessner auf über 1000 Seiten rund 10'000 Werke mit Inhaltsangaben; er legte damit die Grundlagen des Bibliographierens und der modernen Lexikografie. Im zweiten Teil wurden die Bücher nach Wissenschaften aufgeschlüsselt: Zu diesem Zweck verwendete er eine Systematik von 21 Fachgebieten, wie sie sein Lehrer Konrad Pellikan am Buchbestand der Stiftsbibliothek Grossmünster (Zentralbibliothek Zürich) seit 1532 erprobt hatte. Die Abteilungen 1–19 erschienen 1548 unter dem Titel Pandectae sive Partitionum universalium, beginnend mit der Grammatik. Die 20. Abteilung über Medizin kam aus Geldmangel – das Werk verkaufte sich nicht so gut wie erwartet – nicht heraus, und die 21. Abteilung über Theologie unter dem Titel Partitiones theologicae, 1549 ebenfalls bei Froschauer publiziert, beschloss das Werk. Gessner brauchte die Technik des Arbeitens mit bibliographischen Zetteln, die er als erster beschreibt.
Sein bekanntestes Werk ist die vierbändige Historia animalium, die postum um einen fünften Band ergänzt wurde. Das Werk erschien zwischen 1551 und 1558. Bei der Gliederung orientierte sich Gessner an den Vorgaben des Aristoteles (Historia animalium) und Albertus Magnus (De animalibus). In diesem Buch ist eine Reihe von Tieren aufgeführt, die heute als Fabeltiere gelten, etwa das Einhorn, deren Existenz aber auch von Gessner kritisch betrachtet wird. Das Werk ist wie folgt gegliedert:
Piscium & aquatilium animantium natura. 1558.
Als fünfter Band folgte 1587 ein Band zu den Schlangen aus seinem Nachlass. Die Folianten sind mit Holzschnitten bebildert, darunter das Rhinocerus von Albrecht Dürer sowie die Giraffe aus Bernhard von Breydenbachs Peregrinatio in terram sanctam und Fischbilder von Hans Asper. 65 Tafeln legte Gessner selbst an.
Das 1552 unter Gessners Pseudonym Euonymus Philiater veröffentlichte, als Thesaurus Euonymi Philiatri de remediis secretis betitelte Werk Thesaurus de remediis secretis stellte das Wissen über Chemie bzw. Alchemie, Arzneimittel und Medizin zusammen und wurde 1555 ins Deutsche übersetzt.
In diesem Thesaurus folgt Gessner der Tradition der Destillierbücher von Johannes de Rupescissa, Hieronymus Brunschwig, Philipp Ulstad und Walther Hermann Ryff. In dem auch die Destillation der Quinta essentia (im umfangreichen Kapitel De quinta essentia remediorum) behandelnden Werk nennt Gessner außer den obengenannten auch die Namen der Autoritäten Arnaldus de Villanova, „Albertus Magnus“, Geber, Bracesco, Cardanus, Adam Lonitzer und Raimundus Lullus sowie die der Autoren Hugo Gordonius und Johannes Ganivetius.
Gessner gilt mit Leonhart Fuchs als Begründer der modernen wissenschaftliche Botanik. Das botanische Werk Stirpium historia (1553) beschreibt die Bedeutung von Pflanzenteilen, insbesondere der Blüten und Früchte, für die Systematik der Pflanzen. In Corpus Venetum de Balneis (1553) publiziert Gessner Analysen von Heilquellen. 1565 verfasste er De omni rerum fossilium genere mit einer systematischen Einteilung der Fossilien und Minerale in 15 Klassen.
Gessner übersetzte zahlreiche griechische Autoren ins Lateinische: Michael von Ephesos (1541), Porphyrios (1542), Proklos (1542), Johannes Stobaios (1543), Herakleides Pontikos (1544), Antonius von Melissa (1546), Tatian (1546), Claudius Aelianus (1556), Athenagoras (1557), Hanno von Karthago (1559), Cassius Iatrosophista (1562) und Dioskurides (1562/1565). Er schrieb Kommentare zu Hippokrates (1550), Xenokrates aus Aphrodisias’ Alimento ex aquatilibus (1559) und Epiphanius von Constantias De XII gemmis quae erant in veste Aaronis (1565). Außerdem gab Gessner eine überarbeitete Ausgabe der Werke des Aristoteles und die erste Ausgabe von Mark Aurels Meditationes (1559) heraus.
In seinem letzten Lebensjahrzehnt arbeitete Gessner an einer Gesamtdarstellung des Pflanzenreichs, die als Historia Plantarum bekannt wurde. Durch seinen frühzeitigen Tod blieb das Werk unvollendet. Teile daraus wurden erstmals 1751 durch Casimir Christoph Schmidel unter dem Titel Opera botanica veröffentlicht.