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Charkiw

Millionenstadt in der östlichen Ukraine

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Charkiw (ukrainisch Харків, [ˈxɑrkiu̯] , russisch Харьков Charkow [ˈxarʲkəf]) ist nach Kiew mit rund 1 Million Einwohnern (2023) die zweitgrößte Stadt der Ukraine. Mit 42 Universitäten und Hochschulen ist sie das nach Kiew bedeutendste Wissenschafts- und Bildungszentrum des Landes.

Die Stadt liegt im Nordosten der Ukraine an der Mündung des Flusses Charkiw in den Lopan und der des Lopan in den Udy. Sie ist ein Industrie­zentrum (Elektro-, Nahrungsmittel-, Chemieindustrie; Maschinen- und Schienenfahrzeugbau), mit sechs Theatern und sechs Museen ein kulturelles Zentrum und ein bedeutender Verkehrsknotenpunkt (Flughafen, Eisenbahn, U-Bahn).

Name und Schreibweise der Stadt

Der offizielle Name der Stadt ist Charkiw (ukrainisch). Daneben ist in der in weiten Teilen russisch- oder zweisprachigen Bevölkerung Charkow (russisch) gebräuchlich. Während der Zugehörigkeit zur Sowjetunion wurde von deutschsprachigen Medien fast durchgängig die russische Namensvariante verwendet. Seit der Unabhängigkeit der Ukraine findet jedoch zunehmend die ukrainische Version des Namens Verwendung. Gelegentlich sind auch die Schreibweisen Kharkiv und Kharkov anzutreffen, die englischen Transkriptionen des ukrainischen beziehungsweise russischen Namens.

Zur tatsächlichen sprachlichen Situation in der Stadt, in der sowohl Russisch als auch Ukrainisch gesprochen wird, siehe Abschnitt Bevölkerung.

Die Herkunft des Stadtnamens ist umstritten. Aller Wahrscheinlichkeit nach geht er auf den Fluss Charkow zurück, an dessen Mündung die anfängliche Festung gegründet wurde und dessen Name bereits vor der Stadtgründung nachgewiesen ist. Die erste bekannte schriftliche Erwähnung des Flusses Charkow findet sich im Buch des Großen Kartenentwurfs des Moskauer Zarenreichs, das noch vor der Gründung der Stadt entstand. Zur Etymologie des Flussnamens gibt es keine gesicherte Erklärung. Einer Version zur Folge geht er auf eine alte indoeuropäische Wurzel zurück, die für „Silber“ steht. Volksetymologische Versionen, die etwa mit einem legendären Kosaken namens Charko zusammenhängen, haben heute allerdings keinen wissenschaftlichen Rückhalt.

Die Stadt wurde ursprünglich als Festung zur Verteidigung der Südgrenzen des Zarentums Russland im Jahr 1630 (anderen Quellen zufolge 1653) von Zar Alexei Michailowitsch gegründet. Die umliegende Sloboda-Ukraine, ehemals Teil des sogenannten Wilden Feldes, wurde zu dieser Zeit von den aus Polen-Litauen massenhaft fliehenden ukrainischen Bauern und Kosaken sowie von russischen Truppen besiedelt. Ihre Funktion war unter anderem die Abwehr der regelmäßigen räuberischen Einfälle der Krimtataren nach Südrussland. In friedlichen Zeiten betrieben sie Handwerk und Ackerbau.

Mit der Eroberung Neurusslands unter Katharina II. und der Verschiebung der Grenzen nach Süden verlor Charkow Ende des 18. Jahrhunderts seine Bedeutung als Festung. Die Stadt wurde jedoch zu einem Zentrum des Handwerks und des Handels, nachdem sie bereits 1765 zur Hauptstadt des Gouvernements Charkow geworden war.

Mitte des 17. Jahrhunderts war Charkow, beziehungsweise Charkiw, ein Hauptstapelplatz der für die Pelzverarbeitung bestimmten südrussischen und sibirischen Rohfelle, sowie Verkaufsplatz für bereits fertig gearbeitete Pelzwaren. Jeweils im Januar und Oktober wurden auf Rauchwarenmessen den aus Russland und Mitteleuropa angereisten Fellhändlern die bis dahin angesammelten Vorräte angeboten. Zwar waren die Pelzmesse in Nischni Nowgorod und die in Kjachta und der Pelzhandel auf der Irbit-Messe an Stellenwert und Umfang wesentlich bedeutender, doch soll der jährliche Umsatz die beachtliche Höhe von etwa 100 Millionen Rubel erreicht haben.

Die wohlhabenderen Händler stellten ihre Waren in großen Pelzmagazinen zur Schau, während sich die vielen Verkäufer von Wolfs-, Schaf- und Hasenfellen aller Art sich mit kleineren und einfacheren Ständen begnügten. Alle Anbieter verwendeten jedoch auf die Ausstattung ihrer Verkaufsstätten eine auffallende Sorgfalt. Oft standen am Eingang zum Lager ausgestopfte Bären oder Löwen, die Räume und Magazine waren reichlich mit Fellen geschmückt. Ein Besucher aus den 1770er Jahren schilderte seine Eindrücke: „Mit regelmäßiger Abwechslung der Farben überziehen die Wände eine Menge von Bären und Katzen; Garnituren von Fuchspelzen, der eine so sauber und untadelhaft wie der andere gearbeitet, schließen die Flächen ein, und Marder- und Zobelschweife bilden die Girlanden, Festons, Troddeln. Inmitten dieser Räume sind ebenfalls die Waren in schönster Ordnung und Auswahl auf Etageren und Stellagen ausgelegt.“ Ausgesucht schöne Felle erzielten erstaunliche Preise. Diesem beeindruckten Messebesucher wurde von einem Händler ein kleines Kästchen gezeigt, in dem sich Schwarzfuchsfelle befanden, jedes mit einem Wert von 2000 bis 3000 Rubel.

Das größte Lager in Charkow unterhielt der Kaufmann Sulichow, Kommandantist der Russisch-Amerikanischen Pelzhandels-Compagnie. Fast ein Fünftel der aus Sibirien kommenden Felle im Wert von mehreren Millionen Rubeln wurde von ihm weitergehandelt. Aus Irkutsk stellten Händler in großer Menge Zobelfelle, Fehfelle, Fuchs- und Hasenfelle aus. Die feinen Zobel wurden paarweise zu einem Kolli verbunden und erzielten durchschnittlich 150 bis 200 Rubel. Hauptartikel waren Schwarz-, Blau- und Silberfüchse, Marder und Otter, vor allem Rotfüchse der verschiedenen Herkommen, Feh und Hasen. In großer Anzahl gab es auch Schwarzbär- und Eisbärfelle. Etwa 40.000 bis 50.000 Füchse wurden jedes Jahr in Charkow angeboten, 100.000 bis 150.000 Hasen und mehrere Millionen Feh. Sehr gefragt waren sibirische schwarze Hundefelle, das Stück für 50 bis 60 Rubel.

Die wertvollen Edelpelzarten bildeten jedoch nicht das für Charkow charakteristische Angebot. Typisch waren hier die von kleinen Händlern bereitgehaltenen billigen Pelzfelle, weiße Hasen, Wölfe, Füchse und Schaffelle. Diese waren meist bereits zur Weiterverarbeitung vorbereitet und wurden, sauber zusammengelegt, auf Gestellen angeboten. Käufer waren Bauern und Kleinbürger, die die Felle im Tauschgeschäft erwarben. Die weißen Hasenfelle wurden vielfach für Pelzinnenfutter von Jacken, Röcken und sogar Wickelkissen verwendet.

Von den Charkiwschen Messen hieß es 1864, dass sie an Größe des Umsatzes nur von den Messen in Nischni Nowgorod und Irbit übertroffen wurden.

Im Jahr 1805 wurde die Universität Charkow eröffnet, zu deren Gründung Wassili Nasarowitsch Karasin den Anstoß gegeben hatte. Bei der Eröffnung waren unter anderen 28 deutsche Dozenten und Professoren angestellt, darunter Johann Baptist Schad.

Im Zusammenhang mit dem Anschluss an das Eisenbahnnetz (1869) und dem Beginn der Gewinnung von Kohle und Eisenerz in der Ukraine wurde Charkiw Ende des 19. Jahrhunderts ein wichtiges Industriezentrum. 1906 wurde die Straßenbahn Charkiw in Betrieb genommen.

Während des Bürgerkriegs 1917 bis 1920 kam es in der Stadt zu schweren Kämpfen zwischen Oppositionskräften. Im Januar 1918 tagte in Charkiw der erste ukrainische Sowjetkongress, der die Ukraine zur Sowjetrepublik ausrief und Charkiw zu ihrer ersten Hauptstadt erklärte, die sie bis 1934 blieb. 1933 hatte die Stadt 833.000 Einwohner.

Die in den 1760er Jahren errichtete Nikolauskathedrale wurde 1930 gesprengt.

Im Frühjahr 1933 war Charkiw eines der Gebiete, die besonders stark vom Holodomor, einer maßgeblich durch das stalinistische Regime verursachten Hungersnot, betroffen waren. In der Stadt verhungerten innerhalb weniger Monate über 45.000 Menschen. 1934 wurde die Hauptstadt der ukrainischen Sowjetrepublik nach Kiew verlegt, Charkiw blieb aber ein wichtiges politisches, wirtschaftliches und kulturelles Zentrum.

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Charkiw | World in Stories