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Caro-Petschek-Prozess

Strafprozess in der Endphase der Weimarer Republik

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Der Caro-Petschek-Prozess war einer der aufwändigsten Strafprozesse in der Endphase der Weimarer Republik. Wider alle Vernunft eskalierte ein absurder Familienstreit zwischen den jüdischen Industriellen Nikodem Caro und Ignaz Petschek zu einem aufsehenerregenden Kriminalfall und schürte in weiten Teilen der Bevölkerung das Misstrauen in die Weimarer Justiz. Das Verfahren dauerte vom 6. Juni 1932 bis zum 23. Dezember 1932.

In der heutigen Rechtswissenschaft gilt der Fall als Lehrbeispiel, wie sich ein banaler privater Konflikt zu einem „Ewigkeitsprozess“ auswachsen kann, wenn sehr reiche Menschen, getrieben von Rache und vertreten von exzellenten Anwälten, es auf eine Eskalation anlegen und das Gericht nicht willens oder nicht in der Lage ist, die Beweisaufnahme auf das Notwendige zu beschränken.

Nikodem Caro (1871–1935) war ein in Łódź (damals Lodz) geborener angesehener Erfinder, promovierter Chemiker, mehrfacher Ehrendoktor und Ehrensenator, Professor, Generaldirektor der Bayerischen Stickstoff-Werke AG, Aufsichtsratsmitglied in 23 weiteren Unternehmen und Ehrenbürger von 17 Städten. Gemeinsam mit Adolph Frank hatte er im Jahr 1895 ein Verfahren zur industriellen Herstellung von Kalkstickstoff entwickelt und im selben Jahr ein Patent für die Synthese von Cyaniden erhalten. Während des Ersten Weltkriegs war Caro an der Giftgasforschung beteiligt und erwarb mit der Produktion von Stickstoff ein großes Vermögen. Im Jahr 1920 wurde er Geheimer Regierungsrat, Sachverständiger im Ausschuss für Handelspolitik des Reichstags und Generalkonsul für Bulgarien. Er war deutscher Staatsbürger, lebte seit seiner Jugend in Berlin-Dahlem und besaß Zweitwohnsitze unter anderem in Trostberg, Piesteritz und Zürich. Sein einziges Kind war die im Jahr 1896 in Berlin geborene Vera Deborah Caro.

Ignaz Petschek (1857–1934) war ein in Kolin geborener Braunkohlenindustrieller. Er lebte in Aussig, das wie ganz Böhmen bis zum Jahr 1918 zu Österreich-Ungarn gehörte, und hatte vier Söhne, darunter den in Teplitz geborenen Chemiker Dr. Ernst Petschek (1887–1956). Nach der Washingtoner Erklärung wurden alle Familienangehörigen tschechoslowakische Staatsbürger. Die Petscheks waren eine der reichsten jüdischen Familien Europas. Sie beherrschten 50 % der europäischen Kohlenerzeugung. Im mitteldeutschen Revier und ostelbischen Revier lag der Anteil bei 70 %. Unter anderem kontrollierte die Familie maßgeblich das Mitteldeutsche Braunkohlen-Syndikat.

Nikodem Caro und Ignaz Petschek lernten sich während des Ersten Weltkriegs im Dezember 1916 im Zug von Berlin nach Wien kennen. Caro zeigte ein Foto seiner unverheirateten 20-jährigen Tochter Vera und Petschek ein Foto seines ebenfalls ledigen 28-jährigen Sohnes Ernst, der zu dieser Zeit bei der k.u.k. Armee an der Front kämpfte. Kurz nach dem Kennenlernen der beiden Väter schickte Vera Caro dem jungen Petschek ein Liebesgabenpaket nebst langem Brief ins Feld. Im Sommer 1917 lernten sich die beiden im Beisein ihrer Eltern in Karlsbad kennen. Noch im selben Jahr wurde die Verlobung bekanntgegeben. Als Mitgift sollen 400.000 Mark (nach heutiger Kaufkraft etwa 1.200.000 EUR) vereinbart worden sein, die im Falle einer Trennung zurückzuzahlen waren.

Nikodem Caro erklärte später vor Gericht, dass er die Ehe „gestiftet“ habe, weil er eine „gute Partie“ für seine Tochter wollte. Auch Ignaz Petschek soll in den Kolonnaden von Karlsbad gesagt haben, dass „die Vermählung von Stickstoff und Braunkohle“ seinen finanziellen Interessen entgegenkäme. Diese Äußerung Petscheks gelangte nach Bekanntgabe der Verlobung in die Presse und fand sich später bei der Berichterstattung über den Prozess in vielen Zeitungen wieder. Die Hochzeit fand am 26. November 1918 in Berlin statt. Aus der Ehe gingen zwei Kinder hervor, die Tochter Anneliese (1920–2010) und der Sohn Ernst Peter Nikodem (1924–1976).

Ende der zwanziger Jahre geriet die Ehe unter sehr unerfreulichen Begleitumständen in die Krise, wodurch auch die Freundschaft der Schwiegerväter in die Brüche ging. Noch im Juni 1927 hatte Nikodem Caro zu Ignaz Petscheks 70. Geburtstag die Festrede gehalten. Die Scheidung erfolgte im Herbst 1928. Ein Trennungsgrund soll die permanente Forderung von Ignaz Petschek nach einer „Kompagnie von Enkeln“ gewesen sein. Nikodem Caro gab später zu Protokoll: „Ignaz Petschek war nach außen hin ein Mensch von großem Charme, und ich glaube, meine Tochter war vielleicht mehr in ihn verliebt als in ihren Mann.“ Ernst Petschek liebte seine Kinder sehr und zahlte nach der Trennung freiwillig einen Unterhalt in Höhe von monatlich 70.000 RM (nach heutiger Kaufkraft etwa 310.000 Euro).

