Clement Hugh Gilbert Harris (* 8. Juli 1871 in Wimbledon, London; † 23. April 1897 in Pente Pigadia, heute zu Filippiada, Griechenland) war ein englischer Pianist und Komponist.
Clement Harris entstammte einer wohlhabenden englischen Kaufmannsfamilie. Der Vater Frederick William Harris war Teilhaber der Reederei Harris & Dixon. Seine drei Brüder waren der Kaufmann und Parlamentsabgeordnete Frederick Leverton Harris (1864–1926), der Marokko-Korrespondent Walter Burton Harris (1866–1933), und Sir Austin Edward Harris (1870–1958), Aufsichtsrat der Lloyds Bank. Er hatte ferner zwei Schwestern, von denen die ältere, Isabel Graham (1869–1960), Clements Nachlass sammelte und aufbewahrte.
Clement Harris besuchte ab seinem dreizehnten Lebensjahr die renommierte Harrow School, vor der er wegen des Leistungsdrucks, aber auch wegen des vielen Sports einen Horror empfand. Er hatte eine mediale Ader, zeigte Interesse an Spiritismus und verstand es, Menschen in Hypnose zu versetzen. In London machte er die Bekanntschaft von Oscar Wilde, in dessen Haushalt er wiederholt verkehrte. Harris hatte schon in jungen Jahren Musikunterricht und erlernte zunächst ohne große Freude das Geigespiel, wechselte aber mit fünfzehn Jahren an das Klavier als Hauptinstrument, das er fortan sehr intensiv übte. 1887 war er so weit fortgeschritten, dass er die Schule ohne Abschluss verließ, um in Deutschland ein Klavierstudium aufzunehmen.
In Frankfurt am Main nahm Harris zunächst Unterricht bei Clara Schumanns Töchtern Marie und Eugenie – nach anderen Angaben bei Lazzaro Uzielli – als Vorbereitung zur Aufnahme an Dr. Hoch’s Konservatorium. 1889 bestand er die Aufnahmeprüfung und wurde als vermutlich letzter Klavierschüler von Clara Schumann unterrichtet. Er notierte euphorisch in seinem Tagebuch:
Ab 1889 war Harris Gesellschafter und Vorleser des Landgrafen Alexander Friedrich von Hessen (1863–1945), den er regelmäßig in Schloss Philippsruhe in Hanau aufsuchte. Er assistierte dem stark sehbehinderten Landgrafen, der kein Regent war, sondern als Privatmann und Kunstmäzen sich auch dem Komponieren widmete, auch beim Notieren seiner Kompositionen, lehnte deren Stil allerdings als zu „Brahmsisch“ ab. Große Zuneigung empfand er allerdings zum Adjutanten des Landgrafen, Baron Theodor von Flotow, den er in seinen Tagebucheintragungen anschwärmte: „dreaming von meinem Flotow“ (10. Juli 1889), „Er ist für mich ein Enigma, und mich beschäftigt sein herrlicher Charakter“ (2. Februar 1891).
Freundschaft mit Siegfried Wagner und Auslandsreisen
Harris fand Eingang in den musikalischen Salon des Mäzens und Konzertveranstalters Edward Speyer, des Sohnes des Komponisten Wilhelm Speyer. Im Hause Speyer verkehrte auch Johannes Brahms: „Er spielte seine Sonate in d-Moll und begleitete Frau Speyer bei einigen seiner Lieder. Ich ging später mit ihm fort. Er ist sehr unterhaltsam, aber schrecklich von sich eingenommen, und er gefällt mir eigentlich nicht.“ Auch den Maler Hans Thoma lernte er dort kennen.
Besonders enge Verbindungen ergaben sich dort für ihn zu Cosima Wagners Tochter Daniela Thode, mit der er bis zu seinem Lebensende in Freundschaft verbunden blieb, sowie deren Halbbruder Siegfried Wagner. In der biographischen Literatur wird allgemein davon ausgegangen, dass Harris und Siegfried Wagner eine intime Beziehung hatten, allerdings ist dies nicht im Detail festzumachen, da die publizierten Quellen diesen Bereich schamvoll aussparen und der Briefwechsel der beiden entweder vernichtet wurde oder unter Verschluss ist.
Auf Einladung Wagners besuchte Harris 1891 zum ersten Mal die Bayreuther Festspiele, wo er alsbald die englische Korrespondenz der Festspielleitung führte und ausländische Festspielgäste betreute.
