Charles-Marie Jean Albert Widor (* 21. Februar 1844 in Lyon; † 12. März 1937 in Paris) war ein französischer Organist, Komponist und Musikpädagoge. Sein bekanntestes Werk ist die Toccata aus der 5. Orgelsinfonie.
Charles-Marie Widors Urgroßvater, der Steinmetz Jean Widor († 1777), wohnte in der Schweiz, er stammte ursprünglich aber höchstwahrscheinlich aus Ungarn. Sein gleichnamiger Sohn Jean Widor (1775–1854) verließ die Schweiz und zog ins Elsass, wo er in den Dienst der Orgelbauwerkstatt Callinet trat. Sein Sohn François-Charles Widor (1811–1899) wurde zwar ebenfalls in das Orgelbauhandwerk eingeführt, erhielt aber vor allem eine Ausbildung als Organist, Pianist und Komponist. Er ließ sich 1838 in Lyon nieder, wo er als Organist, Pianist, Komponist und Musiklehrer tätig war und einen hervorragenden musikalischen Ruf erwarb, der bis nach Paris reichte. In überlieferten Pressezeugnissen wird seine brillante Improvisationsfähigkeit gelobt.
François-Charles Widor heiratete Françoise-Elisabeth Peiron – eine Nachfahrin der Erfinderfamilien Montgolfier und Seguin. Dieser Ehe entstammte Charles-Marie Widor.
Jugend und Aufstieg in Lyon (1844–1870)
Widor wurde also in eine musikalisch renommierte Familie hineingeboren und erhielt von seinem Vater den ersten Orgelunterricht. Während seiner Schulzeit am humanistischen Collège des Jésuites in Lyon zeigte sich seine außergewöhnliche musikalische Begabung, besonders im Orgelspiel, so dass er mit elf Jahren Organist der Kapelle des Collège wurde und seinen Vater an der Kirche Saint-François vertreten konnte. Neben seinen musikalischen Neigungen interessierte er sich auch für klassische Sprachen und Malerei. Der berühmte Orgelbauer Aristide Cavaillé-Coll war mit der Familie Widor seit vielen Jahren befreundet, als er das musikalische Talent Charles-Marie Widors erkannte und den 14-Jährigen dem renommierten Organisten Jacques-Nicolas Lemmens in Brüssel empfahl – ein Vorschlag, auf den Widor dann auch einging. Nachdem er die Gymnasialzeit beendet hatte, reiste er Anfang 1863 nach Brüssel ab, wo er einige Zeit von Lemmens intensiv im Orgelspiel sowie von François-Joseph Fétis in Kontrapunkt, Fuge und Komposition unterrichtet wurde. Aus dieser Zeit stammen wohl auch die ersten Kompositionen Widors, die später zum Teil Eingang in die Orgelsinfonien gefunden haben. Nach seiner Rückkehr nach Lyon förderte Cavaillé-Coll den jungen Widor weiter, unter anderem dadurch, dass er in seiner Orgelbauwerkstatt in Paris vierzehntäglich Konzerte veranstaltete, bei denen sich Widor als Komponist und Organist präsentieren konnte. Durch seine häufigen Aufenthalte in Paris kam er mit bedeutenden Persönlichkeiten der französischen und europäischen Musikkultur in Berührung: z. B. Camille Saint-Saëns, César Franck, Giacomo Meyerbeer, Gioachino Rossini und Charles Gounod. Danach verbreitete sich Widors Ruf als Orgel- und Klaviervirtuose sowie als Komponist. Konzertreisen brachten ihn auch ins Ausland, so spielte er 1865 im Rahmen der ersten internationalen Ausstellung in Porto (Portugal), woraufhin ihm der portugiesische Ordem de Cristo verliehen wurde. Nach Widors Aussagen entstand im Rahmen dieser Ausstellung in Porto seine erste Komposition für Orchester: ein Auftragswerk für den Abschluss der Ausstellung. Widor legte hierfür eine Ouvertüre für Orgel und Orchester (offensichtlich die Grande Phantasia) vor, die gut aufgenommen wurde, vom Komponisten einige Jahre später allerdings vernichtet worden ist. 1867 wurde in Lyon ein Konzert für Klavier und Orchester von ihm aufgeführt, wobei er selbst als Solist mitwirkte. Dieses Konzert hatte er anscheinend schon als Jugendlicher komponiert, doch auch dieses Werk ist von ihm vernichtet worden. Lediglich der langsame Satz des Konzerts ist als Transkription für Orgel in die vierte Orgelsinfonie eingegangen. Kompositionen aus dieser frühen Periode sind heute kaum aufzufinden. Entweder hat Widor sie nachträglich vernichtet, oder sie sind verschollen. Das früheste heute zu identifizierende Opus von Widor ist das Klavierwerk Variations sur un thème original op. 1 für Klavier aus dem Jahre 1867, ein Variationszyklus über ein gleichbleibendes Harmonieschema, der bereits Widors melodische und kontrapunktische Begabung zeigt und seine Auseinandersetzung mit Bachs Goldberg-Variationen vermuten lässt.
