Clarence Seward Darrow (* 18. April 1857 in Kinsman, Ohio; † 13. März 1938 in Chicago, Illinois) war ein US-amerikanischer Rechtsanwalt. Er war darüber hinaus ein führendes Mitglied der US-amerikanischen Bürgerrechtsorganisation American Civil Liberties Union.
Darrow wurde durch einige Aufsehen erregende Prozesse bekannt, unter anderem durch seine Verteidigung der jungen Mörder Leopold und Loeb im Verfahren um die Ermordung des 14-jährigen Bobby Franks (1924) und durch die Verteidigung von John Thomas Scopes im so genannten Scopes-Prozess, bei dem er dem berühmten Staatsanwalt William Jennings Bryan gegenüberstand. Berühmt wurde ebenso der Freispruch für Ossian Sweet. Darrow war bekannt für seinen scharfen Verstand, sein Mitgefühl und auch für seinen Agnostizismus. Er gilt als einer der berühmtesten amerikanischen Anwälte und Bürgerrechtler.
Darrow wurde als Sohn von Amirus Darrow, einem überzeugten Abolitionisten (Gegner der Sklaverei), und von Emily Darrow geboren, einer frühen Frauenrechtlerin. Er besuchte das Allegheny College und studierte anschließend ein Jahr lang an der Universität Michigan Jura.
Vom Wirtschaftsanwalt zum Arbeitsrechtler
Darrow begann seine Karriere in Youngstown, Ohio, wo er 1878 als Rechtsanwalt zugelassen wurde. Später zog er nach Chicago, Illinois und arbeitete bald als Syndikusanwalt für eine Eisenbahngesellschaft. 1894 wechselte er jedoch die Seiten und vertrat den Eisenbahngewerkschaftsführer Eugene V. Debs beim Pullman-Streik-Prozess. Hierfür gab er sogar seine Stellung als Syndikus auf, obwohl dies für ihn einen herben finanziellen Verlust bedeutete.
Vom Arbeitsrechtler zum Strafverteidiger
Ebenfalls 1894 begann er als Strafverteidiger zu arbeiten und übernahm seinen ersten Mordfall. Patrick Eugene Prendergast hatte gestanden, den Chicagoer Bürgermeister Carter Harrison Sr. getötet zu haben. Darrow plädierte auf Unzurechnungsfähigkeit, erlebte aber vor Gericht eine Niederlage. Prendergast wurde noch im selben Jahr hingerichtet. Das blieb für den vehementen Gegner der Todesstrafe aber der einzige der rund 50 Mordprozesse seiner Karriere als Verteidiger, der mit der Hinrichtung eines Mandanten endete. Bereits Anfang des 20. Jahrhunderts war er einer der bekanntesten Strafverteidiger Chicagos.
Einen seiner spektakulärsten Fälle hatte Darrow 1907. In den 1890er Jahren hatte es in den Silberminen im Norden Idahos militante Auseinandersetzungen zwischen Minenbesitzern und Gewerkschaften gegeben, die im Verdacht standen, u. a. mehrere Bombenanschläge verübt zu haben. Die Minenbesitzer wurden von dem demokratischen (mit Hilfe der Gewerkschaften gewählten) Gouverneur Frank Steunenburg unterstützt, der Regierungstruppen angefordert hatte und über 1000 männliche Bewohner der von den Gewerkschaften kontrollierten Städte ohne Prozess internieren ließ. Am 30. Dezember 1905 wurde Steunenburg vor seinem Haus durch ein Bombenattentat getötet. Nach dem Hinweis einer Kellnerin wurde ein gewisser Harry Orchard festgenommen, der schließlich – nach Einschalten des berühmten Pinkerton-Detektivs James MacParland – das Bombenattentat sowie weitere Morde gestand, die er im Auftrag der Gewerkschaft WFM begangen haben wollte. Der Sekretär und Schatzmeister der WFM William Dudley Haywood, Präsident Charles Moyer und Berater George Pettibone wurden daraufhin unter strenger Geheimhaltung (aber mit Zustimmung des Gouverneurs von Colorado) in Denver festgenommen und nach Idaho gebracht. Zunächst versuchte der Gewerkschaftsanwalt Edmund Richardson die Legalität der Festnahme anzugreifen, scheiterte aber selbst vor dem Obersten Gerichtshof (Dezember 1906, Pettibone vs. Nichols, mit nur einer Gegenstimme) – Gewaltanwendung des Staates wäre kein Hinderungsgrund gegen eine Anklage. Diese wurde nun von zwei der bekanntesten Anwälte Idahos, dem späteren Senator William Borah, der auch die größte Kanzlei in Idaho hatte, und dem erfahrenen Staatsanwalt James Hawley, vorbereitet. Prozessort war Boise.