1892 lud Clement Harris Siegfried Wagner zu einer sechsmonatigen Reise nach Indien und China ein, die hauptsächlich auf Handelsschiffen der Reederei von Harris’ Vater durchgeführt wurde. Auf See beschäftigten sich beide mit klassischer europäischer Bildungslektüre. Harris las unter anderem John Miltons Paradise Lost und begann mit Skizzen für eine sinfonische Dichtung über dieses Werk, während gleichzeitig Siegfried Wagner ein Orchesterwerk über das Gedicht Sehnsucht von Friedrich Schiller begann. In seinen Erinnerungen schrieb Wagner später: „Auf der bald nach dem Karlsruher Aufenthalt erfolgten sechsmonatlichen Reise nach Indien und China fasste ich den Entschluss, der Architektur Valet zu sagen und mich ganz der Musik zu widmen.“ Claus Victor Bock kommentierte: „Man darf sagen, dass die noch heute lebendige Tradition der Familie Wagner, die Bayreuther Festspiele, dem Vorbild Cosimas folgend, selbst zu leiten, auf Clement Harris zurückgeht.“ Im Juni 1892 brach Wagner die Reise ab, um mit einem schnelleren Schiff nach Europa zu den Festspielproben zurückzukehren.
Auf der Rückreise legte Harris einen Zwischenstopp in Tanger bei seinem Bruder Walter ein und kehrte dann nach England zurück. Ab November 1892 begab er sich als Begleitung des Landgrafen von Hessen bis zum Frühjahr 1893 auf seine zweite große Auslandsreise, diesmal nach Ägypten, Palästina, Griechenland und Italien.
Die produktiven Jahre 1893–1896
Im Lauf des Jahres 1893 fasste Harris den Entschluss, seine musikalische Karriere auf weitere Standbeine zu stellen und sich vermehrt dem Komponieren und Dirigieren zu widmen:
Auf Empfehlung seiner Freundin Daniela Thode wandte er sich an den Heidelberger Musikprofessor Philipp Wolfrum, um sich von ihm privat ausbilden zu lassen. Im November 1893 siedelte Harris nach Heidelberg um, wo er bis Herbst 1896 mit Unterbrechungen überwiegend lebte und arbeitete. In diesen Jahren entstand der wesentliche Teil seines kompositorischen Schaffens. Ab Herbst 1894 schrieb er sich auch als regulärer Student an der Universität Heidelberg ein, um bei Henry Thode kunstgeschichtliche Vorlesungen zu hören.
Am 10. September 1895 wurde Harris’ mittlerweile fertiggestellte Sinfonische Dichtung Paradise Lost auf besonderen Wunsch des damaligen Prince of Wales in Bad Homburg vor der Höhe uraufgeführt. Harris berichtet ironisch über die Reaktionen des adeligen Publikums:
Aufgrund dieser Aufmerksamkeit erhielt Harris den Auftrag, eine Festmusik für die Hochzeit der englischen Prinzessin Maud mit dem Prinzen Carl von Dänemark zu schreiben. In dem für diesen Anlass entstandenen Festival March verarbeitet Harris ein eigenes Marschthema kontrapunktisch mit dem Lied Rule Britannia und der dänischen Königshymne Kong Christian stod ved højen mast. Die Uraufführung der Orchesterfassung fand am 2. Juni 1896 unter der Leitung des Komponisten im Heidelberger Museum statt. In London wurde der Marsch wenig später bei einem Hofkonzert anlässlich der Hochzeit gespielt. Bei der Trauung selbst, die am 22. Juli 1896 in der Kapelle des Buckingham Palace stattfand, erklang das Werk in einer (heute verlorengegangenen) Orgelfassung. Dass Harris zeitweise als der zweitbekannteste englische Komponist nach Edward Elgar galt, ist einer Vermutung des Musikwissenschaftlers Peter P. Pachl zufolge möglicherweise der gesellschaftlichen Beachtung dieses Ereignisses geschuldet.
In Heidelberg lernte Clement Harris den sechs Jahre älteren englischen Berufsoffizier Lionel Dunsterville kennen, dem er seine Klavieretüde Il Penseroso widmete. Von ihm lernte Clement Harris militärisches Denken kennen. Die beiden blieben bis zu Harris’ Tod in freundschaftlichem Briefkontakt verbunden.
Ende 1896 entschloss sich Harris zu einer Reise nach Griechenland: