Der Chacokrieg (spanisch Guerra del Chaco, im bolivianischen Sprachgebrauch La guerra estúpida „Der dumme Krieg“) war eine von 1932 bis 1935 andauernde militärische Auseinandersetzung zwischen Bolivien und Paraguay um den nördlichen Teil des menschenleeren und wirtschaftlich wenig interessanten Gran Chacos. Jahrzehntelange Gebietsstreitigkeiten führten schließlich zum Krieg, im Zuge dessen das stark unterlegene Paraguay entgegen allen Erwartungen Bolivien besiegte. Im Friedensvertrag wurde Paraguay der größte Teil des umstrittenen Gebiets zugesprochen. In Bolivien führte der Krieg zu großen gesellschaftlichen Umwälzungen.
Seit den 1850ern beanspruchten Argentinien, Bolivien und Paraguay Teile des Chaco Boreal.
Im Tripel-Allianz-Vertrag von 1865 wurde Argentinien der Paraná und der Paraguay als Grenze zugestanden. Nach der Niederlage Paraguays im Tripel-Allianz-Krieg 1870 war Brasilien nicht länger an einer gemeinsamen Grenze mit Argentinien interessiert, ermunterte Bolivien, seine Ansprüche geltend zu machen und übte Druck auf Argentinien aus, auf seine Rechte zu verzichten. Unter dem Druck Brasiliens und Boliviens beschränkte Argentinien seine Ansprüche auf den Rio Verde und später auf den Pilcomayo. Hätte Argentinien auf seinen Ansprüchen bestanden und sie durchgesetzt, hätte der Gebietszuwachs Bolivien und Paraguay voneinander getrennt und so den späteren Chacokrieg unmöglich gemacht.
Nach dem Tripel-Allianz-Krieg entschied der US-amerikanische Präsident Rutherford B. Hayes am 12. November 1878 in einem Schiedsspruch zwischen Argentinien und Paraguay, dass das gesamte umstrittene Chaco-Areal paraguayisches Staatsgebiet sei.
Sowohl Bolivien als auch Paraguay begründeten ihre Ansprüche auf den Chaco Boreal mit dem Uti possidetis von 1810, dem Jahr der Absetzung des Vizekönigs des Rio de la Plata. Bolivien argumentierte hierbei mit der Zugehörigkeit des Chaco zur Gerichtsbarkeit der Real Audiencia von Charcas seit 1561/63. Paraguay wiederum berief sich auf die Verwaltung durch die Intendencia de Asunción (auch Intendanz Paraguay genannt, geleitet vom Intendant) seit 1782 sowie die Eroberung und Missionierung des Gebietes durch Conquistadoren und Jesuiten, also sowohl auf Besitz durch uti possidetis als auch de facto.
Bolivien war nach dem Salpeterkrieg zum Binnenstaat geworden und hätte über die Flüsse Pilcomayo und Paraguay Zugang zum Atlantik erhalten können. Somit war das Gebiet für Bolivien von wirtschaftlicher Bedeutung. Ende des 19. Jahrhunderts wurde das Holz des Quebracho auf Grund seines hohen Gerbstoffgehalts wirtschaftlich interessant.
Beide Staaten trachteten durch Besiedelung und militärische Besetzung des Chaco ihre Ansprüche zu sichern. Bolivien suchte dies durch das Errichten militärischer Stützpunkte zu erreichen, während Paraguay auch zivile Siedlungen wie Villa Hayes gründete. Bis Ende der 1920er hatte Paraguay das Gebiet durch Infrastruktur, den Aufbau einer Quebracho-Industrie mit argentinischem Kapital, Mennonitenkolonien und Rinderfarmen erschlossen.
Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts wurden mehrere Grenzverträge aufgesetzt, doch eine der beiden Seiten verweigerte stets deren Ratifizierung. Der Konflikt schwelte weiter.
Im Februar 1927 ereignete sich ein bewaffneter Zwischenfall beim bolivianischen Außenposten Sorpresa. In der Folge wurde unter argentinischer Vermittlung eine Einigung angestrebt, was aber an den Maximalforderungen beider Seiten scheiterte. Während Paraguay bei einer Grenzziehung auf Grund der tatsächlichen Besitzverhältnisse den wirtschaftlich interessanten Teil des Chaco erlangt hätte, war für Bolivien nur der Zugang zum Río Paraguay von Interesse. In der Folge kam es immer wieder zu Scharmützeln und wechselseitigen Eroberungen von Forts. Weitere Vermittlungsversuche durch die Vereinigten Staaten, Argentinien und den Völkerbund führten zu keinem Ergebnis. In der Zwischenzeit eskalierten die bewaffneten Zusammenstöße immer weiter.
