Carola Rackete [ʁaˈkeːtə] (* 8. Mai 1988 in Preetz) ist eine deutsche Naturschutzökologin, Kapitänin, Aktivistin und Politikerin (parteilos). Sie war von Juli 2024 bis September 2025 über die Liste der Partei Die Linke Mitglied des Europäischen Parlaments.
Rackete war mehrmals als technisches Besatzungsmitglied auf Forschungsreisen in der Antarktis und ist Mitbegründerin der Initiative Antarctic Rights. Außerdem unterstützt sie die Bewegung Extinction Rebellion und beteiligte sich an Waldprotesten in Schweden, der Besetzung des Hambacher Forsts und des Dannenröder Forsts. Zwischen 2016 und 2019 war sie als freiwillige Kapitänin für Nichtregierungsorganisationen in der Seenotrettung aktiv. Sie erlangte internationale Bekanntheit, als sie im Juni 2019 als Kapitänin der Sea-Watch 3 aus Libyen kommende Flüchtlinge bzw. Migranten im Mittelmeer aus Seenot rettete und nach wochenlangem Warten auf eine Genehmigung – trotz eines Verbots durch italienische Behörden – den Hafen der Insel Lampedusa unter Berufung auf das Nothafenrecht anlief. Während die Beurteilung seitens deutscher Politiker und Medien überwiegend wohlwollend ausfiel, kam von italienischer Seite, insbesondere von Innenminister Matteo Salvini (Lega), teils harsche Kritik. Den nach der Festnahme Racketes verhängten Hausarrest hob eine italienische Untersuchungsrichterin nach Tagen wieder auf; das Verfahren wegen Widerstands gegen ein „Kriegsschiff“ der Guardia di Finanza wurde später abschließend eingestellt.
Rackete wuchs im niedersächsischen Hambühren auf und absolvierte 2007 in Celle das Abitur am Gymnasium Ernestinum. Ihr Vater war Elektroingenieur und ist Oberstleutnant a. D. der Bundeswehr. Er ist für die Mehler Engineered Defence GmbH tätig, die unter anderem Panzerungen für militärische und zivile Anwendungen herstellt. Ihre Mutter war Buchhalterin bei der Christlichen Straffälligenhilfe.
Sie absolvierte ein Studium der Nautik an der Jade Hochschule in Elsfleth mit einem Bachelorabschluss. Rackete spricht mehrere Fremdsprachen.
Vor und während des Studiums arbeitete sie als nautische Offizierin unter anderem zwei Jahre auf den Forschungsschiffen Polarstern des Bremerhavener Alfred-Wegener-Instituts (AWI) und Meteor, deren Betreiberin die Universität Hamburg ist.
Anschließend fuhr Rackete als nautische Offizierin auf Kreuzfahrtschiffen sowie auf Schiffen von Greenpeace und des British Antarctic Survey.
Nach eigenen Angaben war sie seit 2011 neun Mal in der Antarktis.
Schon bei ihrer ersten Reise auf dem Forschungsschiff Polarstern im Jahr 2011 nahm sie die gravierenden Folgen des Klimawandels wahr. Von 2015 bis 2018 absolvierte sie ein Studium des Naturschutzmanagements (Conservation Management) an der Edge Hill University im englischen Ormskirk, das sie mit dem Master abschloss. 2018 arbeitete sie als Fremdenführerin auf Expeditionskreuzfahrten.
Im Jahre 2016 nahm Rackete vor Libyen erstmals als freiwillige Kapitänin an einer Mission für den Verein Sea-Watch teil. Im selben Jahr war sie auch bereits als freiwillige Kapitänin auf der Sea-Watch 2 eingesetzt. Im Juni 2019 wurde sie kurzfristig als Ersatz für einen ausgefallenen Kapitän zur freiwilligen Kapitänin der Sea-Watch 3 berufen.
Seit Abschluss ihres Studiums des Naturschutzmanagements im Jahr 2018 arbeitet Rackete als freiberufliche Ökologin und Aktivistin. Rackete unterstützt die Umweltbewegung Extinction Rebellion und gründete im Jahr 2019 Extinction Rebellion in Berlin mit. Sie beteiligte sich bei der Besetzung des Hambacher Forstes und des Dannenröder Waldes.
