Cäcilia Edith „Cilly“ Aussem, ab 1936 Gräfin Cäcilia Edith Murari Dalla Corte Brà (* 4. Januar 1909 in Köln; † 22. März 1963 in Portofino, Italien) war eine deutsche Tennisspielerin. Sie gewann 1931 als erste Deutsche den Titel von Wimbledon und im selben Jahr auch die French Open. Während ihrer bis 1935 andauernden, mehrmals durch Krankheiten unterbrochenen Karriere war Aussem darüber hinaus bei zahlreichen internationalen Turnieren erfolgreich, darunter dreimal bei den Internationalen Tennismeisterschaften von Deutschland in Hamburg. Auf der von Arthur Wallis Myers erstellten Weltrangliste wurde sie 1930 und 1931 auf dem zweiten Platz geführt.
Aussem wurde 1909 in eine vermögende Kölner Kaufmannsfamilie geboren. Ihr Vater Johann „Jean“ Aussem hatte es als Generalvertreter der französischen Käsefirma Gervais in Deutschland zu Wohlstand gebracht. 1916 wurde Cilly in die Ursulinenschule in Köln eingeschult. Anschließend besuchte sie von 1918 bis 1923 ein Internat in Montreux am Genfersee.
Nach ihrer Rückkehr aus der Schweiz kam Aussem auf Betreiben ihrer ehrgeizigen und dominanten Mutter Ursula Franziska „Helen“ Wiesbaum, die ein engagiertes Mitglied des KTHC Stadion Rot-Weiss war, mit dem Tennis in Kontakt. Aussem schilderte ihre Anfänge im Tennis später so: „Im Sommer 1923 schleppte mich meine Mutter zum Rot-Weiß Klub meiner Heimatstadt Köln, wo sie unter der Fuchtel von Roman Najuch morgens zur Gymnastik den Schläger schwang.“ Bereits nach wenigen Wochen meldete sie sich im Herbst zu ihrem ersten Turnier an und schlug die favorisierte Ruth Zweiffel, die bei den deutschen Jugendmeisterschaften zuvor den zweiten Platz belegt hatte. Aussem wurde in ihren ersten Jahren neben Najuch auch von Willi Hannemann trainiert. 1924 trat sie in Meran zu ihrem ersten Auslandsturnier an. Im Jahr darauf gewann sie mit einem Sieg im Finale über ihre Klubkameradin und Freundin Irmgard Rost (1909–1990) die deutschen Meisterschaften der Juniorinnen.
Aufstieg zur Spitzenspielerin (1926–1929)
1926 gelang Aussem ein Turniersieg in Montreux, wobei sie die Französin Germaine Golding, dreifache Finalistin bei den French Open, schlagen konnte. Im August gewann sie im Mixed mit Hans Moldenhauer bei den deutschen Meisterschaften in Hamburg den Titel.
Im Frühjahr 1927 nahm Aussem zum ersten Mal an den Turnieren an der Riviera teil. In Nizza wurde sie im Halbfinale von der Spanierin Lilí Álvarez gestoppt. Bei ihrem ersten Auftritt bei den French Open gelangen ihr Achtungserfolge über die Französinnen Helene Contostavlos und Simonne Mathieu, bevor sie im Viertelfinale gegen Irene Peacock aus Südafrika in drei Sätzen ausschied. In Wimbledon musste sie sich bereits in der ersten Runde der Britin Betty Nuthall mit 3:6 und 4:6 geschlagen geben. Bei den deutschen Meisterschaften in Hamburg errang sie zum ersten Mal den Titel, ohne dabei einen Satz abzugeben. Im Finale schlug sie dort Ilse Friedleben mit 6:3 und 6:3. Im September gewann sie mit einem Finalsieg über Lilí Álvarez in Le Tourquet einen weiteren Titel.
Das Jahr 1928 begann für Aussem mit einer Reihe unerwarteter Niederlagen. Obwohl sie in der Presse für Monte Carlo nach einer Absage von Álvarez bereits als Favoritin gehandelt wurde, verlor sie dort früh gegen die Außenseiterin Dallas Corbiere aus den USA. In Cannes erreichte sie das Finale, in dem sie jedoch gegen Elizabeth Ryan mit 2:6 und 0:6 chancenlos blieb. In der einheimischen Presse wurde Aussem daraufhin scharf kritisiert. Die Frankfurter Zeitung vermutete einen „Mangel an Training“ und konstatierte weiter, dass „die Achtzehnjährige, durch den Übereifer ihrer Umgebung unruhig geworden, vielleicht auch etwas übertrainiert, die unumgänglich nötigen Nerven verlor, die ihre technisch keineswegs besseren englischen und amerikanischen Gegnerinnen besaßen.“
Anschließend erholte sich Aussem von ihrem Formtief und errang Turniersiege in Biarritz und Montreux. Bei den French Open 1928 traf sie in der zweiten Runde auf die damals beste Spielerin der Welt, die Amerikanerin Helen Wills, und musste erwartungsgemäß eine klare Niederlage hinnehmen. Ein Finaleinzug gelang ihr wenig später bei den holländischen Meisterschaften in Scheveningen, bei dem sie sich gegen Cornelia Bouman jedoch nicht durchsetzen konnte. Nachdem sie in Wimbledon in der dritten Runde gegen Lili Álvarez ausgeschieden war, kehrte sie zu einem internationalen Turnier in ihre Heimatstadt Köln zurück. Dort erlitt sie im Finale gegen Toni Richter-Weihermann, einer Schwester von Ilse Friedleben, bei sengender Hitze im zweiten Satz einen Hitzschlag, der sie zur Aufgabe zwang. Kurz darauf konnte sie sich revanchieren und gewann gegen Richter-Weihermann im Finale von Bad Kreuznach. In Hamburg konnte sie ihren deutschen Meistertitel nicht verteidigen und verlor das Finale gegen die Australierin Daphne Akhurst.
