Clemens Heinrich Krauss (* 31. März 1893 in Wien, Österreich-Ungarn; † 16. Mai 1954 in Mexiko-Stadt) war ein österreichischer Dirigent und Theaterleiter. Krauss wurde vor allem als Interpret der Werke von Richard Strauss bekannt; er verfasste das Libretto zu dessen Oper Capriccio mit und dirigierte die Uraufführungen von vier seiner Opern.
1929 kreierte er in Salzburg philharmonische Konzerte mit Werken von Johann Strauss, die zehn Jahre später als Neujahrskonzerte der Wiener Philharmoniker institutionalisiert wurden.
Jugend und Beginn der Karriere
Clemens Krauss war der uneheliche Sohn der Hofoperntänzerin und späteren Sängerin Clementine Krauss und des Rennreiters Hector Baltazzi. Er wurde 1902 Hofsängerknabe an der Wiener Hofmusikkapelle. Er studierte Klavier, Komposition und Chorleitung am Konservatorium der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien und wurde 1913 Chordirektor in Brünn. Nach Stationen am Deutschen Theater in Riga (1913–1914), Nürnberg (1915–1916), Stettin (1916–1921) und Graz (1921) war er von 1922 bis 1924 unter Franz Schalk und Richard Strauss Dirigent am Wiener Operntheater. 1924 ging Krauss als Intendant an die Frankfurter Oper und leitete gleichzeitig die Museumskonzerte. 1929 wurde er als Musikdirektor an die Wiener Staatsoper berufen.
Clemens Krauss dirigierte bei den Salzburger Festspielen von 1926 bis 1953 – während aller Staatsformen in diesen Jahren (Erste Republik, Ständestaat, Drittes Reich und Zweite Republik). Er leitete dort vier Opern von Mozart, Beethovens Fidelio und sieben Werke von Richard Strauss. Seine ersten Engagements – Ariadne auf Naxos (1926) und Der Rosenkavalier (1929) – galten Richard-Strauss-Opern und kamen auf Betreiben des Komponisten zustande. Ihm wurden aber auch bereits 1926 zwei Orchesterkonzerte übertragen. Die allermeisten Aufgaben fielen dem Dirigenten in den Jahren 1931 bis 1934 zu – alljährlich Dirigate von vier bis sechs Opern und ein oder zwei Konzerten mit den Wiener Philharmonikern.
In den Jahren 1929 bis 1933 leitete Clemens Krauss alljährlich in Salzburg ein Festspielkonzert, welches ausschließlich Werken der Strauss-Dynastie gewidmet waren – Vorläufer der Wiener Neujahrskonzerte. Ein weiteres dieser Johann-Strauss-Konzerte mit den Wiener Philharmonikern fand bei den Salzburger Festspielen 1939 statt.
Bis heute ist umstritten, ob Krauss überzeugter Nationalsozialist war; schriftliche Belege dafür gibt es nicht. Andererseits war der Komponist Gottfried von Einem, der Krauss gegen Ende des Krieges häufig sah, überzeugt, dass dieser „kein Nazi“ gewesen sei. Der Bariton Hans Hotter und Krauss’ langjähriger Assistent Erik Maschat urteilten ähnlich. Gleichwohl ist seine persönliche Nähe zu Adolf Hitler, Joseph Goebbels und Hermann Göring offenkundig.
Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten in Deutschland war Krauss bereit, die betont anti-nationalsozialistische Oper Karl V. von Ernst Krenek in Wien im Februar 1934 zur Uraufführung zu bringen. Auf massiven Druck von Nationalsozialisten, Funktionären der Heimwehr und auch des Vorstandes der Wiener Philharmoniker musste Krauss die geplante Uraufführung jedoch verschieben. Zusätzlich brachte ihm dieser Einsatz ein Disziplinarverfahren ein. Im selben Jahr erhielt er jedoch das Angebot von Hermann Göring, als Ersatz für Wilhelm Furtwängler an die Berliner Staatsoper zu wechseln. Beispielhaft für die angespannte Situation in Wien ist eine Falstaff-Aufführung am 11. Dezember 1934, bei der es zu lautstarken Kundgebungen für und gegen Krauss kam, die erst durch die Polizei aufgelöst werden konnten. Angesichts der prekären Lage in Wien und des Wunsches seiner Ehefrau Viorica Ursuleac, die sich in Berlin mehr Möglichkeiten für Solopartien versprach, entschloss sich Krauss im Dezember 1934 zum Wechsel nach Berlin; neben Viorica Ursuleac folgten ihm auch Adele Kern, Josef von Manowarda und Franz Völker nach Deutschland.
