Christine Koch, geb. Wüllner, (* 23. April 1869 in Herhagen, Gemeinde Eslohe; † 18. April 1951 in Schmallenberg-Bracht) war eine deutsche Lyrikerin sauerländischer Mundart.
Christine Koch war das fünfte von sieben Kindern des Bauern Casper Wüllner und seiner Ehefrau Therese Mathilde Luise Nolte. Nach dem Besuch der Volksschule in Reiste und des Lehrerseminars in Duderstadt wirkte sie von 1888 bis 1902 als Lehrerin in Padberg (Sauerland). Anschließend war sie Schulleiterin in einer Mädchenschule in Vogelheim im heutigen Stadtteil Essen-Borbeck, bis sie sich 1905 aus gesundheitlichen Gründen entschied, den Schuldienst zu verlassen. Am 3. Mai 1905 heiratete sie in Bracht (Gemeinde Schmallenberg) den dortigen Gast- und Landwirt Wilhelm Koch. Dieser war gleichzeitig ihr Vetter. Nach dessen Tod 1943 übernahm sie die Gaststätte und war als Wirtin tätig. Ihr Schwager war der Lehrer und Autor Franz Joseph Koch. Die Familie Koch hatte in den 1920er Jahren erhebliche wirtschaftliche Schwierigkeiten. 1931 musste ein Teil des Besitzes verkauft werden. Hinzu kamen gesundheitliche Probleme der Autorin.
Neben der Arbeit als Mutter, Haus- und Landfrau und Gastwirtin schrieb Christine Koch Erzählungen und Gedichte in Sauerländer Mundart. Besonders bekannt wurde sie mit ihren Heimat- und Naturgedichten. Georg Hermann Nellius gab ihr den Beinamen „sauerländische Nachtigall“. 1923 erschien in der Zeitschrift des Sauerländer Heimatbundes De Suerländer ihr erstes Gedicht, 1924 ihr erstes Buch Wille Räousen, 1929 der zweite Gedichtband Sunnenried. 1927 erschien ihr Prosaband Rund ümme’n Stimmstamm rümme. Sie habe, bemerkt ihr Biograf Willy Knoppe, in den 1920er Jahren Gedichte mit „völkisch-nationalistischen Gestus“ geschrieben. Für „völkisch-nationalistisches Gedankengut“ sei sie biografisch „prädisponiert“ gewesen. Sie habe „Klischees der ‚Heimatkunst‘“ aufgegriffen, wenn sie auch nicht in diesem Konzept aufgehe.
Ende der 1920er Jahre gründete der Komponist Georg Hermann Nellius den Sauerländischen Künstlerkreis (SKK), dem Christine Koch beitrat und mit ihr unter anderen auch ihre Freundin Josefa Berens-Totenohl sowie Maria Kahle, beide ebenfalls Schriftstellerinnen und als solche völkische „politische Aktivistinnen“. Geleitet wurde der Kreis in den Folgejahren von Hans Menne, frühes NSDAP-Mitglied.
Nellius vertonte zahlreiche Texte von Koch. Seine 1932 mit einem Staatspreis ausgezeichnete Deutsche Messe war nach einem ihrer Texte komponiert. Berens-Totenohl illustrierte mehrere ihrer Bücher. Sie hielt auch die Laudatio 1939 bei der Verleihung des Klaus-Groth-Preises.
Für Kochs politische Lyrik ab 1933 steht ein von Willy Knoppe in seiner Koch-Dissertation zitiertes Gedicht von 1934 mit den Zeilen:
Ebenfalls von 1934 zitiert Knoppe ein „Gedenken an die Auslandsdeutschen“ zum Lehrerfest in Obermarsberg:
Knoppes Fazit lautet, Kochs Gedichte beinhalteten „eine patriotische bis völkisch-nationalistische Tendenz“. „Darin eingeschlossen“ seien „auch Gedichte mit einer offenen Parteinahme für Hitler und die NSDAP“. Sie weise auch sozialdarwinistische Züge und „Zeichen mangelnder Toleranz Andersdenkender“ [gemeint offenbar: gegenüber Andersdenkenden] auf, so wenn sie die Metapher vom zu beseitigenden „Unkruit“ verwende oder die Gegner des Plattdeutschen mit der Bemerkung bedenke: „un wai’t verachtet, is krank.“ Der Literaturwissenschaftler Steffen Stadthaus von der Literaturkommission des Landschaftsverbands Westfalen-Lippe rechnet sie gemeinsam mit Maria Kahle „der völkischen Literaturszene“ zu.
Der Publizist und Heimatforscher Peter Bürger demgegenüber sieht in ihr eine „Patriotin“, wie sich mit ihrer „Kriegs- und Feldpostdichtung“ erweise, die „ohne ersichtliche Vorbehalte“ gewesen sei. Sie sei sich einer „Differenz zur Weltanschauung der Freundin Josefa Berens durchaus bewußt gewesen“. Gleichwohl habe Koch auf der Grundlage ihrer deutsch-nationalen Gesinnung „spätestens 1932“ teilgehabt „am Rechtsruck in breiten Kreisen“. Bürger zitiert in diesem Kontext einen Weihespruch von Koch zur Einweihung des Kriegerdenkmals in Schliprüthen im November 1933:
Das Führer-Lob habe nach 1936 aufgehört, und Koch sei keine Antisemitin gewesen. Sie habe „betonte Solidarität mit Außenseitern oder Heimatlosen“ gezeigt. Manche „Beispiele ihrer Lyrik“ wiesen „ein hohes Maß an formaler Kunst auf“.
Der NSDAP trat Koch nicht bei, wohl aber schon 1933 der Reichsschrifttumskammer, wozu sie einen Ariernachweis vorlegte.
1939: Preisträgerin des zum ersten Mal gestifteten, mit 1.000 Reichsmark dotierten Klaus-Groth-Preises für niederdeutsche Dichtung und Lyrik
1943: letzte Empfängerin des von 1935 bis 1943 alle zwei Jahre vergebenen, mit 10.000 Reichsmark dotierten Westfälischen Literaturpreises nach Josefa Berens-Totenohl, Maria Kahle, Karl Wagenfeld und Heinrich Luhmann
1944: Ehrenmitgliedschaft im Sauerländischen Gebirgsvereins (SGV)
1969: zahlreiche Beiträge zum hundertsten Geburtstag in westfälischen Zeitungen und Zeitschriften, so u. a. von Heinrich Kleibauer, Ferdinand Tönne und Heinrich Luhmann. Kleibauer bezeichnete sie aus diesem Anlass als „bedeutendste plattdeutsche Lyrikerin aus dem Sauerland“, Tönne als „äine der Besten iut uesem Lanne“.
1995: Enthüllung einer Gedenktafel in dem Dorf Padberg bei Marsberg an der ehemaligen Volksschule
2007: Enthüllung eines Denkmals in ihrem vormaligen Wohnort, dem Dorf Bracht in der Gemeinde Schmallenberg
1929 versuchten der Sauerländische und der Westfälische Heimatbund vergeblich, bei der Regierung in Arnsberg und der preußischen Regierung in Berlin als „Ehrengabe“ eine Pension als Hauptlehrerin zu erwirken. Der Appell war u. a. von Heinrich Luhmann und Karl Wagenfeld unterzeichnet.