Der Weg zur Meisterschaft in Paris (1870–1900)
Drei große Ereignisse bestimmten Widors Leben um 1870: der Umzug von Lyon nach Paris (Ende der 1860er Jahre), seine Ernennung zum Titular-Organisten von Saint-Sulpice im Januar 1870 und der Deutsch-Französische Krieg 1870/71. Die Position als Titularorganist, die er zunächst nur vorläufig besetzte, hatte er schließlich 64 Jahre lang inne. Die Cavaillé-Coll-Orgel (1862) in Saint-Sulpice bot Möglichkeiten für einen orchestralen Klangreichtum, der Widor zu seinen Orgelsinfonien inspirierte. Angepasst an den sinfonischen Klang der Orgel entstand bis 1872 die erste Reihe der Symphonies pour orgue (Nr. 1 bis 4) als op. 13. Eine weitere Serie von vier Orgelsinfonien (Nr. 5 bis 8) publizierte Widor 1887 als op. 42. Die letzten beiden Orgelsinfonien sind nachträglich entstanden: Symphonie Gothique op. 70 (1894) und Symphonie Romane op. 73 (1899).
Zwischen 1873 und 1880 ist eine Vielzahl Kompositionen für Orchester und kammermusikalische Besetzungen, Orgelwerke und geistliche Werke entstanden: die erste Sinfonie für Orchester op. 16 (1873), das Klavierkonzert Nr. 1 op. 39 (1876), ein Violinkonzert (1877) und das Violoncellokonzert op. 41 (1878). Widor ergriff jede Gelegenheit, dem Publikum eigene Werke zu präsentieren, wobei er vorzugsweise selbst als Organist, Pianist oder Dirigent mitwirkte. Als Franz Liszt 1878 in Paris war, erhielt Widor die Möglichkeit, ihn ausgiebig spielen zu hören und dabei wichtige Werke der deutschen Klavierliteratur kennenzulernen. Dass Widor der Musiksprache Liszts und der Neudeutschen nicht abgeneigt war, zeigt das 1880 komponierte sinfonische Gedicht nach Goethes Faust: La Nuit de Walpurgis op. 60. Dieses offensichtlich sehr kühne Werk zog die Entrüstung der Pariser Kritik nach sich, und auch eine weitere Aufführung nach gründlicher Umarbeitung in London 1888 brachte keine nennenswerte Verbesserung in der Gunst der Kritik – erst bei einer weiteren Pariser Aufführung 1907 war die Zustimmung größer.
Um 1880 – der 36-jährige Komponist war inzwischen ein angesehener Musiker geworden – begann auch Widors Tätigkeit als Musikkritiker und Essayist (zunächst unter dem Pseudonym Auldétès als Musikkritiker in der Zeitschrift Estaffette, ab 1891 dann als Herausgeber der Zeitschrift Le Piano Soleil), wodurch eine ganze Reihe seiner Gedanken zur Musik überliefert sind. Großen Erfolg hatte Widor als Dirigent von La Concordia und La Concordia instrumentale, einer Pariser Laienchorgesellschaft inklusive Orchester, die Widor mitbegründet hatte und mit der er die großen klassischen und modernen Oratorien zur Aufführung brachte – vor allem auch Bachs Kantaten und Oratorien, womit er einen wichtigen Beitrag zur Rezeption von Bachs Musik in Paris geleistet hat. „Entscheidend für die öffentliche Anerkennung des Meisters war die Pariser Aufführung der Matthäuspassion durch die Concordia unter Widors Leitung 1885.“ Für dieses Ensemble entstand Widors Chant séculaire (op. 49, 1881) für Sopran, Chor und Orchester.
In den folgenden Jahren widmete er sich vermehrt den Theaterkompositionen, womit Widor ebenfalls erfolgreich war. Das 1880 fertiggestellte Ballett La Korrigane z. B. wurde einer der größten Erfolge Widors. Zu seinen Bühnenwerken, die zu großer Popularität gelangten, zählt weiterhin die Ballett-Pantomime auf Jeanne d’Arc, wozu er 1890 den Auftrag erhielt und die mit einer kolossalen Inszenierung aufgeführt wurde. Daneben entstanden außerdem weitere Instrumentalwerke wie die zweite Sinfonie A-Dur op. 54 für Orchester (1882).
Das letzte Jahrzehnt brachte für Widor eine Zeit großer Ehrungen, kompositorischer Erfolge und Vorrechte. In London dirigierte er 1890 seine bereits am 23. Februar 1889 in den Colonne-Konzerten in Paris uraufgeführte Fantaisie für Klavier und Orchester op. 62. Außerdem entstanden 1893 die fünfsätzige Suite pittoresque für Orchester und die Dritte Sinfonie op. 69 für Orgel und Orchester. Mit der Gründung der Concerts de l’école moderne 1893, eines Vereins, der sich um die Aufführung neuer Kompositionen bemühte, zeigte er Einsatz für die zeitgenössische Musik. In seiner Tätigkeit als Pädagoge gab es in den 1890er-Jahren gleich zwei Meilensteine: Am 1. Dezember 1890 löste er César Franck als Orgel-Professor am Pariser Konservatorium ab, wobei Widor den Unterricht grundlegend umgestaltete, und am 1. Oktober 1896 erhielt er die Leitung der Kompositionsklasse des Konservatoriums. Zu seinen Studenten zählten bekannte Komponisten und Organisten wie Nadia Boulanger, Louis Vierne, Arthur Honegger, Charles Tournemire, Hans Klotz, Darius Milhaud, Marcel Dupré, Edgar Varèse und Albert Schweitzer. Allerdings ist zu konstatieren, dass er weder als Komponist noch als Lehrer im engeren Sinne stil- oder gar schulbildend wirkte, wie er es als Orgellehrer getan hat. Widor gilt daher als Begründer der „französischen Orgelschule“.