Parallel dazu legte Nikodem Caro im September 1928 die „bisher von ihm innegehabten Aufsichtsratsmandate bei den Gesellschaften des Petschek-Konzerns, insbesondere bei der Eintracht und den Niederlausitzer Kohlenwerken“ nieder.

Nach Angabe von Nikodem Caro setzten die Petscheks nach der Trennung mehrere Detektive auf ihn und seine Tochter an und versuchten mit Hilfe eines bestochenen Portiers die Kinder zu entführen. Zudem soll sich „ein mit Geschick ausgesuchter, hübscher, blonder junger Mann an seine Tochter herangemacht haben“, um im Auftrag der Petscheks die Sittlichkeit und Tugend der frisch geschiedenen Frau zu diskreditieren. In der Folge verlegte Caro den Sitz seines Konsulats in seine Dahlemer Villa, wodurch das Anwesen exterritorial wurde.

Die eigentliche juristische Auseinandersetzung begann, als Nikodem Caro von Ernst Petschek die Mitgift zurückforderte, die seine Tochter nunmehr über den Staatssekretär Otto Meissner für den Fonds des Reichspräsidenten zugunsten notleidender Waldenburger Bergarbeiterfamilien spenden wollte. Ernst Petschek bestritt jedoch, das Geld je erhalten zu haben. Als Caro darauf verwies, dass er die Mitgiftsumme Ignaz Petschek gegen Quittung übergeben habe, verlangte Ignaz Petschek die Vorlage der Quittung.

Caro behauptete daraufhin zunächst, er habe die Quittung im Jahr 1924 beim Aufräumen seines Schreibtischs zusammen mit anderen Papieren vernichtet. Darauf forderte Ignaz Petschek eine Versicherung an Eides statt über die Existenz der Quittung. Diese Versicherung gab Caro jedoch nicht ab und reichte stattdessen eine Zivilklage auf Rückzahlung der Mitgift ein. Kurz vor dem Verhandlungstermin gab er an, die Quittung, „an deren Existenz er selbst fast schon nicht mehr glaubte“, wiedergefunden zu haben. Er weigerte sich aber, das Schriftstück den Petscheks zu übergeben, und zog stattdessen die Klage zurück. Caro sagte später aus, dass er mit der Klageerhebung „Ignaz Petschek auf die Probe stellen und sehen wollte, wie weit er (Petschek) zu gehen wagt“.

Zwischenzeitlich hatten jedoch die Petscheks eine gerichtliche Verfügung auf Herausgabe der Quittung erwirkt. Als der Gerichtsvollzieher, begleitet von einem Anwalt der Petscheks, bei Caro erschien, rief Caro theatralisch aus: „Ich habe die Quittung soeben zerrissen und die Papierfetzen in die Toilette geworfen. Nun ist sie auf dem Wege zu den Rieselfeldern.“ Am folgenden Tag erklärte er, dass er nicht die Originalquittung „auf diese radikale Weise vernichtet habe“, sondern nur eine Kopie. Die Originalquittung existiere noch, er habe sie seinerzeit einem Freund in Lemberg, dem polnischen Rechtsanwalt Löwenstein, zur Aufbewahrung gegeben.

In Lemberg konnte das Schriftstück aber nicht gefunden werden; der polnische Anwalt war just zu dieser Zeit verstorben. Statt der Originalquittung oder einer Kopie legte Caro nun eine eidesstattliche Versicherung über den Erhalt der Quittung vor. Daraufhin erstatteten die Petscheks Strafanzeige gegen Caro. Die Staatsanwaltschaft lehnte die Einleitung eines Ermittlungsverfahrens mehrmals ab, Petschek jedoch erhob Beschwerde und der Strafprozess musste durchgeführt werden. Die Anklage lautete schließlich auf versuchten Betrug, Abgabe falscher eidesstattlicher Versicherungen, Urkundenfälschung und Urkundenvernichtung.

Der Prozess fand im Kriminalgericht Moabit vom 6. Juni 1932 bis zum 23. Dezember 1932 statt. Die Verhandlung war öffentlich und vom ersten Tag an von vielen Pressevertretern gut besucht. Vertreten wurden die Streitparteien von hochdotierten und namhaften Staranwälten. Die Verteidigung von Nikodem Caro übernahmen Max Alsberg, Rudolf Dix und der ehemalige preußische Justizminister Wolfgang Heine. Als Nebenkläger traten Ignaz und Ernst Petschek auf, vertreten unter anderem von Martin Drucker, Leo Davidsohn und Alfons Roth. Die Anwälte beider Seiten lieferten sich während der Verhandlungstage lebhafte Wortgefechte auf einem hohen intellektuellen Niveau, geprägt von Schlagfertigkeit und Scharfsinnigkeit. Vorsitzender Richter war Kurt Ohnesorge und Max Jäger der Erste Staatsanwalt. Hauptgegenstand des Prozesses bildete die Quittung.

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