An diesem Tag

Carl Severing

Deutscher Politiker (SPD), MdR, MdL und Minister

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Carl Wilhelm Severing (* 1. Juni 1875 in Herford; † 23. Juli 1952 in Bielefeld) war ein sozialdemokratischer Politiker.

Er galt als Vertreter des rechten Parteiflügels. Über Jahrzehnte kam ihm im Parteibezirk Ostwestfalen und Lippe eine Führungsrolle zu. Severing agierte als Mitglied des Reichstages während des Deutschen Kaiserreichs und der Weimarer Republik. Eine überregional bedeutende Rolle spielte er erstmals 1919/20 als Reichs- und Staatskommissar im Ruhrgebiet.

In den Jahren 1920 bis 1926 trieb er im Freistaat Preußen als Innenminister die Demokratisierungspolitik von Verwaltung und Polizei entscheidend voran. Im zweiten Kabinett von Hermann Müller bekleidete Severing von 1928 bis 1930 das Amt des Reichsinnenministers. In der Endphase der Republik war er von 1930 bis 1932 noch einmal preußischer Innenminister.

Während der Zeit des Nationalsozialismus lebte er als Pensionär in Bielefeld. Nach Kriegsende betätigte sich Severing erneut politisch. Er war unter anderem Vorsitzender der SPD in Ostwestfalen-Lippe und Landespolitiker in Nordrhein-Westfalen.

Leben und Wirken in der Zeit des Kaiserreichs

Herkunft und erste politische Erfahrungen

Carl Severing entstammt einer Herforder Arbeiterfamilie. Er wurde als Sohn von Martin Bernhard Ludwig Gottfried Severing (1843–1917) und dessen Frau Caroline Johanne, geb. Twelker (1848–1922), geboren und wuchs in beengten Verhältnissen auf. Sein Vater arbeitete als Zigarrensortierer, seine Mutter als Weißnäherin. Die Familie war protestantisch. Sie geriet in Not, als der Vater psychisch erkrankte. Carl und ein Halbbruder mussten der Mutter beim Sortieren der Zigarren helfen, eine Tätigkeit, die in Heimarbeit verrichtet wurde. Ein Pfarrer bot an, für Carl die Finanzierung des Besuchs einer höheren Schule zu organisieren. Er schlug vor, die Laufbahn eines Pfarrers einzuschlagen, was jedoch auf Ablehnung stieß, er wollte Musiker werden. Dieser Wunsch erwies sich jedoch als nicht finanzierbar. So begann Severing nach dem Besuch der Volksschule eine Schlosserlehre, die er im Jahr 1892 abschloss.

Politik spielte in der Familie keine Rolle, dennoch zeigte Carl bereits früh Interesse an der sozialistischen Arbeiterbewegung. Ein Kollege machte ihn mit ihren Zielen vertraut. Unmittelbar nach seiner Gesellenprüfung schloss Severing sich dem freigewerkschaftlichen Deutschen Metallarbeiter-Verband (DMV) an. Innerhalb der Organisation übernahm er bald erste Positionen. So war er Schriftführer und wurde 1893 bereits als Vertreter des DMV ins örtliche Gewerkschaftskartell gewählt. Im selben Jahr trat Severing für die Gründung eines sozialdemokratischen Lokalvereins in Herford ein. Diese Gründung war allerdings nicht von langer Dauer, und Severing sah sich gezwungen, 1894 zusammen mit einigen anderen einen zweiten Versuch zu wagen. Bereits zu dieser Zeit betätigte sich Severing als Korrespondent und Ansprechpartner der sozialdemokratischen Zeitung Volkswacht aus dem benachbarten Bielefeld. Dabei lernte er mit Carl Hoffmann und Carl Schreck die damals führenden Sozialdemokraten Bielefelds kennen, mit denen ihn später ein besonderes Vertrauens- und Arbeitsverhältnis verband.

Als Gründe für sein Engagement in der Arbeiterbewegung gab er später an: „Die Beweggründe, die mich zum Anschluss an die Gewerkschaft, zum Eintritt in die sozialdemokratische Partei bestimmt haben (…) waren mehr vom Gefühl, vom Willen zur Freiheit und zum wirtschaftlichen Aufstieg als von wissenschaftlicher Erkenntnis eingegeben.“

Im Jahr 1894 verließ Severing Herford und zog nach Bielefeld. Dort gab er seine Beschäftigung im Handwerk auf und wechselte in die Industrie. Er fand eine Anstellung bei den Dürkopp-Werken. Auch in Bielefeld engagierte er sich in Partei und Gewerkschaft. 1896 spielte er eine führende Rolle bei einem gescheiterten Streik bzw. einer Aussperrung bei Dürkopp. Aus diesem Grund verlor er seinen Arbeitsplatz.