Bei einem kleineren Turnier auf den Plätzen des Hamburger Vereins Vor dem Dammtor kam es im August 1928 zu einem Zwischenfall. Als Aussem in einem Spiel gegen die deutlich schlechter eingeschätzte Paula von Reznicek in Rückstand geriet, beschuldigte Aussems Mutter Helen deren Kontrahentin, Cilly hypnotisiert zu haben. In der Folge kam es zu Handgreiflichkeiten zwischen von Reznicek und Aussems Mutter, bei denen Helen Aussem leicht verletzt wurde. Die beiden Frauen zeigten sich daraufhin gegenseitig an, Helen Aussem aufgrund von Körperverletzung und von Reznicek wegen „Diffamierung“. In einem Brief an den Präsidenten des DTB, Gerhard Weber, wiederholte Helen Aussem ihre Vorwürfe und forderte ihn auf, etwas gegen das vermeintliche Hypnotisieren zu unternehmen. Ein paar Wochen später zogen beide unter Vermittlung des DTB-Vorstands ihre Anzeigen zurück und äußerten ihr Bedauern über den Vorfall.
Für den Rest des Jahres 1928 nahm Aussem an keinem Turnier mehr teil. Sie begab sich nach München und ließ dort ihr Augenleiden behandeln, das sich jedoch im Laufe ihres Lebens weiter verschlechterte. Am Ende des Jahres wurde sie in der deutschen Rangliste auf dem ersten Platz gesetzt. Der englische Journalist Arthur Wallis Myers nahm Aussem erstmals in seine Weltrangliste auf und setzte sie auf Position sieben.
Im Frühjahr 1929 kam Aussem in Monte Carlo und in Nizza jeweils bis ins Halbfinale. In Menton drang sie sogar bis ins Finale vor, in dem sie Phyllis Covell in zwei Sätzen unterlag. Bei den French Open erreichte sie das Halbfinale, in dem sie sich in einem engen Match der Französin Simonne Mathieu mit 6:8, 6:2 und 2:6 geschlagen geben musste. Nachdem sie in Wimbledon im Achtelfinale gegen Joan Ridley ausgeschieden war, musste sie erneut aufgrund gesundheitlicher Probleme die Saison frühzeitig beenden.
Anfang 1930 traf Aussem in Südfrankreich die amerikanische Tennislegende Bill Tilden, der sie anschließend auch trainierte. Durch das Training mit Tilden konnte Aussem ihre Stärken – eine harte Vorhand und ihre hervorragende Beinarbeit – noch weiter verbessern. Außerdem gelang es Tilden Aussem, die bis dahin Niederlagen nur schwer verkraften konnte und nicht selten auf dem Platz in Tränen ausbrach, psychisch zu stabilisieren.
Das Training mit Tilden trug schnell Früchte. Im Frühjahr gewann Aussem insgesamt vier Einzeltitel, darunter die südfranzösischen Meisterschaften in Nizza und das Turnier von Monte Carlo, und deklassierte ihre Gegnerinnen reihenweise. Daneben war sie zehnmal im Doppel und im Mixed mit ihrem Trainer Tilden erfolgreich. Die Berliner Zeitung schrieb: „Nach Helen Wills ist Cilly Aussem derzeit die stärkste Spielerin der Welt und sogar in ihrer jetzigen Verfassung für Miss ‚Pokerface‘ [Helen Wills] eine Gefahr, die nicht zu unterschätzen ist.“ Vor den French Open gewann Aussem in Wien im Einzel, Doppel und auch im Mixed. In Paris drang sie ohne Schwierigkeiten ins Halbfinale vor, blieb dort allerdings gegen Helen Wills chancenlos und unterlag mit 1:6 und 0:6. Im Mixedwettbewerb gewann sie dagegen an der Seite von Tilden ihren ersten Titel bei einem Grand-Slam-Turnier.
In Wimbledon schlug sie im Viertelfinale die damalige Nummer zwei der Welt, die Amerikanerin Helen Jacobs, und „überrannte“ dabei ihre Gegnerin. Das Halbfinale gegen die fast 17 Jahre ältere Elizabeth Ryan verlief über weite Zeit ausgeglichen, bis Aussem beim Stand von 4:4 im dritten Satz stürzte und sich am Knöchel verletzte. Sie versuchte zunächst dennoch, weiterzuspielen, musste nach einem Schwächeanfall allerdings vom Platz getragen werden. Nach einer kurzen Verletzungspause stand sie wieder bei den deutschen Meisterschaften in Hamburg auf dem Platz und konnte dort zum zweiten Mal den Titel gewinnen. Am Ende des Jahres 1930 wurde Aussem auf Platz zwei der Weltrangliste geführt.