Chrysi Avgi (griechisch Χρυσή Αυγή [xriˈsi avˈʝi], „goldene Morgendämmerung“ oder „goldene Morgenröte“) ist eine neofaschistische und rechtsextreme Partei in Griechenland sowie eine kriminelle Vereinigung. Begründet wurde sie 1985 im Umfeld der seit 1980 erscheinenden gleichnamigen Zeitung; seit 1993 ist sie als Partei registriert, von 2012 bis 2019 war sie im griechischen Parlament vertreten. Die Vereinigung ist verantwortlich für die anhaltenden Gewalttaten gegen politische Gegner, Migranten, Nicht-Heterosexuelle und allgemein Andersdenkende in Griechenland. Gründer, Vorsitzender und Rädelsführer der Chrysi Avgi ist Nikolaos Michaloliakos.
Positionen der Chrysi Avgi umfassen territoriale Ansprüche an Nachbarstaaten sowie eine Politik gegen Einwanderer. Die Partei vertritt den Standpunkt, dass sich die griechische Wirtschaft durch Ölbohrungen wieder erholen soll. Anderen Parteien gegenüber wird eine polemische Sprache angewendet. So sei diesbezüglich von Diebstahl und Korruption die Rede, vor allem in Bezug auf das von der Troika verordnete Sparprogramm. Zudem mache die Partei Stimmung gegen LGBT. Die Partei diskriminiere Menschengruppen auf der Basis von Hautfarbe oder sexueller Orientierung und spreche ihnen universelle Rechte ab, so die außerordentliche Professorin für Politikwissenschaften Vassiliki Georgiadou von der Pantion-Universität Athen. Mitglieder der Partei würden die ehemaligen Diktatoren Ioannis Metaxas und Georgios Papadopoulos verehren.
Es finden regelmäßig öffentliche Versammlungen tausender Anhänger der Chrysi Avgi, meist zum Jahrestag eines verstorbenen Nationalhelden oder als Protest um ehemalige griechische Gebiete, statt (z. B. der jährliche Protest „IMIA’ 96“, bei dem gegen die türkische Regierung und den türkischen Staat protestiert wird, da die Türkei Anspruch auf einige kleinere griechische Inseln erhebt, oder zum Gedenken des Falls von Konstantinopel).
In einem Interview mit Die Welt sagen Theodoros Koudounas und der Abgeordnete Ioannis Vouldis, die Partei strebe eine Revolution und eine neue Zivilisation an. Zu diesem Zweck sollten „nur noch Menschen rein griechischen Blutes“ Wahlrecht haben, wenn eines Tages die „Goldene Morgendämmerung“ an die Macht komme. Bis dahin sei es ein weiter Weg, denn sie würden mit niemandem koalieren und wollten die absolute Mehrheit. Zudem soll das Bildungssystem geändert werden, um aus Griechenlands Jugend „eine wahre Nation“ zu formen. Gegenwärtig seien die Griechen „nur ein Volk, nicht eine Nation – denn zur Nation gehört eine Vision“. Daher solle der Geschichtsunterricht revolutioniert werden, Altgriechisch würde Pflichtfach werden.
Charis Kousoumbris, ein früheres Parteimitglied, verfasste das Buch Geständnis eines Chrysi-Avgi-Mitglieds (Η εξομολόγηση ενός Χρυσαυγίτη). Er schrieb darin, ihm sei vorgeschrieben worden, Adolf Hitlers Mein Kampf und die Schriften von Joseph Goebbels zu lesen, bevor er ein volles Mitglied der Partei geworden sei. In Kämpfen mit politischen Rivalen habe er Verletzungen davongetragen und sei dazu gezwungen worden, Gewalt gegenüber seinen Freunden anzuwenden, weil deren Meinung nicht mit dem Führer übereingestimmt habe. Auch die Turner Diaries von William Luther Pierce wurden bereits von der Partei beworben. Dimitri Psarras, Autor des Buchs Schwarzbuch Chrysi Avgi, sagte: „Diese Leute waren gewalttätig, lange bevor sie Mitglieder des Parlaments wurden. Es ist keine neo-faschistische oder extreme rechte Bewegung. Es ist die einzige Organisation in Griechenland, die Hitlerismus liebt und Alfred Rosenberg oder Goebbels liest. Gewalt ist für sie die Botschaft ihrer Politik“.
Am 25. August 2012 hielt Nikolaos Michaloliakos eine Rede vor Anhängern der Chrysi Avgi. Diese hielten Fackeln und sangen eine griechische Übersetzung des Horst-Wessel-Lieds. Die Versammelten riefen zudem „Blut und Ehre“, worauf sie Michaloliakos „Sturmtruppen“ nannte. Das Horst-Wessel-Lied wurde auch bereits bei anderen Veranstaltungen der Partei abgespielt. Laut der Partei gibt es einen Unterschied zum Hitlergruß und dem offiziellen Gruß der Partei, der angeblich „klassisch-dorisch“ sei.