Nach dem Arbeitsplatzverlust wanderte Severing südwärts und kam 1895 nach verschiedenen Stationen nach Zürich. Dort arbeitete er als Facharbeiter in einer Metallwarenfabrik und engagierte sich für den Schweizerischen Metallarbeiterverband, der für zugewanderte deutsche Arbeitskräfte eigenständige Teilorganisationen besaß. Ebenso fand er Anschluss an den „Ortsausschuss deutscher Sozialdemokraten“ und im deutschen Arbeiterbildungsverein „Eintracht.“ In den verschiedenen Vereinen etablierte sich Severing in kurzer Zeit als eine führende Persönlichkeit. In den Schweizer Jahren wurden Severings politische Ansichten deutlich radikaler. Seine Kritik an der Politik der Sozialdemokratie führte dazu, dass er seine Funktionen im Arbeiterbildungsverein niederlegte. In seinen Reden sprach er nun häufig von der „Weltrevolution“ und nicht mehr nur von der Verbesserung der politischen und sozialen Lage der Arbeiter. Aus der Ferne beobachtete er kritisch, dass sich in der SPD Ostwestfalens ein ausgeprägt pragmatischer Kurs durchsetzte und man sogar überlegte, an den wegen des Dreiklassenwahlrechts verpönten preußischen Landtagswahlen teilzunehmen. 1898 verließ er die Schweiz wieder und kehrte nach Bielefeld zurück.

Aufstieg in der Bielefelder Arbeiterbewegung

Nach der Rückkehr aus der Schweiz heiratete Severing eine entfernte Verwandte (Emma Wilhelmine Twelker), die von ihm ein Kind erwartete. Aus der Ehe gingen zwei Kinder hervor. Das Verhältnis der Ehepartner zueinander entsprach den damaligen, eher kleinbürgerlich-patriarchalischen Verhaltensweisen. Die Frau blieb als Hausfrau ganz auf die Familie verwiesen. Severings traditionelles Rollenverständnis von Mann und Frau zeigte sich beispielsweise beim Studienbeginn seiner Tochter: Er erlaubte ihr zwar die Aufnahme eines Medizinstudiums, meinte aber, sie würde ohnehin nach ein paar Semestern aufgeben und heiraten.

Unmittelbar nach der Rückkehr engagierte er sich wieder in der regionalen Arbeiterbewegung. Vor den Bielefelder Sozialdemokraten hielt er 1899 einen ersten Vortrag, der sich mit der mangelhaften Volksschulbildung auseinandersetzte. Dagegen propagierte er Selbstbildung und Unterstützung durch sozialdemokratisch orientierte Organisationen. Lebendige Bildungsveranstaltungen hätten zudem mehr Anziehungskraft als trockene politische Vorträge. Mit seinen damals radikalen Ansichten blieb er innerparteilich weitgehend isoliert. So gelang es ihm nicht, den Bezirk Ostwestfalen zu einer Verurteilung der „Revisionisten“ um Eduard Bernstein zu bewegen.

Aufgrund des mangelnden Rückhalts in der Partei verlagerte sich der Schwerpunkt von Severings Tätigkeit auf die Gewerkschaftsarbeit. In diesem Bereich stieg er rasch auf und wurde 1901 Geschäftsführer des Ortsverbandes des Deutschen Metallarbeiter-Verbandes. Zu diesem Zeitpunkt hatte die örtliche Gewerkschaft lediglich etwa 1300 Mitglieder, dies entsprach einem Organisationsgrad von etwa 30 %. In Severings Amtszeit nahm die Mitgliederzahl um das Sechsfache zu, dies war deutlich höher als der Anstieg auf Reichsebene. Bereits 1906 lag der Organisationsgrad bei 75 %. Zu seinem Erfolg trug die Einführung eines Vertrauensmännersystems bei. Dieses System garantierte die Nähe zu den Sorgen und Nöten der Mitglieder. Severings Basisnähe war ein Grund für seine Beliebtheit bei den Bielefelder Arbeitern. Er ging bei seinen Agitationsmaßnahmen auch damals ungewohnte Wege. Werbewirksam erwies sich etwa ein von ihm zum zehnjährigen Jubiläum organisiertes Orchesterkonzert, das 2000 Besucher anlockte.

Von seiner Basis in der Metallarbeiterbewegung ausgehend dehnte Severing seinen Einflussbereich gegen heftigen Widerstand anderer Verbände auf die gesamte Gewerkschaftsorganisation in Bielefeld aus. Spätestens 1906 war er die zentrale Person in der Arbeiterbewegung der Stadt. In den Jahren 1906 und 1910 erreichte Severing ohne Streik Erfolge für die Arbeiter. Erst 1911 kam es zu einer größeren Arbeitsniederlegung, die ebenfalls erfolgreich verlief. 1912 gab er seinen Posten im DMV auf.

In den Jahren vorwiegend gewerkschaftlicher Tätigkeit wandelte sich Severings politische Auffassung deutlich. Revolutionäre Positionen wurden abgelöst von einem ausgeprägten Pragmatismus, der innerparteilich nicht selten als „rechts“ galt. Sein Ziel war nicht mehr die „Diktatur des Proletariats“, sondern die Integration der Arbeiter in die Gesellschaft. Insofern näherte er sich den einst bekämpften revisionistischen Positionen an.

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