Carl (oft auch Karl) Spiecker (* 7. Januar 1888 in Mönchengladbach; † 16. November 1953 in Königstein im Taunus) war ein deutscher Journalist und Politiker (Zentrumspartei, CDU).
Spiecker war Sohn eines Oberpostsekretärs. Er besuchte das städtische humanistische Gymnasium in Mönchengladbach. Ab 1906 studierte er Philosophie, Rechts- und Staatswissenschaften, Geschichte und Archäologie in Straßburg, Berlin und Rom. Wie lange er studierte, ist unklar. Er wurde später in amtlichen Unterlagen sowie informell oft als „Dr.“ Spiecker betitelt und soll das Studium 1909 als Doktor der Philosophie abgeschlossen haben; die Umstände dieser mutmaßlichen Promotion sind jedoch unklar.
Der Absolvent schrieb zunächst für zwei katholisch geprägte Tageszeitungen, die Essener Volkszeitung und das Bürgerblatt für den Niederrhein in Emmerich am Rhein. In der Jubiläumsausgabe des Bürgerblatts aus dem Jahre 1925 ist zu lesen: Die Zeitung hatte bis dahin (Jahr unbekannt) zwar eine katholische Tendenz, aber in politischer Hinsicht hatte sie noch nicht den Charakter eines ausgesprochenen Zentrumsorgan, den sie heute (1925) hat … Der erste Redakteur, der das Blatt in diesem Sinne leitete, war Dr. Carl Spiecker, der spätere Direktor der „Germania“.
Dann wechselte er nach Berlin und wurde offenbar Mitglied der Zentrumspartei, denn er war von 1912 bis 1916 Redakteur der vom Augustinus-Verein herausgegebenen Centrums-Parlaments-Correspondenz (C. P. C., ab 1920: Zentrums-Parlaments-Korrespondenz) unter Chefredakteur Franz Fortmann. Dies war eine parteinahe Presseagentur, die vorrangig katholische Provinzzeitungen mit politischen Nachrichten und Leitartikeln belieferte sowie als offiziöser Pressedienst der Partei sowie der Fraktionen in Reichstag und Preußischem Landtag auftrat.
Von Mai 1916 bis April 1917 leistete er im Landsturm Militärdienst. Er nahm an der Schlacht an der Somme teil. Er wurde erkrankt aus dem Militärdienst entlassen. Im September 1917 trat er in die Nachrichtenabteilung des Auswärtigen Amtes ein. Dort übernahm er ein Lektorat (Publikationen, Pressebeobachtung) für Osteuropa und den Balkan und bearbeitete, zeitweise als „Hilfsarbeiter“ dem Preußischen Staatsministerium überstellt, Presse- und politische Angelegenheiten für Robert Weismann.
Ab Februar 1920 leitete Spiecker als Vertreter des Staatskommissars für die Überwachung der öffentlichen Ordnung, Weismann, in Breslau die „Organisation Spiecker“, die in den Auseinandersetzungen um die staatliche Zugehörigkeit Oberschlesiens die deutsche Seite unterstützte. Zum einen baute Spiecker, der sich oft unter Decknamen im Abstimmungsgebiet aufhielt, einen Presse- und Propagandaapparat auf. Die „Presseabteilung Spiecker“ koordinierte in Zusammenarbeit mit Reichszentrale für Heimatdienst und preußischem Innenministerium Plakat- und Flugblattaktionen, Subventionen für Rednertrupps, Zeitungen und Zeitschriften. Als Gegengründung zum antideutschen Kampagnen-Witzblatt Kocynder (Tagedieb) ließ Spiecker die Zeitschrift Pieron (Blitz, Wochenauflage ca. 45.000 Exemplare) erscheinen. Ihr Inhalt war scharfe, derbe, meist demagogische Satire gegen die Polen. Dafür beauftragte er den Berliner Korrespondenzverlag Rudolf Dammert, der im Juni 1920 als Redaktionsleiter Kurt Tucholsky engagierte. Er redigierte das Blatt von Berlin aus, reiste aber auch mit Spiecker durch Schlesien. Spieckers Verbindung mit Pieron war in Pressekreisen bekannt. Für die Aggressivität der Zeitschrift wurde er selbst in Deutschland angegriffen, sogar vom ihm nahestehenden Zentrums-Organ Germania.
Zum anderen beaufsichtigte und beauftragte Spiecker Selbstschutz- und Spionageorganisationen wie die Spezialpolizei des Oberschlesischen Selbstschutzes. Zu den Gruppen, die Spiecker unterstanden, gehörte die „Organisation Heinz“, ein von Heinz Oskar Hauenstein geleitetes Freikorps, das in Oberschlesien an zahlreichen Fememorden beteiligt war. Hauenstein gab 1928 in einem Gerichtsprozess an, seine Organisation habe im Einverständnis mit Spiecker zahlreiche „deutsche Verräter“ ermordet. Spiecker bestritt vor Gericht Hauensteins Angaben; ein gegen Spiecker eingeleitetes Ermittlungsverfahren wegen Anstiftung zum Mord wurde im September 1929 eingestellt.