Die jugendlichen Anhänger der Chrysi Avgi („Antepithesi“) haben regelmäßig Versammlungen, so zum Beispiel das Fest der griechischen Jugend unter dem Motto „Nationalismus heißt Widerstand“. Die Partei versucht Workshops und Geschichtsunterricht für Kinder zu etablieren, in denen sie für „nationales Bewusstsein“ und „griechische Ideale“ wirbt. Für die Herausgabe des Magazins Resistance Hellas-Antepithesi arbeitete die Chrysi Avgi mit der National Alliance aus den USA zusammen. In verschiedenen Schulen würden sich Gangs bilden, die ausländische Schüler und ihre Eltern mobben, sagte Nicodemos Maina Kinyua, Redakteur der Zeitschrift Asante. Im November 2012 brach eine Schlägerei zwischen albanischen und griechischen Schülern in einer Schule auf der Insel Kreta wegen eines Facebook-Events aus, das für eine Chrysí-Avgí-Versammlung warb – zwei Schüler kamen ins Krankenhaus. In derselben Schule war es bereits früher wegen nazistischer Parolen auf einer Tafel zum Kampf gekommen. In vielen weiterführenden Schulen beherrscht die Partei die Schülervertretungen. Zudem weist die Galazia Stratia (Blaue Armee), die von nationalistischen Hooligans ins Leben gerufen wurde, eine starke Verbindung zur Chrysi Avgi auf. Zu den Unterstützern und Mitgliedern der Chrysi Avgi zählen auch zahlreiche Mitglieder der griechischen NSBM-Szene, darunter alle Mitglieder der Band Der Stürmer, Aithir von Legion of Doom sowie Giorgos „Kaiadas“ Germenis von Naer Mataron. Die NSBM-Band Bannerwar hat auf ihrem Album To Honour Fatherland („Um [das] Vaterland zu ehren“) einen Mäander abgebildet. Auf dem Cover des Albums Aima ke Timi („Blut und Ehre“) der NSBM-Band Wolfnacht befindet sich ebenfalls ein Mäander und eine aufgehende Sonne. Am 23. Juli 2012 wurde zudem Artemis Matthaiopoulos als Mitglied des Parlaments für die Stadt Serres gewählt, der auch gleichzeitig der Frontmann der Nazipunk-Band Pogrom ist. Zu den Liedern der Band gehören Titel wie Μίλα Ελληνικά ή Ψόφα („Sprecht griechisch oder sterbt“), Auschwitz, welches antisemitische Inhalte aufweist, oder Ροκ για την Πατρίδα („Rock für das Vaterland“), das gegen Ausländer hetzt.
Die Partei versucht für Frauen interessant zu wirken und bietet daher kostenlose Selbstverteidigungskurse für Frauen an. Die „White Women’s Front“ (griechisch Μέτωπο Γυναικών, „Frauenfront“, ohne Hinweis auf „weiß“) hat jedoch keine eigenen politischen Positionen und setzt sich, wie die Partei selbst, gegen Feminismus und für Mutterschaft als höchstes Gut ein.
In den nördlichen und westlichen Stadtteilen, die an das Stadtzentrum Athens angrenzen, gibt es einen besonders hohen Anteil an Chrysi-Avgi-Wählern. Diese Stadtteile waren in den vergangenen Jahren durch „soziale Fehlentwicklungen“ gekennzeichnet. Aber auch in wohlhabenderen Gegenden konnte die Partei Erfolge verzeichnen. Während bei den Wahlen 2009 nur 0,29 % der Bevölkerung (weniger als 20.000 Wähler) die Partei wählten, waren es im Mai 2012 fast 7 %, also mehr als 440.000 Menschen.
Überdurchschnittliche Wahlergebnisse erreicht sie offenbar unter Polizisten, denn in den Wahllokalen, in denen die Polizei wählte, erlangte sie bei den Parlamentswahlen im Juni 2012 17 bis 25 Prozent. Im Schwarzbuch Chrysi Avgi schreibt Dimitris Psarras von einer Osmose zwischen Polizisten und Mitarbeitern bei privaten Sicherheitsdiensten oder der Türsteherszene, die im Nachtclubbereich beschäftigt ist. Die Zeitung The Guardian berichtete vom Vorwurf des Übergriffs der Polizei gegen Demonstranten, die im Anschluss einer antifaschistischen Demonstration festgenommen worden waren. Der Guardian berichtete auch, dass die Polizei Opfern von Gewalt empfohlen habe, sich an die Chrysi Avgi zu wenden. Im September 2013 wurden mindestens vier führende Polizisten versetzt, weil sie Kontakte zur Chrysi Avgi hatten und zum Teil in die Partei verstrickt waren. Im Zuge einer Durchsuchungswelle gegen die Chrysi Avgi im September 2013 wurden zwei weitere Polizeibeamte verhaftet. 10 Polizisten hatten eine direkte Verbindung zu der Partei.