Die Verteidigung von William Dudley Haywood, der als Erster angeklagt wurde, holte nun Clarence Darrow ins Verteidigerteam, dem es zunächst gelang, einen Zeugen der Anklage aus den Reihen der Gewerkschaften, der wegen der Bombenattentate selbst unter Anklage stand, wieder umzudrehen – Darrow erreichte sogar bei dessen Prozess eine Jury-Blockade –, so dass Orchard nun wieder einziger Zeuge der Anklage war. Allein die Jury-Auswahl (ab Mai 1907) für den Sensationsprozess dauerte sechs Wochen. Zunächst nahm Richardson Orchard 26 Stunden ins Kreuzverhör, ohne seine Aussage sonderlich erschüttern zu können. Danach rief die Verteidigung über 100 Zeugen auf, um Details der Aussagen von Orchard zu widerlegen. William Haywood selbst machte im Zeugenstand eine gute Figur und ließ sich auch durch das fünfstündige Kreuzverhör von Borah nicht aus der Ruhe bringen. In seiner elfstündigen Verteidigungsrede, die die anwesenden Damen nach Presseberichten stellenweise zu Tränen rührte, stellte Darrow Orchard als Lügner hin und brach eine Lanze für die Gewerkschaften. Am 29. Juli wurde Haywood nach 20 Stunden Beratung der Jury freigesprochen. Auch Pettibone wurde freigesprochen, der Prozess gegen den Dritten gar nicht erst eröffnet. Orchard wurde wegen des Mordes am Gouverneur zum Tode verurteilt, was dann in eine lebenslange Freiheitsstrafe umgewandelt wurde. Der Prozess markierte auch das Ende des von beiden Seiten mit brutalen Methoden geführten „Klassenkampfes“ im Minenrevier von Idaho.
Darrows nächster bedeutender Fall betraf die McNamara-Brüder, die eines Bombenanschlags auf das Gebäude der Los Angeles Times im Oktober 1911 mit 20 Todesopfern angeklagt waren. Einige Gewerkschaften unternahmen damals zahlreiche Bombenanschläge, um Arbeitgeber an den Verhandlungstisch zu zwingen. Der Herausgeber der Zeitung war ein vehementer Gewerkschaftsgegner. Darrow war sich von vornherein darüber im Klaren, dass seine Mandanten schuldig waren, und plante aus dem Fall einen „Cause Celébre“ des Kampfes der Arbeiter gegen Unterdrückung zu machen. Als jedoch beobachtet wurde, wie einer seiner Mitarbeiter einem der Geschworenen Bestechungsgelder übergab, während Darrow sich in Sichtweite des Geschehens befand, wurde er dazu gezwungen, auf schuldig zu plädieren. Zumindest konnte er für seine Mandanten die Todesstrafe verhindern; die McNamara-Brüder wurden lediglich zu Freiheitsstrafen verurteilt.
Die Bestechungsversuche hatten ein langes gerichtliches Nachspiel. In einem ersten Prozess wurde er – verteidigt durch den berühmten Anwalt Earl Rogers – freigesprochen, im zweiten, als er sich selbst verteidigte, erreichte er, dass die Jury zu keiner Entscheidung kam. Er musste aber zusagen, niemals wieder in Kalifornien als Anwalt aufzutreten. Eine weitere Folge der Anklagen war, dass er aus der Liste der Gewerkschafts-Verteidiger gestrichen wurde, so dass er sich fortan auf das Strafrecht konzentrierte.
1924 übernahm Darrow den Fall Leopold und Loeb. Beide waren hochintelligente Studenten, die angeklagt waren, den 14 Jahre alten Jungen Bobby Franks entführt und ermordet zu haben. Sie waren zur Tatzeit 18 bzw. 19 Jahre alt und damit noch minderjährig. Einziges Motiv für die Tat war der Ehrgeiz der beiden Studenten, den perfekten Mord zu begehen. Darrow überzeugte seine Mandanten, sich schuldig zu bekennen, um so eine Entscheidung durch eine Jury zu verhindern, die in der aufgeheizten öffentlichen Atmosphäre voraussichtlich zu Ungunsten seiner Mandanten ausgefallen wäre. Aufgrund des Schuldbekenntnisses wurde das Urteil allein durch den Richter gefällt. Vor diesem argumentierte Darrow in einem mehrtägigen Plädoyer, das als eines der besten seiner Karriere gilt. Zuvor waren zahlreiche Psychiater für die Verteidigung gehört worden, die so auch die Theorien Sigmund Freuds der amerikanischen Öffentlichkeit nahebrachten. Der Prozess erregte außerordentliche öffentliche Aufmerksamkeit im ganzen Land. Darrows einziges Ziel war es gewesen, die Todesstrafe zu verhindern, was er schließlich erreichen konnte. Darrow war ein überzeugter und engagierter Gegner der Todesstrafe. Der Richter meinte allerdings in der Urteilsbegründung, für die er sich zehn Tage Zeit ließ, dass die Argumente der Psychiater ihn kaum beeindruckt hätten, er wollte nur keinen Präzedenzfall für die Todesstrafe an Jugendlichen schaffen.