Im Rahmen der Feldforschung für ihre Masterarbeit untersuchte Rackete zwischen 2017 und 2018 die Entwicklung der Population der Wanderalbatrosse in Südgeorgien und beteiligte sich am Langzeitmonitoring von Seevögeln und Vegetation. Im Frühjahr 2020 war Rackete als technische Besatzung mit Greenpeace in der Antarktis, um die Population der Finnwale zu untersuchen. Im Jahr 2023 war sie als wissenschaftliche Assistentin bei einer Forschungsreise über Finnwale in der Westantarktika beteiligt, die von der Universität Hamburg auf der Maria S. Merian durchgeführt wurde. Seit Dezember 2020 führte Rackete bei der Bob Brown Foundation eine erfolgreiche Kampagne gegen den Ausbau des Flughafens der australischen Davis-Station durch und setzt sich für den langfristigen Schutz der Antarktis und der Tierwelt ein. Rackete ist Mitbegründerin der Initiative Antarctic Rights und Hauptinitiatorin der Antarktis-Erklärung, welche die Anerkennung der Antarktis als juristische Person fordert. Für ihr klimapolitisches und gesellschaftliches Engagement wurde ihr im Mai 2021 von der Universität von Namur die Ehrendoktorwürde verliehen. Im Jahr 2022 beteiligte sie sich an einem Protest der indigenen Bevölkerung Sámi gegen die Entwaldung der Arktis und für die Landrechte der Sámi.
In ihrem Podcast „Just Nature?“ spricht Rackete über das Artensterben und die Bedeutung von Gerechtigkeit in der globalen Naturschutzbewegung.
Rettung von 53 Menschen im Mittelmeer
Ereignisse im Juni und Juli 2019
Nach der Seenotrettung von 53 Bootsmigranten vor der libyschen Küste im Mittelmeer am 12. Juni 2019 wurde der Sea-Watch 3 das Anlaufen der Insel Lampedusa durch italienische Behörden verweigert. Rackete fuhr den 250 Seemeilen entfernten italienischen Hafen statt den 47 Seemeilen entfernten libyschen Hafen an, weil Libyen, wie auch die EU-Kommission erklärte, kein sicherer Ort für Schiffbrüchige sei. Das Seerechtsübereinkommen der Vereinten Nationen bestimmt, dass Gerettete an einen sicheren Ort gebracht werden müssen. 13 der Migranten auf der Sea-Watch 3 wurden von Italien bereits vor der Einfahrt in den Hafen aus medizinischen Gründen aufgenommen und vom Schiff abgeborgen. Eine Fahrt ins näher gelegene Tunesien fassten die Aktivisten nach Angaben von Sea-Watch und Rackete nicht ins Auge, weil sie der Ansicht sind, zum „sicheren Ort“ für gerettete Schiffbrüchige gehöre auch zwingend der Zugang zu einem Asylverfahren. Außerdem habe sich das Land in der Vergangenheit wenig kooperativ verhalten und Schiffe mit Schiffbrüchigen warten lassen.
Nachdem Rackete in der Nacht auf den 29. Juni aufgrund der Situation an Bord eine Notstandssituation erklärt hatte, entschloss sie sich, den Hafen mit den 40 verbliebenen Migranten trotz einer Hafensperrung und entgegen den Anweisungen der Guardia di Finanza anzulaufen. Ein Schnellboot der Guardia di Finanza, das die Sea-Watch 3 am Anlegen zu hindern versuchte, wurde dabei an der Mole eingeklemmt und gestreift. Beim Verlassen des Schiffes wurde Rackete von der lokalen Bevölkerung sowohl mit Applaus als auch mit Beleidigungen empfangen.
Rackete wurde im Hafen festgenommen und unter Hausarrest gestellt. Ihr wurde zunächst vorgeworfen, sie hätte den Gehorsam gegenüber Vollstreckungsbeamten verweigert, Widerstands- oder Gewaltakte gegen ein Kriegsschiff begangen und sei verbotswidrig als Bootsführerin mit einem Schiff in italienische Hoheitsgewässer eingefahren.
Am 1. Juli wurde sie von Lampedusa nach Agrigent auf Sizilien gebracht, um von einer Untersuchungsrichterin vernommen zu werden.