Die Commerzialbank Mattersburg im Burgenland AG (Kurzform und Logo Cb) war ein Geldinstitut im Burgenland. Die 1995 gegründete Bank mit acht Filialen hatte ihren Sitz in Mattersburg. Umfangreiche Bilanzfälschungen führten 2020 zur zwangsweisen Schließung der Bank und zum bis dahin drittgrößten Insolvenzfall der österreichischen Wirtschaftsgeschichte. Zu den Opfern des Skandals gehörte neben den Bankkunden auch der Bundesligaverein SV Mattersburg, der nach dem Wegfall seines Hauptsponsors den Spielbetrieb einstellen musste.
Die Bank wurde 1995 gegründet. Martin Pucher, damals Leiter der 1929 gegründeten „Raiffeisenbank Schattendorf-Zemendorf-Stöttera-Krensdorf-Hirm-Loipersbach-Draßburg-Baumgarten reg.Gen.m.b.H.“ mit Sitz in Schattendorf, spaltete die Bank nach einem Streit über die Geschäftsausrichtung vom Raiffeisen-Sektor ab. Dazu wurde eine Aktiengesellschaft mit Sitz in Mattersburg gegründet und das Bankgeschäft von der Raiffeisenbank-Genossenschaft auf die neue Aktiengesellschaft übertragen. Die neue Bank trug zunächst den Namen „Commerzbank Mattersburg im Burgenland AG“, musste diesen aber nach Protesten des gleichnamigen deutschen Geldinstituts 1997 in „Commerzialbank Mattersburg im Burgenland AG“ abändern. Die Raiffeisenbank wurde nach Ausgliederung des Bankgeschäfts in „Personalkredit- und Kommerzialkreditvermittlungs- und Anteilsverwaltungsgenossenschaft Schattendorf-Zemendorf-Stöttera-Krensdorf-Hirm-Loipersbach-Draßburg-Baumgarten reg.Gen.m.b.H.“ (kurz PKG) umfirmiert, verlegte ihren Sitz nach Mattersburg und blieb als Hauptaktionärin der Commerzialbank bestehen.
Am 14. Juli 2020 ordnete die FMA nach festgestellten Ungereimtheiten in der Buchhaltung die sofortige Schließung der Bank an. Rund zwei Wochen nach der vorläufigen Schließung der Bank brachte die Finanzmarktaufsicht am 27. Juli 2020 den Antrag auf Eröffnung des Insolvenzverfahrens bei der Staatsanwaltschaft Eisenstadt ein. Laut ersten Angaben des verwaltenden Regierungskommissärs Bernhard Mechtler sei das Institut rein rechnerisch (nach Bereinigung der Bilanz) im Ausmaß von 528 Millionen Euro überschuldet, spätere Angaben sprachen von 690 Millionen Euro an erfundenen Guthaben und fiktiven Krediten, die realen Einlagen von 490 Millionen Euro gegenüberstünden. Im Rahmen der Ermittlungen gab Pucher an, dass er und seine Vorstandskollegin Klikovits schon 1992, also bereits vor der Abspaltung der Bank vom Raiffeisen-Sektor, begonnen hatten, mittels gefälschter Saldenbestätigungen die Bilanz zu beschönigen. Dies sei aus dem Ruder gelaufen und ab einem gewissen Punkt nicht mehr rückgängig zu machen gewesen. Faktisch sei die Bank seit dem Jahr 2000 pleite gewesen. Nach dem Konkurs der Bank wurde die Genossenschaft für deren Verbindlichkeiten (darunter Zahlungen in Höhe von 495 Millionen Euro aus der staatlichen Einlagensicherung) verantwortlich. Sie brachte im September desselben Jahres ebenfalls einen Konkursantrag ein.