1922 übernahm Spiecker die Verlagsleitung des Zentrum-Organs Germania.
Vom 4. Dezember 1923 bis zum 16. Januar 1925 amtierte er dann als „Pressechef“ des Reichskanzlers Wilhelm Marx (Zentrum) und Leiter der Vereinigten Presseabteilung der Reichsregierung, also als Regierungssprecher. Von diesem Amt trat er gleichzeitig mit der Demission des Kabinetts Marx II zurück. Über seine erst 1919 gegründete Dienststelle, die er „Reichspresseamt“ nannte, obwohl dies nicht der amtliche Name war, schrieb er 1926 in der Fachzeitschrift Zeitungswissenschaft eine der ersten Abhandlungen und kommentierte in der Fachzeitschrift Deutsche Presse gemeinsam mit Georg Bernhard das Verhältnis zwischen Regierung und Journalismus.
Anschließend schied er aus dem Staatsdienst aus, um den Reichsdienst der deutschen Presse (manchmal auch: Reichsdienst für die deutsche Presse oder Reichsdienst deutscher Presse), einen umfangreichen Korrespondenzdienst, zu gründen. Die Firma Deutsche Nachrichten- und Korrespondenz-Gesellschaft mbH (DNKG) mit Sitz in der Jägerstraße 11, Berlin W8, gründete er im Mai/Juni 1925.
Sein Reichsdienst lieferte vor allem kommentierende und Hintergrundartikel in mehreren politischen Tagesausgaben lieferte (Leitartikel, Glossen, Nachrichten, Politische Informationen, Außenpolitische Rundschau), wobei parteigebundene Zeitungen (vorrangig liberale, aber separat durch ein „Büro für die Zentrumspresse“ auch für Zeitungen der katholischen Zentrumspartei) und überparteiliche Zeitungen jeweils passende Sonderdienste beziehen konnten. Als Wirtschaftsdienste wurde die Konjunktur-Korrespondenz sowie Volkstümliche Wirtschaftsberichte angeboten. Die Agentur übernahm die Berliner Vertretung auswärtiger Zeitungen.
An der Deutsche Nachrichten- und Korrespondenz-Gesellschaft mbH beteiligte sich 1925 der der Deutschen Demokratischen Partei (DDP) nahestehende Verlag Neue Staat. Planungen der DDP-Spitze, die DDP-eigene Korrespondenz Demokratischer Zeitungsdienst mit Spieckers Reichsdienst zu verbinden, d. h. Spiecker mit der Herausgeberschaft und Redaktion zu beauftragen, scheiterten am internen Widerstand bei den Liberalen, weil Spiecker Zentrums- und nicht DDP-Mitglied war.
Hinter der Verlagsbeteiligung und dem Drängen auf die Beauftragung von Spieckers Büro standen die drei der DDP nahestehenden Großverlage Ullstein (u. a. Vossische Zeitung, Berliner Morgenpost, B. Z. am Mittag, Berliner Abendpost), Mosse (Berliner Tageblatt, Berliner Volks-Zeitung) und die Frankfurter Societät (Frankfurter Zeitung), mit denen Spiecker als Regierungssprecher eng zusammengearbeitet hatte. Der Verlag und Spieckers Korrespondenz galten daher bald als Gemeinschaftsgründung der drei Großverlage. Mit dem Einstieg der Investoren gab Spiecker im Februar 1926 die kaufmännische Geschäftsführung der DNKG mbH ab an die neuen Geschäftsführer Wilhelm Vogel und Ilse Albrecht; sein Redakteur Walter Asmuß erhielt als Vertrauensmann der Anteilseigner Prokura.
Spiecker war Aufsichtsrat des Verlags Germania AG. Durch den Großaktionär des Verlags, Franz von Papen, wurde Spiecker bei der Generalversammlung im Mai 1925 bei der starken Verkleinerung des Aufsichtsrats aus dem Gremium entfernt. Damit lockerte sich seine bisher enge Bindung an die Germania und die katholische Presse und reduzierte dort seinen Einfluss.
1928 wurde er Vorstandsmitglied des Reichsbanners Schwarz-Rot-Gold und der Vereinigung Republikanische Presse. 1930/31 war er unter Heinrich Brüning Sonderbeauftragter des Reiches für die Bekämpfung des Nationalsozialismus. Er versuchte den Strasser-Flügel zur Abspaltung zu bewegen, um die NSDAP zu zersplittern, aber das Vorhaben scheiterte.
Im Oktober 1928 wurde Spiecker anstelle von Herbert Silberberg zum Geschäftsführer der Verlag für Staats- und Wirtschaftsliteratur GmbH in Berlin berufen. Der Verlag hatte einst die (als Europäische Zeitung) 1916/17 gegründete Europäische Staats- und Wirtschaftszeitung – Wochenschrift für Staat, Kultur und Wirtschaft veröffentlicht, die aber in der Inflations- und Zeitungskrise im Juli 1922 eingestellt worden war. Der Verlag veröffentlichte daneben politische Bücher.