Zwischen Juni 1929 und Juni 1930 wurde das von Zinnexporten abhängige Bolivien vom Einbruch des Weltmarktpreises schwer getroffen. Das internationale Zinnkartell verhängte daraufhin restriktive Exportquoten, die zu einer starken Zunahme der Arbeitslosigkeit führten. Der Sozialabbau und die inflationäre Geldpolitik unter dem seit Mai 1931 amtierenden Präsidenten Daniel Salamanca Urey verschlimmerten die Lage weiter. Ein Krieg hätte die Gefahr einer Revolution bannen können und bei den politischen Eliten zu einer Integration geführt. Salamanca schlug gegenüber Paraguay kriegerische Töne an und die fortschreitende militärische Besetzung des Chaco durch beide Seiten drohte sich weiter zum Krieg auszuwachsen. Als die militärischen Zusammenstöße immer weiter außer Kontrolle gerieten, hatte Salamanca kaum mehr politischen Spielraum und musste entweder aus einer Position der Schwäche heraus eine diplomatische Lösung finden oder als Aggressor dastehen. Bei einem bewaffneten Konflikt schien Bolivien aufgrund seiner militärischen Übermacht die besseren Karten zu haben.
Am 5. Dezember 1928 entdeckte eine paraguayische Patrouille den neuen bolivianischen Außenposten Vanguardia. Beim darauffolgenden Zusammenstoß kam ein paraguayischer Offizier ums Leben. Der paraguayische Befehlshaber der Garnison von Bahía Negra, Hauptmann Rafael Franco (der spätere Präsident von Paraguay), ordnete die Eroberung an, wobei alle Verteidiger getötet oder gefangen genommen wurden. Bolivien beantwortete dies mit der Besetzung Boqueróns im Süden. Beide Seiten begannen mit der Mobilisierung und ein Krieg schien unabwendbar. Die paraguayische Mobilisierung endete in einem Chaos und so wurde einem diplomatischen Kompromiss zugestimmt, in dem beide Seiten die besetzten Außenposten an den ursprünglichen Besitzer übergaben.
In der bolivianischen Kette von Außenposten befand sich in einer extrem wasserlosen Region eine große Lücke. Erkundungsflüge führten am 24. April 1932 zur Entdeckung des Sees Pitiantuta, der die Errichtung eines Außenpostens möglich machte. Nachdem eine erste bolivianische Expedition unter Major Oscar Moscoso gescheitert war, erreichte eine zweite am 15. Juni 1932 den See, nur um festzustellen, dass er bereits durch den paraguayischen Außenposten Carlos Antonio López gesichert war. Moscoso befahl den Angriff, wobei ein paraguayischer Gefreiter getötet wurde. Die Überlebenden flohen und berichteten dem Befehlshaber der paraguayischen 1. Division, José Félix Estigarribia, in Casanillo vom Angriff. Estigarribia befahl die Rückeroberung, die am 16. Juni 1932 gelang. Boliviens Präsident Salamanca forderte seinerseits die Eroberung einiger paraguayischer Außenposten im Süden, um wie im Präzedenzfall des Außenpostens Vanguardia später einen Austausch vornehmen zu können.
Das bolivianische Hauptquartier wurde in Villamontes eingerichtet. Dort wurde auch die gesamte Luftwaffe des Landes stationiert, die zu Kriegsbeginn aus drei Vickers 143, fünf Vickers 149 Vespa und drei Breguet 19 A.2. bestand.
In Paraguay hatte man sich seit dem Vanguardia-Zwischenfall auf einen möglichen Krieg vorbereitet. So wurde ein Generalstab eingerichtet, Offiziere im eigenen Land und in Frankreich ausgebildet, Waffen angekauft und ein Mobilisierungsplan ausgearbeitet. Eine Mobilisierung war für das arme Paraguay kostspielig und der Aufmarsch musste mit Vorsicht geplant werden, um das Überraschungsmoment nicht zu verlieren. In den darauf folgenden Tagen gewann die Regierung Präsident Eusebio Ayalas den Eindruck, Bolivien bereite einen Krieg vor, und ordnete am 23. Juli 1932 die Mobilisierung an. Innerhalb von 36 Tagen sollten drei Divisionen mit zusammen 16.000 ausgebildeten Soldaten ausgerüstet im Feld stehen.
An Flugzeugen verfügte Paraguay über sechs Wibault 73C.1 und fünf Potez 25A.2, die aber nur zum Teil einsatzfähig waren und sich nicht am Kriegsschauplatz befanden. Erst im August 1932 konnten die einsatzfähigen Maschinen, drei Wibaults und fünf Potez, von Isla Poi aus in die Kämpfe eingreifen. Während des gesamten Kriegsverlaufs setzte Bolivien seine Flugzeuge strategisch eher defensiv im engen Umfeld der Bodentruppen ein, während Paraguay strategisch offensiver vorging und vor allem weitreichende Aufklärungsmissionen fliegen ließ. Dabei agierten die paraguayischen Piloten aber taktisch defensiver: Ihnen gelang es oft, durch niedrige Geschwindigkeit und Flughöhe sowie engen Formationsflug die in der Regel schnelleren bolivianischen Maschinen auszumanövrieren.