Charlotte Niemann (* 8. März 1915 in Hamburg; † 20. November 2013), geboren als Lotty O.B.L. Timm, war eine deutsche Regisseurin und Komponistin.
Charlotte Niemann wuchs als Halbwaisin in einer Artistenfamilie in Hamburg Altona auf, unweit des Schiller-Theaters, in dem ihre Mutter, Tante und Großmutter als Artisten auftraten.
Der Vater, von Beruf Schauspieler und Photograph, starb, als Charlotte zwei Jahre alt war. Ihre Tante und ihre Mutter, die Drahtseilartistin „Miss Silkin“ im Circus-Busch, gingen während Charlottes ersten Lebensjahren mit dem Circus auf Tournee, so dass Charlotte zunächst bei ihren Großeltern aufwuchs. Diese besaßen in der Nachtigallenstraße (heute Lerchenstraße) seit 1911 eine kleine Schneiderei. In den unteren Etagen der Nachbarhäuser befanden sich ein Gemüseladen, eine Schlachterei, eine Bäckerei, eine Sargtischlerei sowie ein Pferdestall. Nahezu ihre gesamte Kindheit und Schulzeit verbrachte Charlotte Niemann mit jüdischen Freunden aus der Umgebung.
Charlotte Niemann wurde schon als kleines Kind musikalisch unterrichtet, zunächst von ihrer Großmutter, „Miss Nelly Woodley“ einer englisch-deutschen Kostüm-Soubrette, an allen zur Verfügung stehenden Zupfinstrumenten, als da waren Zither, Mandoline, Banjo, Harfe, Gitarre, Laute, Leier und Balalaika, später von ihrer Mutter am Klavier. An der Wohnungstür der Familie befand sich ein Klingelschild mit der Aufschrift „Musiklehrinstitut“.
Mit 11 Jahren erhielt Charlotte ihr erstes Staatliches Stipendium und besuchte fortan das Vogt’sche Konservatorium in Hamburg. Halbjährlich wurde Charlotte geprüft, legte Mal für Mal eine erfolgreiche Prüfung ab, und wurde so bis zum Abitur und auch darüber hinaus während des Musikstudiums staatlich gefördert.
Mit 9 Jahren stand sie auf der Bühne des Deutschen Schauspielhauses und spielte einen Kobold im Weihnachtsmärchen, mit 11 Jahren trat sie live im Rundfunk auf, beim Funkheinzelmann Hans Bodenstedt, dem damaligen Leiter des Hamburger Senders NORAG (Nordische Rundfunk AG), und spielte Mandoline und Konzertzither.
1930er Jahre (Abitur, Musikstudium, Heirat)
Von 1932 an bekam Niemann Klavierunterricht bei dem jüdischen Pianisten Bernhard Abramowitsch. Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten 1933 erhielt Abramowitsch Auftrittsverbot, Charlotte Niemann jedoch unterrichtete er weiter. Als Niemann in Hamburg ins Visier der Gestapo geriet und bedrängt wurde, stellte sich ihre Klassenkameradin Heidi Kabel schützend vor sie.
Nach dem Abitur 1934 wurden Niemann und Abramowitsch ein Paar. Charlotte Niemann studierte Musik und setzte ihre Ausbildung im Vogt’schen Konservatorium und bei Abramowitsch fort.
Die politische Situation für Juden in Deutschland wurde von Monat zu Monat unerträglicher. Nach und nach verließen Charlotte Niemanns jüdische Freunde Deutschland, und schließlich, im November 1936, auch ihr Partner Bernhard Abramowitsch.
Nach Abschluss ihres Musikstudiums zog Charlotte Niemann Anfang 1937 nach Berlin, wo sie in den Jahren zuvor bei privaten Dichterlesungen u. a. mit Hans Fallada diskutiert und im kleinen Kreis Mascha Kaléko kennengelernt hatte. Niemann vertonte deren Gedichte und trat damit 1937/38 auf mehreren Berliner Kabarettbühnen auf und landete schließlich beim Kabarett „Tatzelwurm“ (ehemals „Katakombe“). Dort trug sie auch Eigenkompositionen mit Texten von Joachim Ringelnatz, Klabund und Wilhelm Busch vor.
Im Laufe des Jahres 1937 fühlte sich Charlotte Niemann auf der Kabarettbühne in Berlin zunehmend eingeengt, politisch und persönlich, so dass sie 1938 in ihre Heimatstadt Hamburg zurückkehrte, wo sie fortan im „Bronzekeller“ auftrat.
Bei einem ihrer Auftritte dort lernte sie den Maler Walter Niemann kennen. Gemeinsam zogen sie nach Worpswede, heirateten 1939 und bekamen zwei Söhne. Während der Geburt des ersten Sohnes, im Oktober 1942, lag Walter Niemann schwer verwundet im Lazarett in Rüdesheim. Die Geburt fand in Worpswede als Hausgeburt statt, außer der Hebamme war Martha Vogeler anwesend. Im November 1945 wurde der zweite Sohn geboren.
In Worpswede erarbeitete Niemann 1943 ein erstes Tanzspiel mit Dorf-, Stadt-, Künstler- und Flüchtlingskindern aller Bevölkerungsschichten. 1947 erhielt sie im Rahmen der „Internationalen Ferienkurse für Neue Musik“ in Darmstadt bei Wolfgang Fortner mehrere Wochen Unterricht in Komposition und Opern-Regie.
Danach begann Niemanns eigentliche Arbeit mit Kindern, sie setzte von Beginn auf die Brecht’sche Herangehensweise: Die mitwirkenden Kinder bezog sie aktiv in den Gestaltungsprozess auf der Bühne mit ein.
1949 inszenierte Niemann die Kinderoper Wir bauen eine Stadt nach Paul Hindemith, und führte diese in Worpswede, Bremen und Hannover auf.
1950 folgte das musikalische Kindertheater Die Geschichte der Gänsemagd, für das Niemann die Musik komponierte und im Haus im Schluh in Worpswede aufführte, 1951 das musikalische Singspiel Das Eisenbahnspiel, ebenfalls mit Kindern aus Worpswede.
Vermittelt durch den Cheflektor des Aufbau-Verlags Max Schröder verhandelte Niemann 1948 mit dem Intendanten des Berliner Rundfunks Peter Huchel über ein Engagement. Niemann entschied sich jedoch für Radio Bremen, wofür sich vor allem Gert Westphal starkgemacht hatte.