Gegenüber den hohen NS-Funktionären in Berlin stellte sich Krauss als Opfer politischer Verfolgung dar und beklagte den kulturpolitischen Schaden, der in Wien entstanden sei. Krauss suchte direkten Kontakt mit Adolf Hitler, der den Dirigenten sehr schätzte und ihn Ende 1935 ins Haus Wachenfeld einlud. Hitler stellte Krauss bei diesem Treffen eine Berufung nach München in Aussicht. Ab 1936 wirkte er daher an der Bayerischen Staatsoper in München, wurde 1937 zum Generalmusikdirektor ernannt (bis 1944) und hatte dort bis 1940 auch die Intendanz inne. Joseph Goebbels ernannte ihn im November 1935 zum „Reichskultursenator“.
1934 lernte Krauss am Royal Opera House in London die britischen Schwestern Ida und Louise Cook kennen. Er dirigierte damals die britische Erstaufführung von Arabella, Viorica Ursuleac sang die Titelpartie. Nach Ida Cooks Autobiografie We followed our Stars baten Clemens Krauss und Viorica Ursuleac die Schwestern, deutschen Juden zur Flucht nach Großbritannien zu verhelfen. In der Folge schmuggeln die beiden Wertsachen der Verfolgten nach London und besorgten Visa, Wohnplätze und Arbeit. Getarnt wurden die Reisen als Opernbesuche an der Bayerischen Staatsoper und an anderen Aufführungsorten, an welchen Ursuleac und/oder Krauss auftraten.
Nach dem „Anschluss“ Österreichs an das nationalsozialistische Deutschland bemühte sich Clemens Krauss unentwegt, erneut Direktor der Wiener Staatsoper zu werden. Im Mai 1941 hatte er nach sechs Jahren wieder eine Unterredung mit Hitler, in der es nur um Krauss’ Wiener Ambitionen ging. Hitler lehnte es rundherum ab, Krauss nach Wien gehen zu lassen. Am 13. September 1941 erfolgte die Ernennung zum Leiter der Salzburger Festspiele.
Goebbels klärte am 17. November 1938 zusammen mit Krauss einige Fragen über die Zukunft des Mozarteums in Salzburg. Krauss war bereit, die Leitung zu übernehmen und eine Dirigentenschule aufzubauen. Auf seine Initiative hin wurde das Mozarteum am 13. Juni 1939 eine Musikhochschule. Clemens Krauss wurde am selben Tag gegen den Widerstand der Gauleitung München zum Oberleiter der Musikhochschule Mozarteum und Leiter der Stiftung Mozarteum ernannt. Die Gauleitung in München sprach Krauss die politische Eignung für dieses Amt mit der Begründung ab, dass er weder Mitglied der NSDAP noch anderer NS-Verbände sei. Die Beziehung zu Hitler und zu Goebbels schützten Krauss jedoch vor diesen Einwänden; zudem bescheinigten die Wiener NSDAP-Stellen Krauss, stets nationalsozialistisch eingestellt gewesen zu sein. Während des feierlichen Eröffnungsakts der Musikhochschule Mozarteum waren der preußische Kultusminister und Reichsminister für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung, Bernhard Rust, Gauleiter Friedrich Rainer und hohe Vertreter der NSDAP im Großen Saal des Mozarteums anwesend. Clemens Krauss sagte während seiner Ansprache:
Künstlerischer Leiter der Salzburger Festspiele ab 1941
Im Jahr 1941 sah Krauss die Salzburger Festspiele 1942 in Gefahr, „dem Zugriff der Berliner kunstpolitischen Stellen zum Opfer zu fallen.“ Die Festspiele sollten durch Reichsdramaturg Rainer Schlösser und die Musikstelle des Propagandaministeriums geleitet werden. „Es war geplant, den Wiener Philharmonikern ihr Vorrecht auf Salzburg zu entziehen, die Schauspielaufführungen mit Berliner Künstlern durchzuführen etc.“ Auf Bitten der damaligen Salzburger Behörden stellte sich Krauss für die Leitung der Salzburger Festspiele zur Verfügung.
Krauss hatte im Dritten Reich zahlreiche künstlerische Tätigkeiten inne. Am 13. September 1941 erhielt Clemens Krauss von Hitler den Auftrag, die Salzburger Festspiele als künstlerischer Leiter zu übernehmen. Krauss wachte nach eigener Aussage „kraft [seiner] künstlerischen Autorität darüber, daß den Festspielen der österreichische Charakter gewahrt blieb.“
Gegenüber dem Wiener Reichsleiter Baldur von Schirach betonte Krauss, dass er „nach wie vor Wert darauf lege, daß die Wiener Staatsoper bei diesen Festspielen maßgeblich vertreten sei, allerdings käme eine solche Einladung nur für jene Körperschaften in Betracht, die noch intakt und auf künstlerischer Höhe sind.“