Zum Zeitpunkt ihrer Schließung verfügte die Bank neben der Zentrale in Mattersburg über acht weitere Filialen in Baumgarten, Draßburg, Forchtenstein, Hirm, Krensdorf, Loipersbach, Schattendorf und Zemendorf im Bezirk Mattersburg. Der Hauptanteilseigner der Aktiengesellschaft war die oben genannte Anteilsverwaltungsgenossenschaft, welche rund 79 % der Aktien hielt. 18,4 % der Aktien befanden sich im Streubesitz kleinerer Aktionäre, darunter auch der Vorstandsvorsitzende Martin Pucher. Neben Pucher saßen noch Franziska Klikovits und Walter Hack im Vorstand. Der zehnköpfige Aufsichtsrat bestand hauptsächlich aus lokalen Unternehmern unter dem Vorsitz von Josef Giefing.
Bereits 2015 und 2017 hatte die Finanzmarktaufsichtsbehörde (FMA) bei sogenannten Vor-Ort-Prüfungen Unregelmäßigkeiten festgestellt, die bei Folgeprüfungen jedoch als ausgeräumt angesehen wurden. Auch die Staatsanwaltschaft Eisenstadt hatte 2015 für einige Monate ermittelt, nachdem ein Whistleblower von dubiosen Kreditgeschäften berichtet hatte, die Ermittlungen wurden jedoch „mangels Anfangsverdacht“ eingestellt. Am 14. Juli 2020 ordnete die FMA nach festgestellten Ungereimtheiten in der Buchhaltung die sofortige Schließung der Bank an. Diese Schließung wurde mit 15. Juli 2020 wirksam, ein Regierungskommissär übernahm die Verwaltung. Gründer und Direktor Martin Pucher trat am selben Tag zurück. Die Wirtschafts- und Korruptionsstaatsanwaltschaft bestätigte eine Anzeige der FMA mit dem Verdacht auf Bilanzfälschung und Untreue. Der burgenländische Landeshauptmann Hans Peter Doskozil verlautbarte in einer ersten Reaktion, dass die Lage des Instituts dramatisch und an eine Weiterführung des Geschäftsbetriebes nicht zu denken sei. Die Bank müsse liquidiert werden. Laut ersten Angaben war die Bilanz des Geldhauses um rund 500 Millionen Euro (also mehr als die Hälfte der angegebenen Bilanzsumme) frisiert worden. Entsprechende Guthaben (sogenannte Interbankeinlagen) der Commerzialbank Mattersburg bei anderen österreichischen Banken existierten nicht, die zugehörigen Belege seien gefälscht. Den Hauptteil des fraglichen Betrages machten vorgebliche Guthaben von je 40 bis 65 Millionen Euro bei acht großen österreichischen Banken aus. Darüber hinaus seien Kredite fingiert worden, um Zinseinnahmen vortäuschen zu können. Teilweise seien unter den Namen realer Kunden der Bank Kredite eröffnet worden, teilweise hätten Pucher und Klikovits aber auch vollkommen unbeteiligte Personen aus öffentlichen Verzeichnissen ausgewählt. Von den laut Bilanz 350 Millionen Euro an Kundenkrediten seien 180 Millionen Euro auf diese Art fingiert worden. Außerdem wurden Vorwürfe laut, dass Pucher zahlungsunfähigen Kreditnehmern (darunter ein ehemaliges Vorstandsmitglied der Bank) unter der Hand Bargeld übermittelt habe, welches diese mittels fingierter Rechnungen in ihre Unternehmen schleusen konnten. Laut einer ersten Einschätzung sei Vorstandschef Pucher „wegen hochtrabender Geschäfte, Zuwendungen an den Fußballklub und strengerer Anforderungen betreffend Kapitalpuffer vom rechten Weg abgekommen.“ Er ließ über seinen Anwalt verlautbaren, dass er vollumfänglich mit den Behörden kooperieren werde. Franziska Klikovits gab im Zuge ihrer Vernehmung an, dass 50 Prozent der Kredite, 95 bis 98 Prozent der Interbankveranlagungen und zehn Prozent der Kundeneinlagen, die ausgebucht wurden, fingiert gewesen seien.
Als einen Rettungsanker zur Einbringung der fehlenden Millionen hatte Pucher offenbar Anfang der 2000er Jahre erstandene Patentrechte an umwelttechnologischen Entwicklungen eines deutschen Erfinders (Ölbinder, Filter, Entgifter und Ähnliches). Die Commerzialbank hatte die Patentrechte über Investitionen in Höhe von 17 Millionen Euro erhalten. Ein Wiener Patentanwalt hatte die Patentrechte im Jahr 2015 mit nur 5,38 Mio. Euro bewertet, jedoch die Verwertungsschancen als „ausgezeichnet“ eingeschätzt.
Inwiefern der Aufsichtsrat der Bank in seiner Kontrollfunktion gegenüber dem Vorstand versagt hat, ist Teil der Ermittlungen. Die Bestellung der Aufsichtsratsmitglieder, meist lokale Gewerbetreibende, war durch die Hauptversammlung der Eigentümer erfolgt, unter denen sich auch Vorstand Martin Pucher befindet. Der Vorstand hatte also Einfluss auf die Zusammensetzung seines Kontrollorgans. Die Ermittlungen und Aussagen Puchers während seiner Einvernahme legten nahe, dass ein Großteil der Aufsichtsratsmitglieder nicht oder nicht vollständig über die Verhältnisse der Bank informiert war und auch kein besonderes Interesse daran zeigte, diese näher kennenzulernen. Kritische Fragen seien, so Pucher, nur sehr selten und nur von zwei der zehn Mitglieder gestellt worden.
Nach Bekanntwerden der offenbar jahrelang praktizierten Bilanzfälschung geriet die Bankprüfungsfirma TPA in Kritik. Sie hatte die Geschäfte der Bank von 2006 bis 2018 geprüft, die Prüfung des Jahres 2019 war noch nicht abgeschlossen. Die Firma wies die Kritik zurück, man sei von der Commerzialbank Mattersburg mit „hoher krimineller Energie“ getäuscht worden. Die Bank habe das Vertrauen der Prüfer missbraucht und die erwähnten gefälschten Belege über Guthaben bei anderen Banken vorgelegt. Puchers engste Mitarbeiterin hatte über zumindest 10 Jahre hinweg gefälschte Belege auf Briefpapier und mit Kuverts der jeweiligen Banken erstellt und so den Prüfern zukommen lassen. Eigentlich wären diese verpflichtet, die Bankbestätigungen selbst direkt von den jeweiligen Kreditinstituten einzuholen. Im Auftrag des Landes Burgenland war die TPA-Gruppe gleichzeitig auch für die Prüfung des Haupteigentümers der Bank, der eingangs genannten Genossenschaft, verantwortlich. Laut der Wirtschaftswissenschaftlerin Michaela Schaffhauser-Linzatti sei es in einer solchen Konstellation „völlig normal und üblich, dass ein und derselbe Prüfer, sowohl zum Abschlussprüfer der Tochter, als auch zum Abschlussprüfer und Konzernabschlussprüfer der Mutter bestellt wird.“ Robert Holzmann, Gouverneur der Oesterreichische Nationalbank, wies eine Verantwortung seines Instituts zurück, da es nicht die Aufgabe der OeNB sei, die Wirtschaftsprüfer zu prüfen. Deren Täuschung sei der entscheidende Punkt in diesem „Kriminalfall, bei dem mit höchster Energie und Finesse ein internes Pyramidenspiel geschaffen wurde.“ Die Masseverwalter der Commerzialbank brachten im September 2020 eine Schadenersatzklage gegen TPA ein, deren Klagesumme jedoch von einer im Bankwesengesetz festgelegten Haftungshöchstgrenze auf 20 Millionen Euro beschränkt wurde.